Eine Reise nach Alberta, Montana, British Columbia, Mai 2010

Wie bereits im Jahre 2008 war auch in diesem Jahr eine Reise zu verschiedenen Indianerreservationen geplant. Besucht werden sollten verschiedene Reservate im Westen Kanadas sowie in Montana (USA). Daneben sollte natürlich die Besichtigung der Naturschönheiten der Region nicht zu kurz kommen.

Los ging es zu nachtschlafender Zeit mit einem Zubringerflug nach Frankfurt. Nach einem mehrstündigen Aufenthalt bestiegen wir einen A 340 der Lufthansa und auf ging es nach Calgary, welches wir wegen der Zeitverschiebung von -11 Stunden bereits am späten Vormittag nach einem sehr ruhigen Flug erreichten. Die Zollabfertigung war kein Problem, ebenso wie die Entgegennahme des Mietwagens. Los ging es in Richtung der Innenstadt zu unserem vorab gebuchten Hotel, dem Fairmont Palliser, mit 4,5 Sternen das Beste der Stadt.

Calgary, Alberta

Den Nachmittag nutzten wir zu einem Bummel durch das Stadtzentrum, insbesondere über die Stephan Avenue, wobei ein Besuch in der bekannten kanadischen Kaufhauskette "The Bay" nicht fehlen durfte. Leider war das Wetter, wie bereits bei unserem ersten Besuch 2008, nicht sonderlich einladend. Es herrschten nur 12 Grad und ein ungemütlicher, kühler Wind pfiff durch die quadratisch angelegten Straßen.

Am nächsten Tag stand ein Besuch im bekannten Glenbow Museum auf dem Plan, insbesondere die recht umfangreiche Ausstellung zur Kultur der Indianer der Region sowie des weiteren Umfeldes war sehr gut. Zu meinem großen Erstaunen war ein deutsches Kamerateam vor Ort und interviewte einen indianischen Mitarbeiter des Museums.
Die indianische Lebensrealität fernab der Museumsromantik holte mich unmittelbar nach dem Verlassen des Gebäudes ein. Ein sehr stark angetrunkener Indianer bettelte mich um Geld an. Leider war er nicht der einzige, den ich in diesem Zustand sah… Geradezu ironisch war das Faktum, daß ich mir zuvor im Museumsgeschäft ein Fachbuch über den Einfluß von Alkohol auf den Stamm der Blackfoot gekauft hatte.
Drastisch vor Augen geführt wurden uns die sozialen Unterschiede in der kanadischen Gesellschaft durch die zahlreichen im Hotel stattfindenden Hochzeiten der Haute Volee Calgarys.

Enttäuschend war der Besuch des in jedem Reiseführer erwähnten Eau Claire Market, einem mehr als überschaubaren Shoppingzentrum nördlich von Downtown. Zu Fuß gingen wir zum Prince's Island prPark am Bow River, der sich im Sonnenschein sehr schön darstellte. Neben den vielen Kanadagänsen, die seit Jahren auch Deutschland bevölkern, fiel mir ein Denkmal ins Auge, welche die polnische Exilgemeinde der Stadt Calgary geschenkt hatte: es war dem angeblich urpolischen Astronomen Kopernikus gewidmet. Nicht zu fassen!

Erneut besuchten wir auch den 191 m hohen Calgary Tower, von dem man eine fantastische Sicht über die tischebene Prärie und die schneebedeckten Gipfel der Rocky Mountains hat. Sehr schön war ein Besuch des am Stadtrand gelegenen, sehr weitläufigen Freilichtmuseums Heritage Park. Ein kleiner Bereich war auch der indigenen Bevölkerung gewidmet und in einem Tipi saßen zwei Blackfoot Indianerinnen, die den Besuchern Rede und Antwort stehen sollten. Mit der älteren Dame, einer früheren Mitarbeiterin des Glenbow Museums, entspann sich eine interessante Unterhaltung über die Situation der Blackfoot in Kanada und in den USA. Sie beklagte die Situation der US-amerikanischem Blackfeet, die ihrer Meinung nach kulturell total entwurzelt seien und auch komplett ihre Sprache verloren hätten. Wie recht die Frau hatte, sah ich später selbst beim Besuch des Reservates in Montana. Die Frau sprach auch die immer noch vorhandene Diskriminierung gegenüber Indianern in Kanada an. Trotzdem habe sich ihrer Meinung nach vor allem die Bildungssituation der kanadischen Indianer verbessert, zudem hätten die Blackfoot die höchste Geburtenrate aller kanadischen Indianer.

Tsuu T'ina (Sacree) Indian Reserve, Alberta

Nach dem Besuch des Freilichtmuseums war die Fahrt zum in der Nähe gelegenen Reservat der Tsuu T'ina (früher: Sacree) Indianer geplant. Die Tsuu T'ina gehören zur Blackfoot Confedracy und gehörten ebenfalls zu den Unterzeichnern des Vertrages von 1877.

Exkurs: Der Vertrag von 1877

Der Vertrag von 1877 oder Treaty No 7 wurden zwischen Queen Victoria und den Stämmen der Blackfoot Confederacy am 22. September 1877 bei Blackfoot Crossing unterzeichnet. Die Blackfoot Confederacy bestand aus den Siksika, Piikani (Peigan), Kainaiwa (Blood), Tsuu T’ina (Sarcee) und den Stoney (Bearspaw, Chiniki und Wesley/Goodstoney).

Bezüglich des Verhandlungsplatzes gab es Auseinandersetzungen zwischen den Siksika und den Anführern der Kainai (Blood) und Piikani (Peigan) Stämme. Letztere präferierten ein Treffen bei Fort Macleod, welches näher an ihren Stammesgebieten lag und auch ursprünglich als Verhandlungsort vorgesehen war. Der Häuptling der Siksika, Crowfoot, konnte sich allerdings durchsetzen, weil er von den Weißen als "Oberhäuptling" angesehen wurde, auf den man bei den Verhandlungen angewiesen war.

Durch den Vertrag wurde ein Reservat geschaffen sowie jährliche Zahlungen und/ oder Lebensmittellieferungen durch die Krone versprochen. Zudem wurden Jagdrechte in dem "abgetretenen" Land gewährt. Im Gegenzug verzichteten die Indianer auf ihren traditionellen Lebensraum. Nach der Unterzeichnung des Treaty 7 wurde Blackfoot Crossing das Herzstück des Siksika Reservates.
Info:
Copy of Treaty and Supplementary Treaty No. 7 between Her Majesty the Queen and the Blackfeet and Other Indian Tribes, at the Blackfoot Crossing of Bow River and Fort Macleod

Angeblich sollte es auf dem Tsuu T'ina Reservat ein Museum geben. Dieses fand sich sogar in unserem Navigationsgerät, führte uns aber nur zur Grenze des Reservates - typisch! In der reservatseigenen Tankstelle war man - wie oft auf Reservaten - desinteressiert und hatte keine Ahnung. "Versuchen Sie mal, die Straße da vorne entlang zufahren". Aha. Als erstes landeten wir vor dem riesigen Gebäude der Stammesverwaltung, welches am heutigen Sonntag natürlich geschlossen war. An einer anderen Straße warnten große Schilder Weiße vor dem Betreten des Reservates, die Stammespolizei würde sonst einschreiten. Blieb also nur noch eine andere, kleine Straße, der wir folgten. Auf einmal eine Straßensperre. Mir schwante nichts Gutes. Der nette Indianer fragte aber nur, ob wir auch zum Pow Wow wollten. "Pow Wow? Heute?" - "Na klar, Ihr könnt zuschauen." Wir folgten also der Straße bis zu einem vollbesetzten Parkplatz. Vor und in dem angrenzenden Sportzentrum herrschte Hochbetrieb: zahlreiche Kinder, Jugendliche als auch Erwachsene gingen ein und aus. Bei dem Gebäude handelte es sich um eine Eishockeyarena, deren Boden jetzt natürlich abgetaut war. In der Arena befanden sich zahlreiche Teilnehmer am Pow Wow in vollem Regalia, in einer Ecke saß eine Trommlergruppe, die nach Kräften spielte. Die Ränge der Arena waren besetzt mit Teilnehmern, die zur Zeit gerade keinen Auftritt hatten und anderen Zuschauern. Im an die Arena angrenzenden Gang waren einige wenige Stände aufgebaut, an denen Kunsthandwerk verkauft wurde. An einer Tür bemerkte ich übrigens die Aufschrift "Museum". Logischerweise war es heute geschlossen. Sehr offensichtlich waren wir die einzigen anwesenden Weißen, wurden aber geflissentlich ignoriert. Nachdem wir den Vorführungen eine ganze Weile lang zugeschaut hatten, gab es eine Pause. Kistenweise wurden verpackte Wolldecken in die Mitte der Arena geschüttet, bis sich ein riesiger Haufen aufgetürmte. Dann machte der Kommentator einer Ansage, die ich nicht verstand. Daraufhin betrat durch einen Nebeneingang eine Gruppe von circa 50 Personen die Arena. Angeführt wurde die Gruppe von etwa 10 Männern in bestickter Lederbekleidung und mit großen Federhauben auf dem Kopf. Gefolgt wurden sie von jungen und alten Personen in "Zivilbekleidung". Die Gruppe bewegte sich zur Musik der Trommeln langsam tanzend um den Haufen mit den Decken. Ich befragte eine anwesende Indianerin und wurde in meiner Vermutung bestätigt. Die Personen in der Arena waren die Organisatoren der Veranstaltung samt ihrer Familien, die hier geehrt wurden.

Interessant war die Beobachtung der Zuschauer: Jung und Alt waren hier vertreten, man sah Männer mit kurzem als auch mit langem Haar, einige Jugendliche trugen Tanzregalia und auf dem Kopf dazu Baseballmütze und MP3-Spieler im Ohr. Besser könnte man Tradition und Moderne nicht darstellen. Da es nicht erlaubt war andere Bereiche des Reservates zu betreten, konnte ich mir kein weiteres Bild von den Verhältnissen dort machen.

Siksika (Blackfoot) Indian Reserve, Alberta

Wir verließen Calgary in direkt östlicher Richtung. Ziel war das gut eine Autostunde entfernt liegende Reservat der Blackfoot Indianer, die sich hier in Kanada nach ihrem traditionellen Namen Siksika nennen. Der Highway durchquerte die nunmehr landwirtschaftlich genutzte, flache, ehemalige Prärie. Schnell war das Reservat erreicht und ich wunderte mich über die doch recht gepflegten Holzhäuser im Einheitsstil. Diese waren zum Beispiel nicht von ausgeschlachteten Autowracks umgeben, wie man es sonst sehr oft auf Reservaten sieht. Nach 10 Kilometer war die erst einige Jahre alte Anlage "Blackfoot Crossing" erreicht. Hier war im September 1877 der Treaty 7 unterzeichnet worden, der das Leben Blackfoot fortan in elementarster Weise bestimmen sollte. Die Gegend war für den Stamm seit jeher als traditioneller Überwinterungs- und Versammlungsplatz von Bedeutung gewesen. Zudem gab es hier eine Furt durch den Bow River, der für die nomadischen Blackfoot bei ihren Wanderungen von essentieller Bedeutung war. Wegen der Bedeutung der Furt wurde ihr bald von allen Stämmen der Name Blackfoot Crossing gegeben.

Ein gut gemachter Film erläuterte die Geschichte des Ortes. Ergänzt wurde dieses durch eine große Ausstellung zur Geschichte und Kultur der Blackfoot, in der leider Photografieren verboten war. Breiten Raum nahmen die Erläuterungen zur Geschichte und zu den Auswirkungen des Treaty No 7 ein. Interessant für mich war der Hinweis darauf, daß vermutlich Ende des 18. / Anfang des 19. Jahrhunderts bei den Blackfoot zwei Indianer einer anderen Nation auftauchten, die ein Erdhaus bauten. Der Überlieferung nach lebten sie längere Zeit bei den Blackfoot. Als sie den Stamm wieder verließen, wurden sie von zwei Blackfoot begleitet. Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit handelte es sich bei den Erstankömmlingen um zwei Angehörige der im heutigen North Dakota lebenden Mandan.

Ergänzt wurde der Komplex durch einen Souvenirladen, der leider überwiegend ziemliche Kitschprodukte und weniger gutes Kunsthandwerk verkaufte. Ich kam mit einer Angestellten ins Gespräch und wir diskutierten die unterschiedliche Situation der Blackfoot in Kanada und in den USA. Explizit wies sie darauf hin, daß Teile der Reservationen in Kanada nicht an Weiße verkauft worden seien.

Der Ausblick aus dem Gebäude auf das pittoreske Tal war überwältigend. Im Sommer werden hier auch geführte Touren angeboten. Etwas irritierend war nur das Faktum, daß man auch Bereiche eines von den Blackfoot betriebenen Golfplatzes sehen konnte.

Wir fuhren eine sehr lange Strecke durch das riesige Reservat und sahen nirgendwo verkommene Häuser.