Eine Reise durch Polen ins Baltikum

Die Reiseplanung des Jahres 2022 stand unter keinem guten Stern. Davon ausgehend, daß es in diesem Sommer - wie in den beiden vergangenen - sehr niedrige Coronainzidenzen geben würde, hatte ich eine Flugreise ins Baltikum gebucht. Es sollte mit Lufthansa nach Tallinn gehen, von dort mit dem Leihwagen nach Süden durch die drei baltischen Staaten und retour von Vilnius. Aber nicht nur die extreme Sommer-Coronawelle trieb mir mit näherkommendem Reisetermin den Schweiß auf die Stirn, auch die Situation an den Flughäfen war offenbar völlig außer Kontrolle. Dann begann Lufthansa auch noch meine Flüge umzulegen - bis hin zur Stornierung. Letztlich war es mir vor dem Hintergrund der Gesamtsituation sogar recht, extrem ärgerlich war allerdings, daß ich auf zahlreichen Stornierungskosten sitzen blieb…. und die Reise war auch perdu. Was also tun? Eine Alternative mußte her, und zwar extrem schnell. Ein Blick auf die Karte sagte mir, daß die Möglichkeit bestünde, den südlichen Teil der ursprünglich geplanten Tour mit in eine neue einzubeziehen und mit dem Auto anzureisen. Ziemlich weit zu fahren, aber machbar. Wegen der Streckenlänge wurden Zwischenstops in Posen und dem ehem. Ostpreußen eingeplant.

Also fand ich mich Ende August auf der Autobahn wieder, 710 km immer Richtung Osten galt es zu bewältigen. Leider geriet ich bereits bei Hannover in einen riesigen Stau, der mich 80 Minuten Zeitverlust kostete. Also war nicht mehr viel Zeit für Stops. Via Berlin und Frankfurt/ Oder ging es über die Grenze nach Polen auf die mautpflichtige Autobahn mit Tempolimit 140 km/h. Das Wetter hatte sich mittlerweile von schwül-warm in Westfalen zu regnerisch entwickelt. Kurz vor Posen wurde es unwetterartig, es war dunkel und regnete wie aus Kübeln und ich mußte quer durch die Stadt. Extrem unschön! Immerhin erreichte ich nach 8,5 Stunden den nagelneuen Apartmentkomplex gegenüber dem historischen Schlachthof und war heilfroh, hier einen Tiefgaragenstellplatz gebucht zu haben.

Posen / Poznań

Posen ist mit ca. 560.000 Einwohnern die fünftgrößte Stadt Polens und wurde im Jahr 968 das erste Mal erwähnt. Mit der 2. Polnischen Teilung 1793 gelangte die Stadt an Preußen und verblieb dort bis 1918. Um den Jahreswechsel 1918/19 initiierte die polnischsprachige Mehrheit den sog. Großpolnischen Aufstand und schloß die Provinz Posen an den wiedererstandenen polnischen Staat an. Der faktische Status Quo wurde dann im Versailler Vertrag bestätigt. Erneut ins Deutsche Reich eingegliedert wurde Posen während des Zweiten Weltkriegs von 1939-45 und avancierte zur Hauptstadt des neugeschaffenen "Reichsgaus Wartheland".

Der nächste Tag nach meiner abendlichen Ankunft begrüßte mich mit einem Temperatursturz und andauerndem Landregen. Für die Stadtbesichtigung war das ärgerlich. Extrem ärgerlich war auch, daß "die" Attraktion der Stadt, der Altmarkt und quasi alle angrenzenden Straßen aussahen wie nach dem 2. Weltkrieg: das Pflaster war komplett entfernt worden und Tiefbauarbeiten im Gange. Einzig schmale Trampelpfade und Metallstege ermöglichten ein Durchkommen. Selbst das Photographieren war wegen der zahlreichen Absperrgitter nur sehr bedingt möglich. Trotzdem versuchte ich so viele Eindrücke wie möglich zu erhaschen.

Das Renaissance-Rathaus von 1560 war atemberaubend schön, war aber leider, ebenso wie das darin befindliche Stadtmuseum geschlossen. Die Gebäude an den Marktplatzseiten wurden nach umfangreichen Zerstörungen im 2. Weltkrieg zum großen Teil originalgetreu wieder aufgebaut und erstrahlten prunkvoll. Einigen Fassadenverzierungen war allerdings deutlich die Entstehungszeit aus den 1950er Jahren anzusehen. Wunderschön war die im Weltkrieg weitgehend unzerstört gebliebene, über 200 Jahre alte Apotheke zum Löwen. Schwer zu finden in dem Bauchaos war die Skulptur der "Bambergerin", eine Erinnerung an die Ansiedlung von Franken Ende des 18. Jahrhunderts in der Stadt. Sehenswert und von weitem sichtbar war der Giebel der barocken Pfarrkirche unweit des Altmarktes. Nur wenige Schritte entfernt auf einem Hügel steht die erst 2010 wiederaufgebaute Königsburg mit dem in der Nähe befindlichen Franziskanerkloster. Einen Spaziergang aus dem unmittelbaren Stadtzentrum heraus ließ Kaiser Wilhelm II. direkt vom dem 1. Weltkrieg ein großes Gebäudeensemble errichten, das Kaiserforum mit dem historisierenden Kaiser- oder Posener Schloß. Auf dem Weg dorthin passiert man den Freiheitsplatz, umstanden von imposanten Gebäuden aus wilhelminischer Zeit. Bei schönem Wetter spielt sich hier offenbar ein reger Außengastronomiebetrieb ab, bei dem miesen Wetter waren aber alle Buden geschlossen.
Auffällig in der Innenstadt waren die zahlreichen Straßenzüge mit geschlossener wilhelminischer und Jugendstil-Architektur. Sehr viele Häuser waren mittlerweile prächtig restauriert und eine wahre Augenweide.

Mein nächstes Ziel war die Dominsel, deutlich außerhalb und östlich der Altstadt jenseits der Warthe gelegen. 968 hatte sich der polnische König hier taufen lassen, errichtete den ersten Bischofssitz seines Landes und rund um den Dom wuchs auf der Insel eine Ansiedlung, die im 13. Jahrhundert zum Zentrum von Großpolen aufstieg. Zeitgleich entstand auf der anderen Flußseite eine Marktsiedlung, die jetzige Innenstadt. Das heutige Aussehen des Doms stammt vom Wiederaufbau von 1956. Die Restauratoren hatten sich nach den schweren Beschädigungen in der "Schlacht um Posen" für eine Rekonstruktion im Stil der Backsteingotik entschlossen. Bis 1945 hatte der Dom ein weitestgehend klassizistisches Aussehen.
Mein letzter Gang führte mich vorbei an meinem Apartment nördlich der Stadt hin zur ehemalgien Zitadelle. Ab 1828 wurde ganz Posen zu einer Festung ausgebaut und der nördlich gelegene Weinberg wurde in einen wirklich riesigen Zacken dieser Befestigung umgebaut. Grund für den Bau war die Angst vor einer Erhebung der polnischen Bevölkerung gegen die Preußen sowie als Schutz vor einem möglichen Angriff Rußlands.

Lyck / Ełk

Am nächsten Tag verließ ich bei erneut 16 Grad und Nieselregen Posen, um Richtung Osten zu fahren. Auf der langweiligen Strecke, mehr oder weniger schnurgerade durch eine flache Landschaft, stieg die Temperatur merklich bis auf 26 Grad an. Hinter Posen mußte ich auf der staatlichen Autobahn zwei Mal 25 Złoty Maut bezahlen, dann schloß sich ein Stück privat konzessionierte Autobahn an. Glücklicherweise hatte ich am Vortag noch ein Onlineticket für 10 Złoty erworben, denn es gab keine Bezahlstellen mehr, nur noch Scanner für die Autokennzeichen. Ein Vergehen kann sehr teuer werden!

Vorbei ging es an Warschau und von dort Richtung Białystock, immer noch durch recht flache Landschaft. Da mein nächstes Ziel etwas abseits der Autobahn lag - ich hatte unbedingt noch im alten Ostpreußen übernachten wollen - mußte ich über Land fahren. Irgendwann sah ich die ersten alten Holzhäuser, aber nur vereinzelt. Auch die Kirchen ließen darauf schließen, daß ich die imaginäre alte Grenze überschritten hatte. Nach 540 km und sechs Stunden Fahrt erreichte ich mein nächstes Etappenziel Lyck (Ełk) an der Lycker Seenplatte. Mein gebuchtes Apartment in einem brandneuen Gebäude südlich der Stadt mit Blick auf den See war mehr als einladend.
Ich nutzte die verbliebene Zeit bis zur Dunkelheit, die hier mindestens eine Stunde früher einsetzt als in Westdeutschland, zur Besichtigung der wenigen Sehenswürdigkeiten. Lyck wurde im Zeiten Weltkrieg in weiten Teilen zerstört und ich mußte nach historischer Architektur suchen. Teilweise findet man an der Straße Wojska Polskiego noch Relikte wilhelminischer Bebauung, die Baulücken wurden allerdings "irgendwie" geschlossen. Sehr sehenswert waren der historische Wasserturm von 1895, die neugotische Kirche im Zentrum und natürlich das Schmalspurbahnmuseum. Die Bahn wurde kurz vor dem Ersten Weltkrieg erstellt und dient heute für Ausflugsfahrten.
Lohnenswert für Historiker ist auch die Fahrt über die Brücke zur Insel im See. Dort befindet sich das verfallene Gebäude der alten Burg des Deutschen Ordens. In dem alten Gemäuer war von 1888 bis 1976 ein Gefängnis untergebracht. Ansonsten breitet sich die Stadt ungebremst ins Umland aus. Der südliche Uferbereich war zugebaut mit großen Apartmentkomplexen, noch mal südlich davon standen nagelneue Mehrfamilienhäuser. Wie aus der Zeit gefallen muteten die in der Nähe befindlichen typischen kleinen deutsche Siedlungshäuschen aus den 1930er Jahren an.

Dreiländereck

Am nächsten Tag fuhr ich nicht über die Hauptstraße via Suwalken nach Norden, sondern "über die Dörfer" zum nächsten Ziel, dem Dreiländereck Rußland, Polen, Litauen. Obwohl die Fahrt durch abseitiges polnisches Grenzgebiet führte, fiel eine rege Bautätigkeit auf. Mitten in die Landschaft waren neue Gebäude errichtet worden bzw. waren im Bau befindlich Vor allem außerhalb der Ortschaften und Städte war der ehedem ostpreußische Charakter der Gegend kaum noch zu erkennen. Weiter ging es durch eine sanft rollende Landschaft mit überraschend viel Maisanbau. Das Dreiländereckt war als Attraktion mit großem Parkplatz ausgebaut. An der Granitstele, die den Grenzpunkt markiert, fiel Rußland (mal wieder?) aus der Reihe. Von polnischer und litauischer Seite durfte der Stein umrundet und photographiert werden, von russischer nicht. Hier versperrten Gitter den Zugang, obwohl sich die "eigentliche Grenze" gut 100 m entfernt und eingezäunt befand. Brandneu eingezäunt inkl. Nato-Drahtrolle oben war auch die polnische Grenze, denn offenbar befürchtete man hier auch - wie im Herbst 2021 - einen vorsätzlich herbeigeführten Migrantenansturm.
Nachdenklich fuhr ich über die "grüne Grenze" nach Litauen. Unmittelbar davor stand ein Auto mit zwei polnischen Grenzern im Gebüsch.

Zur Fortsetzung des Reiseberichtes für Litauen und Lettland bitte hier klicken.

Literaturempfehlungen:

 - Monzer, Frieder, Dydytch, Lena: Rund um Posen, Thorn und Bromberg, 2. Aufl. 2017 (Trescher Verlag)