Blackfeet Indian Reservation, Montana

Von St. Mary am Ausgang des Parks war es noch eine knappe Stunde Fahrt zum Hauptort des Blackfeet Reservates, Browning. Direkt am Stadtrand fiel das Glacier Peaks Casino ins Auge, welches weiße Touristen anlocken sollte. Allerdings hatte mir eine Indianerin erzählt, daß die Blackfeet ihre besten eigenen Kunden seien, was mich sofort an die Situation auf Rosebud in South Dakota erinnerte. Unser Ziel hingegen war der Besuch des in jedem Reiseführer und auf jeder Karte verzeichneten Museum of the Plains Indian. Entsprechend hoch gesteckt war somit meine Erwartung. Immerhin war das Gebäude aus Stein errichtet und konnte sein Baujahr, 1941, nicht verheimlichen. Wir waren die einzigen Besucher und Eintritt mußte man wegen der Vorsaison jetzt noch nicht bezahlen. Mein Reiseführer hatte recht, die Ausstellung war sicherlich informativ aber mit nur 1,5 Räumen auch nicht überwältigend. Immerhin gab es im Gegensatz zu Zentren auf manch anderem Reservat sogar historische Ausstellungsstücke zu sehen. Mehr oder weniger gelangweilt sprach uns ein indianischer Angestellter des Museums an, ob wir die Dia-Show sehen wollten? Ja klar. Der Projektor wurde angeworfen und zeigte eine Art Dia-Filmshow, die nicht mehr irritierte als aufklärte. Vor allem der Schluß, der in leuchtenden Farben das doch ach so positive Leben auf der Reservation zeigte, verwunderte mich doch schon sehr. Ich konnte mir nicht vorstellen, daß die Blackfeet ihre Geschichte und ihr Leben so darstellen würden. Also schaute ich mir den Nachspann an: Volltreffer! Der Film war erstellt worden vom Indian Arts and Craft Board, einer Bundesbehörde, die innerhalb des U. S. Innenministeriums angesiedelt ist. Dieselbe Behörde ist auch für das gesamte Museum zuständig. Das erklärte natürlich alles.
An das Museum angegliedert ist ein Geschäft, in dem teilweise sehr gutes Kunsthandwerk verkauft wird. Das Geschäft gehört dem Stamm und die Erlöse kommen dem stammeseigenen College zugute, wie mir die jungen, dort beschäftigten Leute erklärten.

In Sichtweite des Museums befindet sich zudem das 2002 eröffnete Blackfeet Heritage Center & Art Gallery, in dem gutes Kunsthandwerk verkauft wird.
Wir fuhren weiter in die Stadt. Leider hatte mein Reiseführer eine passende Beschreibung gefunden: "ein vom indianischen Niedergang geprägter Ort". Besser hätte ich diese absolut trostlose Häuseransammlung auch nicht bezeichnen können. Sofort wurde ich an die Situation auf Pine Ridge erinnert, dem bislang schlimmsten Reservat, welches ich besichtigt habe. Leider wurde ich beim Stop an einer Tankstelle in meinem negativen Eindruck bestätigt. Völlig unüblich verwickelte mich eine Indianerin in ein Gespräch. Wir seien doch bestimmt nicht von hier? "Deutschland? Wo Liegt denn diese Stadt?" - "Europa". Ein großes Fragezeichen in ihrem Gesicht. Dann schüttelte sie mir ihr ganzes Herzensleid aus. Ihr Ehemann würde sie regelmäßig verprügeln, sie könne ihn aber nicht verlassen, da sie nicht wisse wohin. Ihre einjährige Tochter habe sich jetzt auch noch an den glühenden Zigarettenkippen ihres Mannes verbrannt. Auf meine entsetzte Frage, ob sie das Kind denn nun etwa bei ihrem Mann gelassen habe, reagierte sie indifferent. Ich war fassungslos, denn die Frau war offensichtlich nicht betrunken. Ich empfahl ihr, das stammeseigene Beratungszentrum gegen häusliche Gewalt aufzusuchen.

Wir hielten für einen Imbiß an einem Subway Restaurant. Ein weiterer Kunde betrat den Laden, ein Vollblutindianer in ziemlich verlotterten Hip Hop Klamotten und über und über tätowiert. Er suche einen Job, habe Frau und drei Kinder zu versorgen. Er wurde aber weiter verwiesen und verließ im affektierten Wiegeschritt der schwarzen Ghettobewohner das Restaurant.
Zur Besichtigung der Holy Family Mission 20 km östlich von Browning blieb keine Zeit mehr. Die Jesuiten hatten 1890 auf dem Reservat eine der berüchtigten Internate für Indianer eröffnet (in den USA: boarding schools, in Kanada: residential schools). Die Schule bestand bis etwa 1940, wurden dann aber abgerissen. Zu sehen ist heute nur noch die renovierte Kirche.

Wir verließen Browning mit seinem schrecklichen Trailer-Behausungen in Richtung des Glacier National Park. An dem Highway 2 kündete ein großes Schild vom Blackfeet Nation Bison Reserve, dieses war aber augenscheinlich zu groß, so daß von den Tieren weit und breit nichts zu sehen war - und eine Möglichkeit, in das Gehege zu fahren, gab es augenscheinlich auch nicht. Schade.

Glacier National Park, Teil 2, Montana

Bei East Glaciert Park endet das Reservat und der Highway 2 führt parallel zur Grenze des Glacier National Parks nach Westen. Zeitweise boten sich zur rechten Hand schöne Ausblicke auf die schneebedeckten Berge. An einem Bergbach ganz in der Nähe der Straße tummelte sich eine Herde Schneeziegen. Nach längerer Fahrt war endlich der westliche Eingang des Nationalparks, West Glacier, erreicht. Mehr noch als am östlichen Eingang in St. Mary, ließ hier die Infrastruktur auf einen starken Touristenandrang im Sommer schließen. Dieses war nämlich der westliche Anfang der Going to the Sun Road. Etwa 10 km verlief sie direkt am Ufer des riesigen Lake McDonald, der bei dem windigen Tag einen nicht zu unterschätzenden Wellengang hatte. Wir folgten der Straße bis zu dem Punkt, an der sie auf dieser Seite vor dem Paß gesperrt war. Streckenweise folgte die Straße einem wilden Bergbach, der um diese Jahreszeit viel Wasser führte und in steilen Kaskaden in Richtung des Sees floß. Da kaum Touristen unterwegs waren, sahen wir auch einige Tiere, mehrere Hirsche in einem flachen Wassergebiet sowie - ein absoluter Höhepunkt - eine Schwarzbärin mit ihrem Jungen!

Wir kehrten um zu unserem heutigen Nachtquartier, der nach der Winterpause gerade eröffneten Lake McDonald Lodge von 1913. Absolut überwältigend war das riesige Foyer mit einem offenen Kamin in einer Dimension, die ich bislang noch nicht gesehen hatte. Leider war unser Zimmer, wie so häufig in diesen extrem teuren Nationalparklodges, eine ziemliche Enttäuschung. Das Zimmer war klein und das Badezimmer winzig. Das uralte Waschbecken war kleiner als auf jeder deutschen Gästetoilette. Auch das Restaurant der Lodge war indiskutabel. Uns wurde innerhalb von 30 Minuten Vorspeise und Hauptgericht serviert, die keinem vernünftigen Standard standhielten.
Leider reiht sich diese Lodge in die Liste derjenigen ein, die es aufgrund ihrer exklusiven Lage und des geradezu wahnwitzigen Touristenandrangs im Sommer nicht für nötig erachten, auch nur ansatzweise etwas am Standard zu verbessern. Die aus allen Teilen der USA stammenden Saisonkräfte hingegen waren überaus freundlich. Überaus freundlich war auch das amerikanische Ehepaar, mit dem wir den Abend vor dem Herdfeuer verbrachten. Sie war teilweise Indianerin, er Offizier in der Armee gewesen und der Sohn studierte Deutsch in Deutschland. Die beiden Eltern hatten sehr viele Jahre auf der Navaho Reservation in New Mexico gelebt und gearbeitet und hatten viel zu erzählen.

Flathead Lake und Flathead Indian Reservation, Montana

Es ging am nächsten Tag auf einem gut ausgebauten Highway durch landwirtschaftlich genutztes Gebiet direkt nach Süden, bis wir irgendwann am Ufer des riesigen Flathead Lake standen - hinter uns die schneebedeckten 2000er. Der Highway 35 führt direkt am See entlang und bietet bei zahlreichen State Parks die Möglichkeit, an das Ufer zu gelangen. Leider war das Wetter alles andere als einladend, es war sehr kühl und regnerisch. Die Straße war auf weiten Strecken von Obstanbaugebieten flankiert - ein Zeichen für das recht milde Klima hier. Etwa auf der Hälfte des Sees kennzeichnete ein Schild den Beginn des Flathead Reservates. Wie allen Reservaten in den USA liegt auch in diesem eine Geschichte von großem Unrecht zu Grunde.
Die drei Stämme Bitterroot Salish, Kootenai und Pend d'Oreilles wurden von den Weißen bei der ersten Begegnung als Flatheads bezeichnet. Diese Bezeichnung war an und für sich irreführend, denn die drei Stämme praktizierten, im Gegensatz zu den benachbarten Stämmen, gerade NICHT das Flachbinden des Schädels bei Babys.

Der erste Vertrag mit den Flatheads wurde bereits im Jahre 1855 geschlossen, der Treaty of Hellgate. Von den Indianern wurde er im Glauben unterzeichnet, es handele sich um einen Freundschaftsvertrag. In Wirklichkeit verzichteten sie auf einen Großteil ihres Stammesareals. Vor allem in den 1870er und 1880er Jahren wurde aber der Druck der Weißen auf das verbliebene Areal so groß, daß sich der Häuptling gezwungen sah, einen weiteren Vertrag zu unterschreiben. Im Oktober 1891 wurden die noch verbliebenen Stammesmitglieder aus dem Bitterrroot Valley auf die 60 Meilen entfernte, neue Flathead Reservation gebracht. Damit war die Geschichte der Landnahme aber noch nicht zu Ende.

In der Stadt Polson erreichten wir das südliche Ende des Flathead Lake. Ein großes Schild machte darauf aufmerksam, daß ein kleiner Erholungspark ausschließlich für den Gebrauch von Stammesmitgliedern reserviert sei. Ansonsten sah die Stadt nicht wie ein typischer Reservatsort aus. Wir bogen auf dem sehr breit ausgebauten Highway 93 nach Süden ab, bis wir das ist direkt an der Straße gelegene People's Center der drei Stämme erreichten. Das sehr gepflegt aussehende Gebäude beinhaltet eine sehr sehenswerte Ausstellung zur Kultur und Geschichte der Flathead. Zu meinem Ersetzen erfuhr ich hier, wie es den Flathead nach Einrichtung des neuen Reservates 1891 weiter ergangen war. 1904 war den Weißen dieses Reservat auch noch zu groß gewesen und es wurde für Homesteading, d.h. Siedler geöffnet. Vorher hatte man schon pro Pferd eine Kopfsteuer erhoben, mit dem Resultat, das quasi alle Pferdeherden auf dem Reservat verkauft werden mußten. Verkauft werden mußte auch eine auf dem Reservat befindliche, große Bisonherde.

Exkurs: Geschichte der National Bison Range

Zwischen 1872 und 1877 hatte Samuel Walking Coyote, ein Pend d'Oreille der Jocko Reservation, einige wilde Bisonkälber gefangen und in sein Camp gebracht, wo sie bis 1882 oder 84 verblieben. Die 13-14 Tiere wurden dann an Charles Allard und seinen Partner Michel Pablo verkauft, beides Halbblutindianer, die mit Indianerinnen auf der Jocko Reservation verheiratet waren. 1901 wurden die Tiere Allards verkauft und damit die Herde halbiert. Nur drei Jahre später wurde die Reservation "allotiert", d.h. "überzähliges" Land an weiße Siedler verkauft. Dies bedeutete den Verlust von freien Flächen für das Grasen der Bison im Reservat. Pablo mußte seine Herde verkaufen, bot sie dem US Kongreß an, der das Kaufangebot als zu teuer ablehnte. Statt dessen kaufte die kanadische Regierung die 709 Tiere und brachte sie zwischen 1906 und 1912 über die Grenze. 1909 organisierte die Bison Society einen Rückkauf und weiteren Ankauf von Bison zur Gründung einer National Bison Range. In diesem an das Flathead-Reservat angrenzenden Gehege leben heute ca. 350 Tiere.
William Reffalt: Origins of founding Bison at the National Bison Range, MT Quelle: www.bluegoosealliance.org/info/Origins-FoundingBison-NBR.pdf

Zur Zeit unseres Besuches im People's Center unterrichtete eine Indianerin mehrere weiße Frauen im Perlensticken. Eine angeregte Fachdiskussion entsprang zwischen uns. Ein sehr langes Gespräch hatte ich auch mit der im angeschlossenen Geschäft beschäftigten Dame. Sie berichtete mir von der Lebenssituation auf dem Reservat, die sie als gar nicht so schlecht darstellte. Schockiert sei sie vor einigen Wochen bei einem Besuch auf dem Blackfeet Reservat gewesen. " Ich habe keine Ahnung, was die da oben machen, da ist es seit 15 Jahren unverändert" - so ihre Worte. Ich erwähnte meinen Besuch auf Pine Ridge vor einigen Jahren und zog Parallelen zu Browning. Damit öffnete ich alle Türen bei ihr, denn sie war, wie sie sagte, viel zu jung als Teenager auf Pine Ridge verheiratet gewesen. Nunmehr habe ihr Reservat eine ausgezeichnete Uni, zu der Indianer aus den gesamten USA kämen.

Nach den Ausführungen zur Öffnung des Reservates für Homesteading 1904 war mir klar, warum die Reservation ein derartig uneinheitliches Aussehen hatte. Auch die Dame in dem Geschäft sprach von einer "chequered reservation" und traf den Nagel auf den Kopf: 10.000 Weiße stehen mittlerweile 4000 Indianern auf dem Reservat gegenüber.
Dieser Eindruck sollte sich noch bei unserer Weiterfahrt bestätigen: Pablo ist Hauptort des Reservates und Sitz der Stammesverwaltung und indianischer Infrastruktur. Augenscheinlich findet eine totale Segregation von Weiß und Rot statt: entlang der Hauptstraße befanden sich einige dieser unglückseligen Trailersiedlungen, die leider für zahlreiche Reservate so symptomatisch sind.

Die National Bison Range, Montana

Wir fuhren weiter nach Süden und folgten dann einem Schild und bogen nach Westen ab. Durch eine hügelige typische Montana-Landschaft mit vereinzelten Häusern ging es zur National Bison Range, die nicht mehr zum Reservat gehört. Nach Besuch des Visitor Centers und Entrichtung einer Eintrittsgebühr machten wir uns auf den knapp zweistündigen Rundweg. Dieser war ohne Zweifel landschaftlich sehr ansprechend, vor allen Dingen von den höchsten Punkten aus hatte man einen guten Ausblick auf die angrenzende Landschaft. Von Bison war aber weit und breit nichts zu sehen. Schließlich fanden wir direkt neben dem Weg zwei einsame Bullen, die völlig ungestört weitergrasten. Ein wunderschöner Anblick! Weiter sahen wir noch einige Hirsche und einen Pronghorn Antilopen. Vom höchsten Punkt der Range aus wandt sich der Weg hinunter nach Süden. Von hier aus konnten wir den Highway 200 sehen, den wir vor Jahren auf dem Weg nach Seattle befahren hatten. Ganz zum Schluß der Fahrt sahen wir auch die Herde der Bisonkühe, allerdings hoch oben auf einer Wiese und somit unerreichbar für uns. Sehr schade, denn um diese Jahreszeit müßten die Kühe eigentlich Kälber haben.

Whitefish, Montana

Es wurde recht spät und somit Zeit, weiterzufahren. Wir fuhren die Straße bis Polson zurück, um den Flathead Lake dann auf westlicher Seite zu umrunden. Leider verläuft die Straße auf dieser Seite nur selten am Seeufer. Bei Elmo verließen wir das Reservat und fuhren weiter nach Norden. Wir durchquerten die recht große Stadt Kalispell und erreichten nach 30 km den für sein Winterskigebiet bekannten Ort Whitefish. The Lodge at Whitefish Lake stellte sich als hervorragendes 5-Sterne-Hotel im rustikalen Stil heraus. Welch' ein Unterschied zur Lake McDonald Lodge! Auch das Restaurant mit traumhaftem Blick über den See war ausgezeichnet. Allerdings schien nicht nur uns dieser Ort so hervorragend zu gefallen, denn neben der Lobby des Hotels hatte ein Immobilienmakler sein Büro. Auch konnte man vom Hotel aus diverse Villen in den den See umgebenden Bergen erblicken.
Hochinteressant war das Gespräch mit einer Angestellten des Hotels. Sie stammte aus Neuseeland und hatte ihren aus Bielefeld stammenden Mann vor 20 Jahren in der transsibirischen Eisenbahn kennengelernt.

Bedauerlicherweise mußten wir das Hotel nach nur einer Nacht verlassen und unsere Reise fortsetzen. Hätten wir gewußt, wie schön ist dort ist es, wären wir sicherlich länger dort geblieben. Auf unserem Weg nach Norden zur kanadischen Grenze kamen wir auch am Skigebiet von Whitefish hoch oben in den Bergen vorbei.