Kaliningrad / Königsberg

Da für den nächsten Tag trockenes Wetter angesagt war, entschloß ich mich zur Fahrt nach Kaliningrad. Ich wollte nicht schon wieder die doch recht eintönige Autobahn fahren und entschloß mich, die A192, also die alte Verbindungsstraße nach Süden zu nehmen. Sie führt quer durch die samländische Halbinsel und vermittelt einen guten Eindruck von der Landschaft. Hier fiel mir, wie auch schon vorher auf, daß in der Gegend, bis auf minimale Ausnahmen, keine Landwirtschaft betrieben wird. Die Gründe dafür werden in der hier stehenden Analyse gegeben. Kurz gefaßt: das Land wurde nach 1945 falsch bewirtschaftet, das Meliorationssystem zerstört, viel Land ist in der Hand von Spekulanten, es gibt keinen Absatzmarkt, die Zölle für die Durchfahrt durch EU-Territorium nach Rußland sind teuer und Importe aus den EU-Nachbarstaaten preiswerter. Letzteres konnte ich an aus Litauen importiertem Brot in den Supermärkten sehen.

Man versucht nun allen Ernstes, deutsche Bauern zur Pacht von Flächen im Gebiet zu gewinnen. Vorbild für die Aktion ist Katharina die Große - Geschichte wiederholt sich also doch.

Bald erreichte ich den riesigen Kreisverkehr Wassileski Platz und konnte nur mit Mühe einen Parkplatz finden. Obwohl sich hier zwei der großen Kaliningrader Attraktionen befinden, gibt es keine Möglichkeit, den Wagen zu parken. Das alte Roßgärter Tor von 1855 ist wunderschön restauriert. Hierdurch verlief die alte Poststraße in Richtung der Nehrung (die ich gestern teilweise befahren hatte) und ging von dort aus weiter nach Petersburg. Das Tor ist eines von sechs erhaltenen Toren der Stadt. Direkt daneben befindet sich der Dohnaturm, Teil der Stadtbefestigung aus dem 19. Jahrhundert, er beherbergt ein Bernsteinmuseum. Am Eingang eines dort befindlichen Lokals hat der Wirt eine alte deutsche Mülltonne mit der Aufschrift "Königsberg 1939" aufgestellt, die er im Keller gefunden hat. Auf der anderen Straßenseite ist ein Platz dem Eroberer von Königsberg, General Wassilewski gewidmet.

Ich ging zu Fuß nach Westen über die Brücke, die Oberteich und Schloßteich trennen. Beide Gewässer wurden vom Deutschen Orden angelegt. In der Mitte der Straße verläuft, auf altem deutschen Kopfsteinpflaster, die Straßenbahn. Die südliche Straßenseite ist durch sowjetische Plattenbauten gekennzeichnet. Schnell erreichte ich den Wrangelturm, ebenfalls eine alte Stadtbefestigung. Links daneben in einem schön restaurierten Gebäude war die ehemalige Kunsthalle von 1913. Gegenüber beginnt der riesige Kaliningrader Markt, untergebracht im historischen Gebäude und zahlreichen anderen Hallen. Hier gibt es nichts, was es nicht gibt. Ein lebhaftes Treiben beherrschte die Szene und man kann ungeniert beobachten, das Rußland immer noch ein Vielvölkerstaat ist. Die Preise sind im Gegensatz zu denen in den Supermärkten für "Otto Normalverbraucher" ausgelegt. Hier finden sich auch zahlreiche Frauen, die Produkte aus den heimischen Gärten auf improvisierten Ständen anbieten. Zudem wird so mancher Pilze, auf der Nehrung gesammelt wie ich gestern sah, auch hier verkauft. Auf der Nordseite der Halle werden Militaria verkauft, so u.a. auch ein deutscher Stahlhelm. Direkt gegenüber der historischen Markthalle imponiert das ehemalige Haus der Technik von 1925. Es beherbergte die Ostmesse und ist von entsprechender Größe.

Ich ging zurück zum Auto und versuchte zu meinem nächsten Ziel, dem Dom zu gelangen. Dies stellte sich als außerordentlich schwierig heraus, weil eine der beiden Pregelbrücken gerade komplett renoviert und damit für den Autoverkehr gesperrt war. Der Moskowskii prospekt Ist eine riesige Magistrale und ich mußte ja irgendwo mein Auto parken. Also kurvte ich im dichtesten Verkehr herum. Durch Glück fand ich dann mitten in der Brückenbaustelle (!) eine Parklücke und konnte zu Fuß über die Brücke gehen - auf provisorischen Bretten hoch über dem Fluß. Nichts für schwache Nerven! Von der Brücke aus hatte ich bereits einen grandiosen Blick auf den wiederaufgebauten Dom. Dieser war einst von dichter Bebauung, dem Kneiphof umgeben, Infotafeln mit alten Photos zeugen davon. Heute ist der Dom das einzige Gebäude auf der Dominsel und wirkt unwirtlich in der Umgebung, denn außer dem Dom gibt es weit und breit nur noch das alte jüdische Waisenhaus an der ehemaligen Honigbrücke als altes Gebäude. Wohin man schaut: verkommene Plattenbauten und sozialistische Magistralen. Am Dom findet sich auch Kants Grabmal und ein Denkmal für den Gründer der Universität, Herzog Albrecht.

Von der Honigbrücke aus sieht man auf den neuen Komplex Fischdorf, einen historisierenden Häuserkomplex, der an das alte Königsberg erinnern soll. Ich ging vom Dom nach Norden zum Haus der Räte und mußte zu meinem Ärger feststellen, daß das gesamte Areal nicht zu durchqueren war. Ich mußte einen riesigen Umweg vorbei an einem blickdichten Bauzaun aus Metall nehmen. Was ging denn hier vor? Mein Forschergeist kennt bekanntlich keine Grenzen und so quetschte ich mich an einer Stelle unter dem Metallverhau durch. Nun sah ich, was hier vorging: man legte mit schwerem Gerät die Fundamente des 1969 gesprengten Königsberger Schlosses frei! Ein bearbeiteter Stein unmittelbar vor meinen Füßen sprach eine beredte Sprache. Wieder zurück unter dem Zaun stand ich erneut auf dem grauseligen Lenin Prospekt und ging weiter nach Norden zum Schloßteich. Auch hier wurde an allen Ecken und Enden gewerkelt.

Bald erreichte ich die Universität und das davor von Gräfin Dönhoff gestiftete Kant Denkmal. Nun begab ich mich auf die Suche nach dem Bunker von General Otto Lasch, der von hier aus die Verteidigung der Stadt leitete. Erst als die Rote Armee direkt vor dem Bunker stand, kapitulierte er am 9. April 1945. Weil ich den Bunker zwischen den Wohnblocks nicht finden konnte, sprach ich auf Russisch eine jüngere Frau an. Diese antwortete in fließendem Deutsch: ihre Mutter sei Deutsche aus Kamtschatka und sie selbst habe lange in Krefeld gewohnt. Welch ein Zufall! Es entspann sich ein sehr nettes Gespräch und die Frau führte mich auch noch zum - allerdings geschlossenen - Bunker.

Über den Schloßteich erreichte ich - vorbei an der früheren Stadthalle von 1912 (heute Stadtmuseum) - die ehemalige Königsstraße, heute ul. Frunze. Ein Gang ist mehr als lohnenswert, denn hier finden sich die letzten noch zusammenhängenden Altbauensembles der Innenstadt. Wie lange das noch so sein wird, kann man nicht sagen. Sprachlos machte mich die Fassade der Kreuzapotheke am Königseck. Hier war die Zeit stehengeblieben: es sah so aus wie 1945! Dahinter waren Abbrucharbeiten in vollem Gange: Arbeiter trugen gerade den angrenzenden Gebäudekomplex ab - um die roten Ziegelsteine zu verkaufen. Hier wird eines der letzten zusammenhängende Stücke deutschen Architektur, welches den Krieg überstanden hat, zerstört. Man hätte die Häuser noch retten können. Entlang der ul. Frunze finden sich noch vereinzelt historische, mittlerweile renovierte Bauten, z.B. das Finanzamt der Provinz. Am Ende der Straße konnte ich das Königstor erkennen, mir war es aber zu weit zum Laufen. An einer Nebenstraße liegen alt - schön und alt - kaputt fast vis-à-vis: die ehemalige Königin-Luise Mädchenschule ist heute Musikschule und sieht wunderschön aus. Völlig verkommen ist das eindrucksvolle Palais der ostpreußischen Landschaft, trotzdem sitzt darin eine militärische Dienstelle. Für mich sah es deutlich einsturzgefährdet aus… gedankenverloren ging ich an der Moskowskaja mit ihren Plattenbauten zurück zum Auto.

Durch enormen Verkehr fuhr ich anschließend noch in den ehemaligen Stadtbezirk Amalienau, einem unzerstört gebliebenem Villenviertel, welches in extremem Kontrast zur sowjetischen Atmosphäre der Innenstadt steht: typische "deutsche" Straßen gesäumt von luxuriösen Villen. Empfohlen sei ein Gang entlang der ul. Komsomolskaja (Luisenallee) .
Mit sehr gemischten Gefühlen machte ich mich wieder auf den Weg nach Norden. Die heutige A 192 verläuft in Teilen auf der alten Reichsstraße 143.

Das östliche Samland

Da mir der Wettergott holt war und es nicht regnete (dafür aber auch nur 12 Grad warm war) und ich einen Kontrapunkt zur Fahrt nach Kaliningrad brauchte, entschloß ich mich zu einer Fahrt "über Land" in das östliche Samland. Erstes Ziel war das etwas südlich von Selenogradsk gelegene Mochowoje / Wiskiauten. Seit mehr als hundert Jahren wird hier nach einer versunkenen Wikingersiedlung gesucht. Bis 2011 konnte ein Kieler Archäologenteam die Siedlung aus dem 6.-12. Jahrhundert eingrenzen. Wiskiauten war das letzte verschollene Glied einer Kette von Siedlungen von Lettland bis nach Haithabu. Nur mit Hilfe der Webseite konnte ich die Grabungsstelle finden, ein unscheinbare Brache zu der es gibt kein Hinweisschild o.ä. gibt.

Nur einen Kilometer weiter in Sosnowka / Bledau findet sich erstaunlicherweise ein völlig intaktes Gutshaus aus dem 15. Jahrhundert. Gut Bledau verdankt seine Rettung der Tatsache, daß darin eine Gehörlosenschule untergebracht ist. Das neobarocke Gebäude und einige uralte Bäume der Parkanlage kann man durch einen Zaun betrachten.

Kaum hatte ich die Autobahn überquert, fand ich mich unvermittelt an einem großen Areal mit überdimensionierten Parabolantennen wieder, die noch auf keinem Luftbild verzeichnet waren, d.h. nach 2012 erstellt worden sein müssen. Es führte mir die militärische Bedeutung der Gegend anschaulich vor Augen. Ein Militärgebiet hatte mir gerade noch gefehlt. Die Straße führte zu meinem Entsetzen direkt an dem gesicherten Gelände vorbei - also Augen zu und durch bzw. hoffen, daß mich niemand in meinem auffälligen Auto anhalten würde… ein gutes Stück weiter und durch Büsche verdeckt wagte ich dann doch ein Photo zu machen.

Durch ehedem landwirtschaftliches Gebiet erreichte ich Chrabrowo / Powunden in Sicht- und Hörweite des Flughafens. Die dortige Dorfkirche galt als eine der schönsten im ländlichen Ostpreußen, überstand den Krieg unbeschadet und wurde als Dorfclub genutzt. Nach dessen Schließung brannte es diverse Male und das Gebäude wurde - wie auch sonst überall - als Steinbruch genutzt. Übrig blieb nur eine Ruine und obwohl das Gebäude unter Denkmalschutz steht, hört der Raubbau nicht auf. Nicht zu fassen für einen Historiker ist der Anblick eine Wandmalerei von 1370, die die Zeiten überstanden hat - und nun in Kürze nicht mehr da sein wird. Ein Bild des Jammers ist auch das Gebäude in Sichtweite der Kirchenruine, ich vermute, es war die Schule. Das Haus war offenbar noch bis vor einiger Zeit bewohnt, lag nun voller Unrat und das Dach ist komplett marode. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis es auch komplett zerstört ist.

Quer "über die Dörfer" fuhr ich weiter nach Osten. Nur schwer verständlich ist für einen an hochtechnisierte Agrarwirtschaft gewöhnten Menschen der Anblick der Gegend: zu 90 % brachliegende Flächen. Auf den restlichen Arealen Felder, auf denen im September noch das Korn steht, Wiesen die gemäht wurden, aber die Rundballen dieses Sommers verrotten. Auch verrottende Strohballen aus diesem Sommer, wo Felder doch abgeerntet wurden. Männer, die auf verkrauteten Wiesen einige Kühe hüten. Angepflockte Kühe mitten im Nirgendwo. Ein russischer Cowboy, der in höchst rustikalem Reitstil eine Schaf- und Kuhherde hin- und hertrieb. Ehemalige deutsche Bauernhöfe, wo man versucht - irgendwie - Landwirtschaft zu betreiben. Aber auch Versuche, die verbuschten Felder vom Strauchzeug zu befreien. Immerhin ein gepflügtes Feld sah ich. Und dann: ein umzäuntes Areal mit einem hochmodernen Schweinestall und einer Biogasanlage. Die sah aus wie vom Mars gelandet. Mich würde interessieren, wer hier der Investor ist. Rußland? Die EU trotz der Sanktionen?

Nach einigen Kilometern durch die Landschaft erreichte ich Nekrassowo / Schaaken mit der Burg des zu Ordenszeiten Sitzes des sogenannten Pflegers. Die Burg wurde 1270 auf den Resten einer Prußenfeste errichtet. Heute versucht ein Kaliningrader Unternehmen und ein deutscher Förderverein, die Burg wieder aufzubauen. Im Innenhof kann man gegen einen geringen Obolus mittelalterliche Erlebnisgastronomie besichtigen und auch durch ein Kellerverlies gehen. Man kann davon halten was man will, zumindest wurde der Verfall aufgehalten.

Im südlich gelegenen Schemtschuschnoje / Kirche Schaaken, direkt an der Kreuzung, an der eine wunderschöne Allee mit alten Bäumen beginnt, liegt die Ruine der Kirche aus dem 14. Jahrhundert. Auch sie hatte den Krieg überstanden und wurde anschließend zerstört. Schön zu sehen war, daß das angrenzende alte Schulhaus gerade wieder renoviert wird. Aus alter Zeit stammt auch noch das Kieselsteinpflaster zwischen den beiden Gebäuden. Interessant anzuschauen ist auch der russische Friedhof links neben der Kirche.

Ich bog ab nach Norden in Richtung des Haffs. In Kaschirskoje / Schaaksvitte befindet sich eine der ganz wenigen Möglichkeiten, an das sonst von einem Schilfgürtel umgebene Haff zu gelangen. Der Blick über das Wasser auf die Nehrung ist atemberaubend. In der Ferne kann man die Dünenfelder sehen und die Gegend ist ein Paradies für Wasservögel. Das ehemalige Fischerdorf hinterläßt einen merkwürdigen Eindruck: alte deutsche Häuser im Originalzustand von 1940, einige neue Datschen und Ferienhäuser (?). Die alte deutsche gepflasterte Straße endet an der Brücke in einem Schlaglochchaos. Mir unverständlich lassen die offenbar gut betuchten Besitzer der neuen Häuser hier nichts unternehmen. Lieber kauft man sich einen Geländewagen…

Quer durch die Landschaft fuhr ich nach Dobrino. An der alten Bahnstation kann man noch gut den alten Ortsnamen Nautzken lesen. Über die A 190 erreichte ich gen Osten nach 12 Kilometern Turgenowo / Groß Legitten. Auch die hiesige Kirche hatte den Krieg überstanden, war danach aber demoliert worden. Mit Hilfe eines deutschen Fördervereins wurde sie vor dem Verfall gerettet und bekam ein neues (Blech-) Dach. Wie schön haben diese Kirchen doch ausgesehen!

Das Standardbild ist aber leider in der Gegend ein anderes, wie ich auf der Heimfahrt bei Salskoje schon in unmittelbarer Nähe von Swetlogorsk sah: St. Lorenz von 1450 ist - trotz Denkmalschutzes - nur noch eine traurige Ruine. Immerhin hat man das Gelände umzäunt und damit weiteren Raubbau gestoppt.