Das Zwangsarbeiterlager Janowska

Das Zwangsarbeiterlager Janowska bestand drei Jahre und entwickelte sich innerhalb kürzester Zeit auch zum Transit- und Vernichtungslager. Erstaunlicherweise ist die Existenz des Lagers, im Gegensatz zu beispielsweise Auschwitz, einer breiteren Öffentlichkeit nicht bekannt.
In dem anschließenden Text fasse ich den derzeitigen Forschungsstand zusammen. Bislang gibt es noch keine umfassende wissenschaftliche Untersuchung zur Historie des Lagers, sondern nur einige wenige verstreute Veröffentlichungen.

Im zweiten Teil dieses Textes findet sich eine Sammlung aller mir bekannten Karten, Skizzen, Pläne, Zeichnungen und Photographien, die ich nach langwieriger Suche zusammengetragen habe. Für ein Lager mit der Bedeutung Janowskas gibt es nur außerordentlich wenige Photos, die es in Betrieb zeigen. Die meisten bekannten Photos stammen von der sowjetischen Kommission, die im Sommer 1944 das Lager untersuchte. Viele Photos stammen auch von den Prozessen der nach 1945 angeklagten Personen.
Der dritte Teil des Textes führt in die Gegenwart. Anhand einer alten Luftaufnahme von 1944 und dem Abgleich mit der heutigen Situation habe ich versucht festzustellen, welche Gebäude und Straßen vom Zwangsarbeiterlager und der angrenzenden Fabrik (Deutsches Ausrüstungswerk D.A.W.) noch identifizierbar sind.

Das Lager wurde im September 1941 im deutsch besetzten Polen im Außenbereich von Lwów (heute Lviv, Ukraine) errichtet. Der Name leitete sich von der Straße ulica Janowska heute Schewtschenko-Straße) ab. Das Lager wurde im Juli 1944 kurz vor der Gegenoffensive der Roten Armee liquidiert.
Die Zahl der Opfer ist wegen valider Zahlen nur schwer zu schätzen. Heute geht man davon aus, daß ca. 100.000 Personen in den drei Jahren der Existenz Gefangene in Janowska waren. Die Zahl der Ermordeten wird auf 40.-80.000 geschätzt.

Vorgeschichte

Als Folge des Molotov-Ribbentrop Paktes besetzte die Sowjetunion im September 1939 die Stadt Lwów, gelegen in der Zweiten Polnischen Republik. Zu der Zeit lebten ca. 330.000 Juden in Lwów, davon ca. 90.000 Kinder und Kleinkinder. Mehr als 150.000 davon waren Flüchtlinge des deutsch besetzten westlichen Teils Polens. Im Juni 1941, nach dem Beginn des Unternehmens Barbarossa (Überfall auf die Sowjetunion), besetzten deutsche Truppen Lwów.

Vor ihrem Rückzug im Juni 1941 töteten die Sowjets in den sogenannten NKWD-Gefängnis-Massakern etwa 7.000 polnische und ukrainische Zivilisten in Lwów. Die Gefangenen waren in den Gefängnissen Brygidki, Zamarstynów und Lackiego (Łąckiego) interniert. Die einmarschierten deutschen Truppen benutzten die Massaker zu Propagandazwecken. Sie beschuldigten sowjetische Juden im Dienste des NKWD als Akteure und initiierten so das erste Lemberger Pogrom, bei welchem zwischen dem 30. Juni und 2. Juli 1941 über 4.000 polnische Juden von ukrainischen Nationalisten ermordet wurden. Weitere 2.500 bis 3.000 Juden wurden von den deutschen Einsatztruppen ermordet. Das Eintreffen der deutschen Wehrmacht setzte eine Welle von antijüdischen Gefühlen frei und so, ermutigt durch die deutschen Truppen, ermordeten ukrainische Nationalisten weitere 5.500 Juden während des zweiten Lemberger Pogroms vom 25. bis 27. Juli 1941. Diese Zeit wurde als "Petliura Tage" bekannt, benannt nach dem nationalistischen Anführer Symon Petliura. Drei Tage lang zog ein ukrainischer Mob mordend durch die jüdischen Lemberger Bezirke und Gruppen von Juden wurden zum jüdischen Friedhof und zum Gefängnis an der Lackiego Straße getrieben und dort ermordet. Tausende weitere wurden verletzt.

Anfang November 1941 wurde von der deutschen Besatzung im nördlichen Stadtbereich von Lwów ein Ghetto errichtet, in welches man jüdische Personen zwangsumsiedelte. Einige Monate später, im März 1942, begann die Sicherheitspolizei unter Friedrich "Fritz" Katzmann Juden vom Ghetto in das Konzentrationslager Belzec zu deportieren. Bis August 1942 waren mehr als 65.000 Juden von Lwów in Vernichtungslager deportiert worden. Anfang Juni 1943 wurde das Ghetto zerstört und aufgelöst.

Das Lager

Zusätzlich zum Ghetto wurde in der nordwestlichen Vorstadt von der deutschen Besatzung ein Versorgungsbetrieb für die Deutsche Wehrmacht eingerichtet. Der dafür verwendete Gebäudekomplex gehörte vor dem Krieg der jüdischen Maschinenfabrik Steinhaus in der Janowska Straße 134. Während der sowjetischen Besatzung war die Fabrik verstaatlicht worden. Im Juli 1941 entsandte SS-Brigadeführer Odilo Globocnik, der bereits Erfahrungen mit der Einrichtung von Ausrüstungswerken in Lublin hatte, seinen Stellvertreter, SS-Untersturmführer Wolfgang Mohwinkel nach Lemberg, um auch dort auch ein Ausrüstungswerk aufzubauen. Mohwinkel wurde von ca. 10 Angehörigen der notorischen SS-Dirlewanger Brigade, die als Wachen fungieren sollten, begleitet.

Im September 1941 wurde der ehemals Steinhaussche Betrieb Teil der Deutschen Ausrüstungswerke D.A.W., eines Fabrik-Netzwerkes, welches von der SS betrieben wurde (gehörig zum SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt [WVHA]). Das D.A.W. war Produktions- und Montagestätte für Kriegsausrüstung.

Der Betriebsleiter und damit Nachfolger Mohwinkels, der zurück in das von ihm geleitete Zwangsarbeiterlager Lublin-Lipowa ging, war vom 1.8.1941 bis 1944 der 35jährige SS-Obersturmführer Gotthard Fritz Gebauer, der zusammen mit seiner Frau Emmi nach Lemberg zog.

Juden wurden im D.A.W. als Facharbeiter eingesetzt, vor allem als Schreiner, Schuhmacher, Schneider, Schlosser, KFZ-Mechaniker und im Metallbau. Das Lager expandierte schnell. Von ursprünglich etwa 50 Zwangsarbeitern stieg die Zahl bis Ende Oktober 1941 auf knapp 600 Juden an, die vom Lemberger Judenrat auf deutsche Anordnung in die Janowska Straße geschickt wurden.

Von Oktober 1941 an wurde neben den D.A.W. von Zwangsarbeitern ein Barackenlager eingerichtet, welches am 1. November zum Zwangsarbeitslager (ZAL) erklärt wurde. Hatten die Fachkräfte bis zu diesem Datum abends immer wieder nach Hause gehen dürfen, so mußten die meisten von nun an permanent im Werk bleiben. Aufgrund der miserablen Lebensverhältnisse, Mißhandlungen, Erschöpfung usw. starben von den im November 1941 internierten 900 jüdischen und polnischen Zwangsarbeitern bis zum März 1942 840.

Das gesamte Areal war in drei Teile gegliedert: im zentralen Bereich standen die Baracken der Zwangsarbeiter, die jeweils ca. 2.000 Personen aufnehmen konnten. Jüdische und nicht-jüdische Häftlinge waren getrennt untergebracht und dann jeweils noch nach Männern und Frauen geteilt. Daneben gab es eine Küche und Latrinen. Angrenzend, aber abgetrennt, waren Werkstätten, Garagen, Ställe usw. Zwischen D.A.W. und ZAL waren die Einrichtungen des Betriebspersonals wie das Haus des Kommandanten mit Garten, Büros und Wohnbaracken der Wachmannschaft. Südöstlich angrenzend befand sich das Betriebsgelände der D.A.W. mit Werkstatts- und Verwaltungsgebäuden. Zwischen D.A.W. und ZAL befand sich ein Durchgang, beide Einrichtungen hatten aber jeweils separate Haupteingänge. Das gesamte Lager war mit einem doppelten Stacheldrahtzaun umgeben und in regelmäßigen Abständen standen Wachtürme. Vom ZAL gab es im Norden einen Zaundurchlaß zu den sogenannten Piaski, einer sandigen Hügelkette nördlich des Lagers.

Zu Beginn der Lagereinrichtung wurde das Lager durch eine kleine Gruppe SS-Männer bewacht ("Dirlewanger"). Das Fabrikgelände bewachten ab Ende 1941 bis Frühjahr 1942 eine Gruppe ukrainischer Hilfspolizisten des ukrainischen Polizeikommandos ("Askaris"). Dies wiederum war der deutschen Schutzpolizei in Lemberg unterstellt. Die Hilfspolizisten wurden dann durch 100 sogenannte Trawniki ("fremdvölkische" SS-Einheiten) ersetzt. Die Wachmänner standen unter dem Befehl von SS-Scharführer Adolf Kolonko und SS-Untersturmführer Richard Rokita. Letzterer war vor seiner Versetzung nach Janowska Ausbildungsleiter im SS-Ausbildungslager Trawniki gewesen. Leitend unterstand das Kommando dem SS-Brigadeführer Friedrich Katzmann, SS- und Polizeiführer (SSPF) von Galizien.

Im November 1941 war SS-Untersturmführer Gustav Willhaus in das D.A.W. Lager versetzt worden, dessen Erweiterung er beaufsichtigen sollte. Er brachte, wie auch sein Chef, seine Familie mit: sein Frau Elisabeth "Liesel" und dreijährige Tochter Heike. Er wurde gleichzeitig Vertreter Gebauers, mit dem er aber nicht auskam. Die beiden gingen sich aus dem Weg oder stritten sich vor den Häftlingen und Willhaus benannte sogar seinen Dackel nach Gebauers Vornamen Fritz.

Am 1. März 1942 wurde Willhaus vom D.A.W. zum Zwangsarbeiterlager und damit zu Katzmann versetzt, der vermutlich daran mitgewirkt hatte. Leon Weliczker (später Wells) und andere Lagerinsassen vermuteten sogar (fälschlicherweise), daß Willhaus Katzmanns Schwager sei. Das gute Verhältnis zwischen Willhaus und Katzmann rührte aber wohl eher daher, daß beide das gleiche Ziel hatten, statt eines kleinen Arbeitslagers ein großes Konzentrationslager zu errichten. Das Verhältnis von Gebauer zu Willhaus war nun endgültig gestört, da letzterer für eigene Zwecke Zwangsarbeiter aus den D.A.W. in das Zwangsarbeiterlager abzog.

Neben seiner Rolle als jüdisches Zwangsarbeiterlager hatte Janowska ab 1942 auch die Rolle als Durchgangslager für Massendeportationen aus dem deutsch besetzten südöstlichen Polen (heute Westukraine) in Vernichtungslager. Wie auch in Auschwitz gab es in Janowska Selektionen.

Arbeitsfähige und qualifizierte Personen aus dem Lemberger Ghetto wurden ab dem Frühjahr 1942 zur Reduzierung der Bevölkerung im Ghetto in das D.A.W. geschickt. Als arbeitsunfähig eingestufte Personen wurden am direkt neben dem Lager gelegenen Bahnhof Kleparow selektiert und in der Vernichtungslager Belzec deportiert.

Mitte Juni 1942 wurde das Gelände der D.A.W. erheblich erweitert, so gab es z.B. südlich der Janowska-Straße direkte Laderampen zum Bahnholf Kleparow. Ab Juli 1942 war Willhaus Lagerkommandant und Richard Rokita aus Kattowitz sein Stellvertreter (bis 1. November).

Willhaus und Rokita überboten sich förmlich in Mißhandlungen und Tötungen der Gefangenen. Nach dem Krieg berichteten diverse Überlebende des Lagers wie Simon Wiesenthal oder Leon Weliczker über die Greultaten. Auch in den Zeichnungen des Überlebenden Ochs (später Porath) finden sich zahlreiche Darstellungen der sadistischen Taten. Willhaus erschoß so z.B. vom Balkon seines Wohnhauses - in Anwesenheit von Frau und Tochter - Gefangene auf dem Appellplatz, Rokita zwang Häftlinge im Winter in Wasserfässer zu steigen und ließ sie dort erfrieren. Reihenweise erschoß er mit seinem Revolver Gefangene mit Genickschuß und verfiel dabei diverse Male in einen regelrechten Blutrausch. Nackte Frauen band er öffentlich an eine "Affenschaukel" und peitschte sie aus. Gleichzeitig brachte er jede Nacht in betrunkenem Zustand jüdische Frauen in sein Haus. Auch Gebauer unterhielt ein Verhältnis zu einer jüdischen Gefangenen. Seine Frau hatte ein Verhältnis mit ihrem jüdischen Chauffeur.
Rokita, der vor dem Krieg Kaffeehausmusiker gewesen war, initiierte die Einrichtung eines Lagerorchesters unter Leitung des Lemberger Musikprofessors Leonid Striks/Stricks. Rokita beauftragte auch den Schlagerkomponisten Sigmund Schlächter (nach anderen Quellen Yakub Mund, dem ehem. Direktor der Lemberger Oper) mit der Komposition des "Todestangos", der immer gespielt werden mußte, wenn Arbeitsbrigaden das Lager verließen oder wieder betraten oder Häftlinge zur Exekution gebracht wurden. Der Tango basierte auf einem Werk von Eduardo Bianco.
Ende 1942 erschoß Rokita eigenhändig alle Mitglieder des Orchesters, während es auf dem Appellplatz spielte.

Unter Rokitas Ägide stand auch die Organisation des jüdischen Arbeitseinsatzes. Einige Brigaden gingen morgendlich vom Zwangsarbeiterlager ins D.A.W., andere wurden in Betriebsstätten außerhalb des Lagers per Lastwagen oder Straßenbahn gebracht. Einsatzorte waren beispielsweise das Ostbahn-Ausbesserungswerk, das Heeresbauamt oder der Flugplatz. Diese Transporte fanden in aller Öffentlichkeit statt und wurden von der Lemberger Bevölkerung wahrgenommen. Ein Teil der Häftlinge verblieb im Lager für dort anfallende Arbeiten z.B. in der Küche und Latrinenreinigung.

Unzweifelhaft ist die Rolle Janowskas als Ausbildungslager für das Erlernen und Verbreiten äußerster Brutalität. Niedrigrangige SS-Männer aus Janowska wurden häufig später Leiter anderer Lager oder Ghettos, kehrten wieder nach Janowska zurück um danach wieder andere Posten anzutreten. Zeitweise verließen SS-Männer wie Willhaus, Kolonko oder Schönbach Janowska nur für einen Tag, um an einem anderen Ort in Sublagern eigenhändig Juden zu erschießen oder in in Brand gesetzten Baracken zu verbrennen.

Der Lagerkomplex diente auch als Durchgangslager. Aus dem ZAL wurden zahlreiche Häftlinge in die Lager weitergegeben, die von 1941 bis 1942 zum Bau der Durchgangsstraße IV vom Distrikt Galizien zum Reichkommissariat Ukraine erbaut wurde. Gleichzeitig wurden zahlreiche Gefangenentransporte aus dem ganzen Distrikt nach Janowska zur Selektion gebracht.

Nach der Liquidation des Lemberger Ghettos im Juni 1943 wurden Bewohner, die als arbeitstauglich eingestuft wurden, nach Janowska geschickt und das Lager erreichte eine Häftlingsanzahl von 10.000. Davon waren ca. 1.800-2.000 im D.A.W.-Betrieb beschäftigt, der zu der Zeit extrem leistungsfähig war und im dritten Quartal des Jahres 1943 in der wirtschaftlichen Produktivität hinter Auschwitz und Lublin auf dem dritten Platz rangierte.
Alle als arbeitsuntauglich eingestuften Personen wurden zur Tötung nach Belzec deportiert oder in Gruppen hinter eine Hügelkette nördlich des Lagers gebracht ("Piaski") und dort ermordet.

Zur gleichen Zeit, im Juni 1943, wurde Lagerkommandant Willhaus an die Front zu einer SS-Einheit versetzt und durch den volksdeutschen SS-Hauptsturmführer Friedrich Warzok ersetzt.

Janowska diente aber nicht nur als Durchgangslager für Menschen sondern auch für Materialien. Dazu gehörten in großem Maße auch die Kleidung ermordeter Juden aus dem ganzen Distrikt als auch aus dem Lager und den Piaski. Der ebenfalls volksdeutsche SS-Sturmmann Peter Blum aus Ungarn war verantwortlich für eine große Wäscherei und Ausbesserungsschneiderei, die Bekleidung für die Weiterverwendung aufarbeitete.

Mit den zunehmenden militärischen Mißerfolgen der Wehrmacht und dem Vorrücken der Roten Armee beschleunigte sich der Prozeß der Judentötungen auch in Lemberg. Ein zentrales Problem der Lagerleitung war die Schließung der Gaskammern in Belzec im Dezember 1942 (dort gab es ein massives Problem mit den überfüllten Massengräbern). Augenscheinlich versuchte man, Deportationszüge in noch geöffnete Vernichtungslager wie Treblinka zu schicken. Dies erwies sich anscheinend als nicht praktikabel, um mit den extrem stark schwankenden Häftlingszahlen umzugehen. Kaum waren z.B. im Sommer 1943 Tausende Juden aus Janowska unter Ägide von SS-Scharführer Roman Schönbach deportiert worden, erreichten große Mengen neuer Gefangener aus anderen Bereichen Galiziens das Lager. Die Lagerleitung ließ daraufhin alle als nichts-arbeitsfähig eingestuften Neuankömmlinge und fast alle im Lager befindlichen "Althäftlinge" direkt in tagelang andauernden Massenerschießungen in den Piaski-Hügeln hinter dem Lager ermorden. Im Juni fielen diesen Erschießungen innerhalb von drei Tagen mindestens 10.000 Juden zum Opfer.

Die Erschießung von kleineren Gefangenengruppen gehörte zur Tagesordnung im Lager. Janowska entwickelte sich nicht vom Arbeits- zum Vernichtungslager - im Lager wurde vom Beginn der Einrichtung an kontinuierlich gemordet. Entweder überließ man schwache Gefangene ihrem Schicksal "zwischen dem Stacheldraht" oder brachte sie direkt zum offiziellen Tötungsort in die Piaski-Hügel. Ein Gelände nahe der Küche innerhalb des Lagers diente als informeller Tötungsort und dort hatte die SS auch einen Galgen errichten lassen. Wie spätere Zeugenaussagen belegten, überboten sich die SS-Männer im Lager förmlich mit unbeschreiblichen Bestialitäten. Auch rangniedere Personen, wie der SS-Scharführer (= Unterfeldwebel) Roman Schönbach kannten kein Pardon. Im sogenannten Lemberger Prozeß nach dem Kriege wurde er verurteilt, weil er im Lager 60 Kinder vor den Augen ihrer Eltern mit Hammerhieben auf den Kopf erschlug.

In den Piaski beaufsichtigen die Wachmannschaften erst Arbeitskommandos, die lange Gruben ausheben mußten. Nach getaner Arbeit wurden die Arbeiter sofort selbst dort erschossen. Dann führten die Wachen die nächsten Opfer in Gruppen durch einen Pfad in die Hügel, zwangen die Gefangenen, sich in Sichtweite der Gruben komplett zu entkleiden, stellten sie an den Gruben auf und erschossen sie. Einige Gefangenengruppen wurden auch mit LKW an den östlichen Lemberger Stadtrand in den Lyczaków Wald gefahren und dort erschossen. In den Jahren vorher waren da schon große Gruppen sowjetischer Kriegsgefangener erschossen und vergraben worden.

Das Sonderkommando 1005

1942 wurde im ZAL das Sonderkommando 1005 gegründet. Die Planung für die sogenannte Sonderaktion 1005 begann möglicherweise bereits im Januar auf Betreiben von Reinhard Heydrich, der den SS-Standartenführer Paul Blobel nach Berlin einbestellte. Blobel sollte eine systematische Spurenbeseitigung der Massentötungen durchführen, da bei den deutschen Kriegsgegnern bereits Gerüchte kursierten. Zudem gab es in Treblinka und Auschwitz massive Probleme mit unterirdisch verwesenden Toten.

Blobel experimentierte daraufhin mit Methoden zur effektiven Beseitigung der Leichenmassen und entwickelte ein Verfahren, in dem auf einem Gestell von Eisenbahnschienen Leichen und Holz wechselweise übereinander geschichtet und mit Öl übergossen wurden. Die trotzdem entstehenden Verbrennungsrückstände wurden in einer großen Knochenmühle zermahlen. Mit dem stetigen Vorrücken der Sowjetarmee geriet die SS unter Zugzwang, die Spuren des Mordens schnellstmöglichst zu vertuschen. Der Reichsführer SS Heinrich Himmler befahl im Mai 1943 das systematische Öffnen der Massengräber an der gesamten Ostfront und Verbrennen der Leichen und Zerkleinern der Knochenrückstände.

Kurz darauf wurde in Janowska das erste, etwa 130 Mann starke Arbeitskommando mit dieser Aufgabe betraut. Durch Zufall konnten einige wenige Häftlinge dieses Kommandos entkommen und nach dem Krieg detailliert berichten. Berühmtheit erlangte das Buch von Leon Weliczer-Wells "Ein Sohn Hiobs", welches die unvorstellbare Arbeit beschreibt.
So öffneten einige Arbeiter die Massengräber und hoben die Leichen mit bloßen Händen oder Eisenhaken heraus. Andere schichteten die Leichen auf die Verbrennungsgestelle, wo ein "Brandmeister" für das stetige Brennen des Feuers zu sorgen hatte. Dieser Brandmeister mußte zur Steigerung der Perversität eine aus Leder gefertigte Kappe mit Hörnern aufsetzten, die ihm einen teuflischen Anblick verlieh. Als Brandbeschleuniger wurde mit einer Pumpe Öl auf die Leichenberge gepumpt. Ein "Zähler" glich die Anzahl der verbrannten Leichen mit exakten Aufzeichnungen ab, die von den Toten in den Massengräbern existierten. Die "Aschkolonne" durchsiebte anschließend die Asche mit Mehlsieben auf der Suche nach Gold und Wertgegenständen. Größere, unverbrennbare Knochenreste wurden später in einer Knochenmühle gemahlen. Die Asche und Knochenpartikel wurden dann in der gesamten Umgebung verstreut. Die Gruben wurden zugeschüttet, die Oberfläche gepflügt und Gras eingesät. Bewacht wurden die Arbeiter durch Schutzpolizisten des 23. SS-Polizei-Schutz-Regiments, das an und für sich gegen Partisanen eingesetzt war. An den Hinrichtungen nehmen die Schupos nicht teil.
Weliczker berichtet auch, daß die Arbeiten in Janowska als Vorbild für andere "Leichenkommandos" diente und regelrechte Schulungen abgehalten wurden. Dies deckt sich mit spätereren historischen Untersuchungen. Demnach erkor Blobel das Janowska-Lager zum Trainingscamp für Schulungen. Die Piaski Sandhügel und die enorme Menge an Massengräbern hatten ihn wohl zu diesem Entschluß geführt. Zum Schulungsdirektor bestimmte Blobel SS-Untersturmführer Walter Schallock vom Widerstandsreferat der Lemberger Gestapo. Blobel selbst kam nur noch dann und wann zum Lager, um sich vom Fortgang der Arbeiten zu überzeugen und überließ Schallock die Durchführung. Weliczker beschreibt en detail in seinem Buch Schallocks (bei ihm "Scherlack") fraktales Auftreten. Ansonsten wirkte Anton Löhnert, SS-Untersturmführer und Referent von Friedrich Katzmann, maßgeblich an der Einrichtung des Kommandos 1005 mit, denn er ordnete die Abstellung von Ordnungspolizisten an und liefert später laufend die Daten zum Stand der Aktionen an Katzmann.

Nach dem Abschluß der Arbeiten in den Piaski führte das Kommando ab Anfang September 1943 auch im Lyczaków Wald Exhumierungen und Verbrennungen durch, bis es dort am 19. November 1943 zu einem Aufstand und der Flucht einiger Arbeiter - so auch Weliczker - kam. Vorausgegangen war am 12. November die Überführung der restlichen im D.A.W. befindlichen ca. 3.000 Zwangsarbeiter in das ZAL durch die SS. Durch die massiven Rückschläge der deutschen Wehrmacht an der Ostfront und bewaffnete Ghettoaufstände waren die SS-Dienststellen zur Entscheidung gelangt, Janowska schnellstmöglichst zu liquidieren. Nicht zu Unrecht befürchteten die Angehörigen des Sonderkommandos auch, nach Abschluß der Arbeiten ebenfalls getötet zu werden.

Nach Flucht und Aufstand des Leichenkommandos brachen in Lemberg chaotische Zustände aus: Suchtruppen durchkämmten die Stadt und Umgebung nach den Flüchtigen und die Lagerleitung vom ZAL befahl die sofortige Tötung aller noch verbliebenen Gefangenen. An die 6.000 Juden wurden in den Piaski in Gruppen erschossen. Da dies den noch im Lager befindlichen Menschen nicht verborgen blieb, brach dort ein Aufstand aus, woraufhin die Wachmannschaften von den Wachtürmen aus das Feuer eröffneten. Sofort wurde ein neues Verbrennungskommando aus 87 Mann aufgestellt und in die Piaski zur Spurenbeseitigung versetzt.
Mit der Tötung aller Gefangenen hörte auch die Arbeit des D.A.W. auf.

Nach November 1943 diente das Lager noch als Gefängnis für nichtdeutsche Straftäter, aber nicht mehr als Durchgangs- oder Vernichtungslager. Erstaunlicherweise wurde der Lagerkomplex weitgehend intakt von den Deutschen am 19. Juli 1944 geräumt - inklusive der Knochenmühle. So eröffnete sich den sowjetischen Truppen kurz darauf ein Bild des Grauens. Die meisten uns bekannten Photographien des Lagers stammen von der sogenannten Außerordentlichen Staatlichen Kommission, die die stattgefundenen Verbrechen dokumentierte.

Nach 1945

Nach 1945 wurden als erstes in Nürnberg und dann in der Sowjetunion einigen der ehemals in Janowska Tätigen der Prozeß gemacht. In der Bundesrepublik war man mit der Untersuchung der Verbrechen in Janowska deutlich zögerlicher.

Fritz Gebauer wurde erst 1970 vom Landgericht Saarbrücken zu lebenslanger Haft verurteilt und starb 1979 im Gefängnis.
Richard Rokita blieb stellvertretender Lagerleiter in Janowska bis zur weitestgehenden Auflösung im Juli 1943. Anschließend war Lagerführer in Tarnopol, wurde dann strafversetzt und überlebte den Krieg. In Hamburg arbeitete er bis 1956 als Pförtner, wurde während des Prozesses in Hamburg für verhandlungsunfähig erklärt und starb 1976.
Friedrich Warzok war ab März 1945 Lagerleiter im KZ Neuengamme, setzte sich über die sogenannte Rattenlinie nach Kairo ab und blieb bis heute unentdeckt.
Gustav Willhaus fiel im März 1945 als Angehöriger der Waffen-SS.
Zahlreiche Angeklagte mußten sich ab 1966 im Stuttgarter "Lemberg Prozeß" verantworten und wurden zu Haftstrafen verurteilt: Roman Schönbach - 8 Jahre, Peter Blum - 6,5 Jahre, Anton Löhnert - 7 Jahre, Ernst Inquart - 9 Jahre, Ernst Heinisch - 8 Jahre, Karl Wöpke - 9 Jahre, Hans Günter Sobotta - 2,5 Jahre, Rudolf Röder - 10 Jahre, Ernst Epple - Lebenslang, Adolf Kolonko - 7 Jahre. Freisprüche für: Martin Büttner, Paul Fox, Ernst Preuß, Karl Ulmer, Heinz Weber.
Paul Blobel wurde bereits 1948 im Einsatzgruppen-Prozeß in Nürnberg zum Tod durch den Strang verurteilt und 1951 hingerichtet.
Fritz Katzmann lebte nach dem Krieg unerkannt mit einem faschen Ausweis, offenbarte 1953 einer Krankenschwester seine wahre Identität, die dieses Wissen erst 1957 nach seinem krankheitsbedingten Tod offenbarte.
1964 kamen Ermittler Wolfgang Mohwinkel auf die Spur. Nach dreieinhalb Jahren kam er wieder auf freien Fuß. Das Verfahren wurde erst 1974 eröffnet. Von der lebenslangen Haft wurde der damals 72jährige im Sommer 1984 begnadigt und starb 1997.
Anton Siller, SS Offizier in Janowska, wurde 1970 in Salzburg zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt.
Richard Dyga, ebenfalls SS Mann in Janowska, wurde 1960 in Stuttgart angeklagt, verstarb aber 1961.
Walter Schallock wurde 1961 in Hamburg der Prozeß gemacht, der aber wegen Verhandlungsunfähigkeit des Angeklagten abgebrochen wurde. Ein weiterer Prozeß gegen ihn konnte wegen Schallocks Tod 1994 nicht zu Ende geführt werden.
Im Prozeß von Krakau wurde Johann Rauch, Mitverantwortlicher der Sonderaktion 1005 und Stellvertreter Schallocks, 1949 zum Tode verurteilt. Er war in München auf der Straße von den Todesbrigade-Überlebenden Leon Weliczer, Max Hoening und David Manucewitz erkannt und den amerikanischen Behörden gemeldet worden. Diese lieferten ihn nach Polen aus.
Karl Melchior vom D.A.W. wurde 1949 in München zu lebenslanger Haft verurteilt.
Josef Grzimek wurde 1949 nach seiner Auslieferung in Warschau zum Tode verurteilt. Vor seiner Versetzung nach Janowska war er Leiter des Ghettos in Lemberg.
SS Unterscharführer Friedrich (?) Heinen wurde in Saarbrücken vor Gericht gestellt.

Teil 2 Karten, Skizzen, Pläne, Zeichnungen und Photographien
Teil 3 Das Lagerareal heute