Lethbridge, Alberta

Weiter ging es durch landwirtschaftlich genutzte Prärielandschaft, in der man vereinzelt Ölförderpumpen sah. Spät nachmittags erreichten wir die Stadt Lethbridge, das Zentrum der Region. Hauptattraktion ist das Galt Museum zur Geschichte der Region und der hier beheimateten Kainai (Blood) Indianer, die ebenfalls zur Blackfoot Confederacy gehören. Keimzelle des Ortes war allerdings ein Fort mit höchst zweifelhafter Geschichte: Fort Whoop-Up. In den Jahren von 1869 bis 1874 wurden von Amerikanern aus Montana in Südkanada über 40 so genannte "Whiskey-Forts" errichtet, in denen gepantschter Alkohol an die Indianer verkauft wurde. Diese, als auch die Siedler der Region, riefen die Northwest Mounted Police zu Hilfe, die dem Treiben dann ein Ende bereitete. Das wieder aufgebaute Fort befindet sich sinnigerweise im sogenannten Indian Battle Park. Es war wohl kein Zufall, daß die letzte große Schlacht zwischen Indianerstämmen, nämlich den Blackfoot und den Cree, hier 1870 stattfand.

Am Tag unseres Besuches war der kanadische Feiertag Victoria Day und wir sahen im Park zahlreiche indianische Familien beim Picknick. Ebenfalls recht zahlreich vertreten waren die an ihrer altertümlichen Kleidung unschwer zu erkennenden Hutterer, die in der Region siedeln.
Wir quartierten uns im sehr ordentlichen Lethbridge Lodge Hotel ein und nutzten den Abend zu einem Spaziergang durch die Innenstadt. Hier waren die Bürgersteige (wegen des Feiertages?) komplett hochgeklappt worden. Die Stadt war tot - bis auf eine Reihe komplett betrunkener Indianer (auch Frauen), die sich teilweise untereinander anpöbelten und uns auch anbettelten. Die Problematik war in der Stadt offensichtlich bekannt, denn sie leistete sich ein zweiköpfiges Security-Team, welches unentwegt durch den doch recht überschaubaren Stadtpark patrouillierte. Es waren außer uns die einzigen Weißen weit und breit…

Am nächsten Tag durchquerten wir das Örtchen Fort Macleod mit "historischer" Main street und dem restaurierten Fort Macleod, welches die Mounties nach der Einnahme von Fort Whoop-Up 1874 errichteten.

Head-Smashed-In Buffalo Jump, Alberta

Eigentliches Ziel war aber das in der Nähe von Fort Macleod gelegene Interpretive Center "Head-Smashed-In Buffalo Jump". Es besteht bereits seit 1981 und wurde von der UNESCO zur World Heritage Site erklärt. Vor Tausenden von Jahren, bis zur Einführung des Pferdes bei den Präriestämmen, wurden hier von den Indianern Bisonherden über die Felsklippen getrieben, um Fleischvorräte anzulegen.

Das Zentrum ist architektonisch hervorragend in die Landschaft integriert und stellt in einer ausgezeichneten Ausstellung die Lebensweise der prähistorischen Indianer und späteren Blackfoot dar. Einführend wird ein sehr sehenswerter Film zur Bedeutung dieses Ortes gezeigt. Der angegliederte Verkaufsladen bietet sehr gutes Kunsthandwerk der Blackfoot zum Verkauf an. Ich unterhielt mich mit einem indianischen Angestellten des Zentrums. Er berichtete mir von der Ahnungslosigkeit der meisten Besucher zu Kultur der Indianer. Ihm seien schon Leute untergekommen, die der Meinung waren, an dieser Stelle habe Buffalo Bill den Indianern das Büffeljagen beigebracht. Ein anderer Mann habe gefragt, wann denn die nächste Vorführung der von der Klippe springenden Büffel sei. Krönung war wohl derjenige Besucher, der sich vor dem distinktiv indianisch aussehenden Angestellten mit der Frage "where are the Indians?" aufgebaut hätte.

Blood Indian Reserve, Alberta

Über den Highway 2 erreicht man das direkt in südlicher Richtung liegende, größte Indianerreservat Kanadas, das Blood Reserve. Direkt hinter der Grenze liegt der Hauptort des Reservates, Stand Off, den wir besuchten. Sofort ins Auge fiel ein größeres Gebäude, in dem die Stammesverwaltung untergebracht war. Ich war auf der Suche nach dem sich hier angeblich befindendlichen Cultural Centre. Neben der Stammesverwaltung steht ein größerer Gebäudekomplex, bezeichnet als Chief Shot both Sides Building. Auf dem großen Parkplatz davor herrschte ein reges Kommen und Gehen, also entschlossen wir uns, auch dieses Gebäude zu betreten. In der mit vielen Menschen - die meisten Vollblutindianer mit langen Haaren - gefüllten Eingangshalle befand sich interessanterweise eine sehr große Zweigstelle der Scotia Bank, aber keinerlei Hinweis auf besagtes Kulturzentrum. Ich wandte mich fragend an einen sehr traditionell aussehenden Indianer, der mich erstaunt ansah. Erst nach längerem Überlegen konnte er meine Frage beantworten: "Ich glaube, das ist da hinten." In der Tat befand sich dort eine kaum bezeichnete Tür. Dahinter ein Raum, in dem zwei Indianerrinnen mit einem kleinen Kind in der Ecke saßen. Ja, wir könnten uns umschauen, aber Photografieren sei verboten. Das machte nichts, denn eigentlich gab es sowieso nichts zu sehen. Das sollte ein Kulturzentrum sein? Die beiden Frauen waren auch so unkommunikativ, daß ich mich nicht weiter bemühte. Statt dessen sah ich mich im Foyer des Gebäudes um. Bezeichnend waren die Anschläge am schwarzen Brett. Hier ging es um Warnungen vor dem fetalen Alkoholsyndrom und vor häuslicher Gewalt. Auf einmal tauchte im Foyer eine Hutterin in traditioneller Kluft auf und besuchte schnurstracks die Bank. Das war schon ein merkwürdiges Bild zwischen den ganzen Indianern!

Wir fuhren mit dem Auto die weiteren Gebäude ab, die teilweise recht ordentlich, teilweise aber auch recht verlottert aussahen. In einem Gebäude war ein Elder Centre untergebracht, in einem anderen die Food Bank. Ich fragte mich, ob es immer noch Lebensmittellieferungen von der Regierung an die Stämme gibt. Wir verließen den Ort. Kurz vor dem Highway stand ein unübersehbares Schild: "Alkohol ist nicht Teil unserer Kultur!"

Die Gebäude auf dem Reservat machten keinen so guten Eindruck wie bei den Blackfoot. Zwar fand man auch hier die Einheits-Holzhäuser, leider gab es in weiten Bereichen aber auch Trailer, untrügliches Zeichen dafür, daß sich die Bewohner am unteren Ende der sozialen Skala bewegen.

Besonders augenfällig waren die Unterschiede zwischen weißer und indianischer Welt in Cardston, der nächsten Stadt. Auf der einen Seite der Straße befanden sich typisch kanadische Einfamilienhäuser mit manikürten Gärten, auf der anderen Straßenseite war zuerst ein Maschendrahtzaun und dahinter standen ungepflegte Trailer - die Grenze zum Reservat verlief genau hier. In dem "weißen" Stadtviertel fiel übrigens sofort ein weißer Marmortempel auf. Dabei handelt es sich um Kanadas einzigen Mormonentempel, denn Cardston wurde 1887 von Mormonen gegründet.

Waterton Lakes National Park, Alberta

Von Cardston aus verläuft eine Straße durch hügeliges Gelände direkt in Richtung des Waterton Lakes National Park. Wunderschön war der Blick auf die immer noch schneebedeckten Spitzen der über 2000 m hohen Berge. Auf der kanadischen Seite wurde der viel kleinere Teil 1895 gegründet und 1910 auf der US-amerikanischen Seite um den wesentlich größeren Glacier National Park ergänzt. Logischerweise bilden beide Parks eine geographische Einheit mit gleicher Fauna und Flora.

Nachdem wir am Parkeingang unserer Eintrittsgebühr entrichtet hatten, befuhren wir als erstes den Red Rock Parkway. Diese 15 km lange, schmale Straße bietet immer wieder wunderschöne Ausblicke auf die umgebenden hohen Berge und den parallel fließenden Blakiston Creek. Der Name des Canyon rührt von den roten Gesteinsschichten, die hier zu finden sind. Zahlreiche Indianerstämme besuchten den Canyon regelmäßig, um das Gesteinsmaterial, welches sich hervorragend für Bemalungen eignete, für den Eigenbedarf oder Tausch abzubauen. Leider war der letzte Teil des Canyons, der sicherlich am pittoreskesken ist, wegen Bauarbeiten gesperrt. Selbst die Vorsaison hatte gerade erst begonnen. Entschädigt wurden wir dafür durch den Anblick einiger Hirsche in unmittelbarer Straßennähe.

Als nächstes befuhren wir den Akamina Parkway, der zum Cameron Lake führt. Unaufhörlich stieg die Straße an, je höher wir kamen, desto mehr Schnee lag am Wegrand. Der malerische, von hohen Bergen umgebene See war sogar noch komplett zugefroren! Überall lag noch hoch Schnee und es war mit +3 Grad alles andere als warm. Die am Ufer liegenden Pontons ließen allerdings darauf schließen, welcher touristische Andrang hier im Sommer herrschen mußte. Interessant ist die Tatsache, daß das südliche Viertel des Sees bereits in den USA liegt. Der 49. Breitengrad, der die Grenze bildet, durchschneidet den See in voller Breite.

Kaum nachvollziehbar ist heute die Tatsache, daß an dem Parkway inmitten dieser wunderschönen Natur 1902 die erste Ölquelle Albertas angebohrt wurde - allerdings war sie nicht lange in Betrieb.

Wir fuhren den Parkway zurück in Richtung unseres vorab gebuchten Hotels. Dies war eine Notlösung, da das Erste Haus am Platze, das historische Prince of Wales Hotel, saisonbedingt noch nicht geöffnet hatte. Unser Aspen Village Inn stellte sich aber auch als OK heraus. Der Ort Waterton Park war allerdings, bis auf die zahlreichen fast handzahmen Schneeziegen und Mule Deer, die überall grasten, quasi wie ausgestorben. Die Infrastruktur, inklusive diverser Souvenirgeschäfte und Restaurants, ließ auf einen großen Andrang im Sommer schließen.

Am nächsten, ebenfalls wieder sehr kühlen Tag, verließen wir den Nationalpark. Auf dem Chief Mountain International Highway fuhren wir in Richtung Grenze. Hierbei durchquerten wir einen nicht gekennzeichneten Teil des Blood Indianerreservates, der aber nicht besiedelt ist. Nach 30 km war die US-Grenze erreicht. Wir waren die Einzigen, die passieren wollten. Die drei Grenzer untersuchten ausgiebig unsere Pässe, aussteigen durften wir nicht. Statt dessen öffneten sie unseren Kofferraum und die Koffer und schnüffelten (!) daran herum. Dann mußten wir mit dem Auto vorgefahren und ins Gebäude kommen. Offenbar waren die drei nach Durchsicht unserer, unter anderem auch mit amerikanischen Stempeln vollgedruckten Pässen zu der Überzeugung gelangt, daß wir keine unerwünschten Subjekte seien. Ganz im Gegenteil. Der eine Grenzer erzählte uns im Schnellverfahren seine gesamte Familiengeschichte. Er sei mit einer Deutschen verheiratet und sein Schwiegervater habe jetzt gerade die amerikanische Staatsangehörigkeit angenommen etc. etc.. Er versuchte sich sogar an einigen Worten Deutsch. "Leider leider" müsse er uns jetzt photografieren und unsere Fingerabdrücke nehmen. Nach Abschluß der Prozedur hieß es dann "bitte sechs Dollar pro Person" für die Abfertigung. Wir legten 12 Kanada Dollar auf den Tresen. "Nein, nein, wir nehmen hier nur US-Dollar." Die wir natürlich nicht hatten. Was also tun in the middle of nowhere? Außerdem waren unsere Pässe schon gestempelt. Der Chef der Truppe erließ uns die Gebühr mit den Worten "spend the money in the country". Welcome to America!

Glacier National Park, Teil 1, Montana

Kurz hinter der Grenze begann das Reservat der in Montana lebenden Blackfeet, die den Plural ihres Stammesnamens gegenüber den in Kanada lebenden Indianern bevorzugen. Nach 45 km durch das Reservat war einer der Hauptorte des Glacier National Parks, St. Mary, erreicht. Das Visitor Center war wie ausgestorben, noch nicht einmal das Kassenhäuschen war besetzt. Ein Plakat forderte uns auf, 25 US-Dollar in einem Umschlag zu stecken und die Quittung aufzubewahren - was wir ehrlichen Deutschen auch machten. Etliche andere Autos fuhren ohne zu zahlen an uns vorbei, denn hier begann oder endete, je nach Perspektive, die bekannteste Straße des Nationalparks, die Going to the Sun Road. Uns war klar, daß der Mittelteil der Straße, der über den 2000 m hohen Logan Paß führt, um diese Jahreszeit wegen Schnees ist noch geschlossen war. Wir folgten der Straße entlang des pittoresken, lang gestreckten Saint Mary Lake, in dem das winzige Inselchen Wild Goose Island liegt. Flankiert wurde der See von den hohen, immer noch schneebedeckten Wipfeln der Berge. Spektakulär ist auch der Ausblick auf den mittlerweile auch stark im Schmelzen begriffenen Jackson Glacier. Kurz danach war die Straße gesperrt und wir mußten umkehren. Wiederum erfreuten wir uns an der Szenerie.