Schloß Schlodien / Gładysze

Auf dem Weg zu meinem nächsten Ziel passierte ich eine große Baustelle. Über dem Bauzaun sah ich die Umrisse eines alten Herrensitzes. Was war denn da los? Es stellte sich heraus, daß es sich hier um die Restauration des Schlosses Schlodien (Gładysze) handelte, eines Dohnaschlosses. Donnerwetter! Und die Arbeiten waren schon sehr weit fortgeschritten. Dem Internet entnahm ich später, daß das Gebäude vom Unternehmer Stefan Hipp erworben wurde und seit 2017 renoviert wird. Das Schloß hatte den Krieg überstanden und war von einer Produktionsgenossenschaft genutzt worden, bis es in den 1980er Jahren abbrannte. Hipp "entdeckte" es dann wohl, denn er betreibt unweit einen landwirtschaftlichen Betrieb, dessen Erzeugnisse nach Deutschland exportiert werden.

Schloß Schlobitten / Słobity

30 Kilometer weiter steht die Ruine des Schlosses Schlobitten in Słobity. Schlobitten war das erste Schloß der bekannten Familie Dohna und entstand im 17. Jahrhundert. Es gehörte zu den sogenannten Königsschlössern, denn hier logierten im Laufe der Jahrhunderte sämtliche preußische Könige.
Das Schloß hatte wie Schlodien die Kriegshandlungen unversehrt überstanden und wurde dann willkürlich von der Roten Armee angezündet. Es soll drei volle Tage lange gebrannt haben. Die Besitzer und die meisten Dorfbewohner hatten sich mit einem riesigen Treck nach Westen abgesetzt.
Die Zuwegung zum Schloß war zur Zeit meines Besuches durch ein brandneues Holztor versperrt. Wie ärgerlich! Aber wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Durch Brennesseln und Unterholz fand ich einen Weg auf das Gelände. Es war schon beeindruckend - und irgend jemand - der Erbauer des Holztors? - hatte in der Ruine kleine Bäumchen gefällt. Trotzdem schreitet der Verfall fort. Der noch auf wenige Jahre alten Photos erkennbare Kamin ist mittlerweile auch eingestürzt.
Ich mußte an meinen Besuch von Schloß Schönhausen, Berlin, im letzten Oktober denken, wo ich eine Reihe aus Schlobitten geretteter Gegenstände in in einer Sonderausstellung besichtigen konnte. Wer hätte gedacht, daß ich nur ein knappes Jahr später an deren Ursprungsort stehen würde!

Quittainen / Kwitajny

Gedankenverloren fuhr ich weiter in Richtung Quittainen (Kwitajny), allerdings nicht den vom Navi vorgeschlagenen Weg, sondern über die Dörfer - sprich: sehr schlechte Straßen. Landwirtschaft dominierte die Landschaft und die Landwirte waren dabei, die Felder nach der Getreideerne umzubrechen.
Quittainen wurde selbstverständlich durch Marion Gräfin Döhnhoff bekannt, die gegenüber vom Schloß im Rentamt wohnte und den Gutsbetrieb ihres Bruders während des Krieges leitete. Bei meinem Besuch waren Dachstuhlarbeiten in vollem Gange und die die alten Bretter lagen vor dem Haus. Das Schloß ist im Vergleich mit den anderen Schlössern der Region sehr klein. Das ruinöse Rentamt wurde mittlerweile durch Balken gestützt. Ein Betreten des Geländes ist verboten.
Am nahegelegenen Vorwerk mit riesigem Speicher waren ebenfalls Dachsicherungsarbeiten in vollem Gange. Das alte Forsthaus war auch heute noch Forsthaus und die Gutskirche bestens restauriert.

Elbing / Elbląg

Von Quittainen aus fuhr ich in 40 Minuten nach Elbing (Elbląg). Einen Abstecher zum bekannten Oberländer Kanal ließ ich wegen der fortgeschrittenen Zeit fallen. Nach Einchecken in meinem neuen Quartier direkt am Elbing-Fluß nutzte ich die noch verbliebene Zeit, zu Fuß in die nahegelegene Altstadt Elbings zu gehen. Die Stadt nahe der Ostsee, auch eine Gründung des Deutschen Ordens aus dem 13. Jahrhundert, gehörte bis 1922 zu Westpreußen und danach erst zu Ostpreußen. Die Stadt wurde am Ende des Zweiten Weltkriegs zu 60-80 % zerstört, darunter auch zahlreiche Baudenkmäler. Ab den 1990er Jahren wurde die Altstadt zu großen Teilen unter Verwendung historistischer Bauformen oder teilweise auch original wieder aufgebaut, die sich um die originalgetreu wieder errichtete Nikolaikirche gruppieren. Einige Baulücken bestanden aber z.Zt. meines Besuches immer noch.

Nun brach mein letzter Tag vor der Heimreise an und bei strahlendem Sonnenschein wollte ich an die Küste fahren. Ziel war u.a. das ehemalige Konzentrationslager in Stutthof, welches durch den vor einigen Wochen (Ende Juli) beendeten Prozeß gegen einen ehemaligen Wachmann des Lagers noch mal in das Licht der Öffentlichkeit rückte.
Ich verpaßte allerdings auf der neuen Autobahn von Elbing nach Danzig die Abfahrt und mußt einen Umweg fahren - der sich allerdings lohnte. Denn so erreichte ich die Schleusen von Einlage (Przegalina) und wenig später stand ich zu meinem Erstaunen vor einem Wasserarm, der nur mit einer Fähre zu überqueren war.
Die Wartezeit nutzte ich zum Lesen des hochinteressanten Erläuterungsschildes. Ende des 19. Jahrhundert beschloß der preußische Staat nach mehreren verheerenden Weichselhochwassern, den Fluß in andere Bahnen zu lenken und die Stadt Danzig zu schützen. In der unglaublich kurzen Zeit von 1891-95 wurde ein 2 Kilometer langer Durchstich zur Ostsee angelegt, 250-400 Meter breit und befestigt. Die Schleuse verbindet den Durchstich mit dem eigentlichen Weichselarm, nun Tote Weichsel genannt. Die Fähre überquerte den Weichseldurchstich und die Fahrt war bei schönstem Wetter wie eine kleine Kreuzfahrt.

KZ-Stutthof

Parallel zur Küste fuhr ich weiter nach Osten nach Stutthof (Sztutowo). Tourismus und die entsprechenden Einrichtungen bestimmten längs der Straße das Bild. Am Nordende der Stadt, schon am Beginn der Frischen Nehrung, befand sich die KZ-Gedenkstätte.
1939 handelte es sich bei dem Komplex erst um ein Zivilgefangenenlager, ab Ende 1941 um ein Sonderlager und ab Anfang 1942 um ein Konzentrationslager. Neben dem Lager siedelten sich, wie ich auch schon in Janowska bei Lemberg/Lviv in der der jetzigen Ukraine gesehen hatte, u.a. die Deutschen Ausrüstungswerke an, in denen die Gefangenen Zwangsarbeit leisten mußten. Ein ab 1943 errichteter Lagerausbau wurde nie fertiggestellt. Ab 1944 war Stutthof Vernichtungslager mit einer Gaskammer und Krematorium.
Stutthof, obwohl selbst recht klein, hatte zahlreiche Außenlager, auch im jetzigen, nördlichen Ostpreußen. Angesichts des Anrückens der sowjetischen Truppen wurden im Januar 1945 diese Außenlager aufgelöst und die Insassen über Königsberg nach Palmnicken und dort die eisige Ostsee getrieben. Bei meinem Besuch dort 2017 besichtigte ich die Gedenkstätte direkt am Strand.

Frische Nehrung

Gedankenverloren verließ ich die Gedenkstätte und fuhr weiter nach Norden auf die Frische Nehrung. Die gleiche Idee hatten bei bestem Wetter augenscheinlich auch noch viele andere Personen, denn der Verkehr war sehr dicht und staute sich bald zurück. Was war denn hier los? Bald passierte ich eine riesige Baustelle. Eine spätere Recherche ergab, daß der polnische Staat hier einen Durchstich vom Haff zur Ostsee vornimmt. Der einzige Zugang zur Ostsee erfolgt nämlich bislang über das russische Baltisk (Pillau). Der Eingriff in die Natur ist enorm und es muß sich herausstellen, inwiefern es Auswirkungen auf das einmalige Ökosystem des Haffs haben wird.

Ich fuhr weiter bis zum Städtchen Kahlberg (Krynica Morska), welches schon unübersehbar zu deutschen Zeiten ein beliebtes Seebad war. Neben den wilhelminischen Gebäuden errichtete man später weitere Gebäude. Kurzum: alles war zugebaut und gab es überhaupt einen Zugang zum Wasser, wurden Gebühren erhoben (so am Hafen). Nach einiger Sucherei fand ich etwas nördlich doch noch einen sehr versteckten Wasserzugang und war überrascht. Dort war nagelneu ein Wall mit obenliegenden Asphaltweg angelegt worden. Der Wall zog sich bis zum Hafen und von der erhöhten Position aus konnte ich sogar ganz weit am anderen Ufer mit bloßem Auge den Kirchturm von Frauenburg (Fromborg) erkennen.
Ich erinnerte mich an die zahlreichen Berichte, die ich über die fürchterliche Flucht der Ostpreußen im Januar 1945 über eben dieses Haff gelesen hatte. Im letzten Jahr waren in Polen sensationelle sowjetische Photos dieser Flucht aufgetaucht, die das ganze Elend abbildeten.
Ich ließ den Tag am gutgefüllten Ostseestrand ausklingen - nicht sehr weit entfernt konnte man auf der russischen Seite der Nehrung einen russischen Antennenmast erkennen…. Alles erinnerte mich stark an meinen Besuch auf der Kurischen Nehrung, wo sowohl auf russischer als auch litauischer Seite Horchposten standen…

Am nächsten Tag machte ich mich auf den Heimweg über die polnische Straße 22, die alte Reichsstraße 1, die mich in Malbork unmittelbar an der imposanten Marienburg vorbeiführte, die ich bereits 2009 ausgiebig besichtigt hatte. Weiter ging es nach Süden, wobei die Straße hier zu einer supermodernen Autobahn ausgebaut wurde. Um die Fahrt nicht so langweilig zu gestalten, legte ich einen Stop in Bromberg (Bydgoszcz) ein und besichtigte bei strahlendem Sonnenschein die Altstadt mit den wunderschönen Speichern und dem imposanten Marktplatz.

Einen letzten Stop legte ich in Kunersdorf (Kunowice) nahe Frankfurt/Oder ein, Geschichtsinteressierten womöglich bekannt von der Schlacht bei Kunersdorf, bei der Friedrich der Große 1768 eine vernichtende Niederlage erlitt.

Fazit der Reise:

Nach meinen Besuchen 2009 in Danzig und Umgebung und 2017 im Oblast Kaliningrad, dem nördlichen Ostpreußen, ist es spannend, Vergleiche zu ziehen. Die Zerstörungen auf beiden Seiten der heutigen Grenze waren gleich und somit auch die Ausgangslage. Die Entwicklung geht aber mittlerweile in sehr verschiedenen Richtungen. Beim Bereisen der alten Provinz fallen direkt zwei Dinge ins Auge: auf der russischen Seite die Ruinen zerstörter Kirchen und die großflächig fehlende landwirtschaftliche Nutzung des Landes. Auf polnischer Seite wurden bereits ab den 1950er und 60er Jahren quasi alle Kirchen wiederaufgebaut oder restauriert. Das trifft auch auf den ehemaligen evanglischen zu, die überwiegend in die Nutzung der katholischen Kirche übergingen. Und die alte Provinz ist ganz augenscheinlich wie früher eine Kornkammer. Die zahlreichen, auch nagelneuen, Kornspeicher unterstreichen das Bild. Nach dem Beitritt Polens zur EU 2004 fließen nun auch Mittel aus Brüssel: Straßen wurden asphaltiert oder oft auch das alte Pflaster neu verlegt, öffentliche Gebäude präsentieren sich bestens restauriert, überall finden sich neue Museen. Private, historische Häuser wurden zu vielleicht 50 % komplett restauriert, an anderen wurden Ausbesserungen vorgenommen, zumeist neue Dächer und Fenster installiert. Die Außenfassaden blieben ansonsten noch im Vorkriegsstatus. Im Gegensatz zum russischen Oblast sieht man auf der polnischen Seite durchaus wiederaufgebaute Herrensitze. Bedrückend ist die Tatsache, daß einige Herrenhäuser den 2. Weltkrieg überstanden hatten und bis in die 1980er Jahre durch polnische Institutitionen genutzt wurden und die endgültige Zerstörung erst in den Jahrzehnten nach der Wende erfolgte. Auch überhoben sich diverse Investoren finanziell bei geplanten Rekonstruktionen.
Im Gegensatz zur russischen Seite muß man auf der polnischen Seite schon sehr suchen, wenn man einen Ort finden möchte, "in dem die Zeit stehengeblieben ist".
Hüben wie drüben haben die Bewohner die deutsche Vorgeschichte ihres Landes entdeckt und es gibt Bestrebungen, zu retten, was noch zu retten ist. Auf russischer Seite geschieht dies aber durch private Initiativen.
Empfehlenswert ist auf alle Fälle der Besuch beider Provinzteile. Leider ist das auf Grund der EU-Außengrenze bei einem Aufenthalt nur möglich mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder dem privaten Wagen. Es existiert auf beiden Grenzseiten keine Autoverbietung, die die Mitnahme eines Leihwagens über die Grenze gestattet. Reist man also per Flugzeug an und fährt mit dem Leihwagen weiter, ist ein Grenzübertritt unmöglich.


Literaturempfehlungen:


- Micklitza, André: Masuren. Mit Marienburg, Danzig und Thorn. 10. Aufl. 2019 (Trescher Verlag)
- Dönhoff, Marion Gräfin: Kindheit in Ostpreußen. Zahlreiche Ausgaben
- dto.: Namen, die keiner mehr nennt: Ostpreußen - Menschen und Geschichte. Zahlreiche Ausgaben
- Lachauer, Ulla: Ostpreußische Lebensläufe. Reinbek bei Hamburg 1998
- Lehndorff, Hans Graf von: Menschen, Pferde, weites Land: Kindheits- und Jugenderinnerungen. Zahlreiche Ausgaben
- dto.: Ostpreußisches Tagebuch: Aufzeichnungen eines Arztes aus den Jahren 1945 - 1947. Zahlreiche Ausgaben
- Raksimowicz-Skibinska, Maria: Oni byli tu przed nami / Sie waren vor uns hier. Ketrzyn 2019
- Zduniak, Jan: Reiseführer Masuren und Umgebung. Ketrzyn 2001

Links:


- Ostpreußen Net Alles zum Thema Ostpreußen. Von der Geschichte bis zur Gegenwart