Am nächsten Morgen genoß ich den Blick aus dem Fenster aufs Meer und machte mich erst spät auf den weiteren Weg. Mein nächstes Ziel war das Gutshofensemble Kolga Mõis (dt. Kolk), früher eines der größten Güter Estlands. Auf dem Areal eines Zisterzienserkonvents wurde in den 1630er Jahren ein Gutshaus errichten, welches in den nächsten Jahrhunderten immer wieder umgebaut und erweitert wurde. Der Säulenportikus, absolut der letzte architektonische Schrei Anfang des 19. Jahrhunderts, ist auch heute noch imposant. Im Gebäude ist ein Museum untergebracht und das Haus befindet sich noch deutlich im Renovierungszustand.

Auch mein nächster Stop war ein Herrenhaus, Kiiu (dt. Kida). Bestens renoviert ist der ehemalige Besitz der baltendeutschen Familie von Stenbrock heute Sitz der Gemeindeverwaltung von Kuusalu. Das Gebäude, dessen Geschichte bis auf 1418 zurückgeht, ist nunmehr nach zahlreichen Umbauten ein Stilmix aus Barock und Klassizismus. Absolut sehenswert ist die in Sichtweite bestehende kleinste Festung Estlands, ein Wohnturm von etwa 1520 in erstklassischem Zustand.

Weiter ging es auf der schnurgeraden Autobahn Richtung Tallinn. Hier darf man sogar 110 km / h fahren, was sehr ungewöhnlich für Estland ist. Auch diese Straße wurde mit EU-Mitteln ausgebaut.

Unmittelbar an der Strecke gibt es einen lohnenswerten Stop. Beim Ausbau der Straße in den 1980er Jahren fand man auf dem Gelände 36-37 sog. Steinkistengräber aus der Bronzezeit. Die Toten wurden in den aufwendigen Steinanlagen immer Richtung Blick zur Sonne nach Süden bestattet. An der Autobahn muß man auf das Schild "Rebala kaitseala muuseum" achten, in dem man für 3 € Eintritt einen Überblick über die Geschichte der Grabfunde erhält. Ich kam mit der netten Mitarbeiterin ins Gespräch, die sich recht schnell über die russischstämmigen Esten ausließ. Auch diese "hätten sich an die Regeln zu halten", aber sie lebten in einer Blase und hätten ja auch niemanden, mit dem sie zur Übung estnisch sprechen könnten.

Tallinn (Reval), Estland

Bald waren vom Museum aus die Ausläufer von Tallinn, der Hauptstadt Estlands erreicht, die Straße war auch in der Stadt vierspurig üppig ausgebaut und es herrschte viel Verkehr. Nach 30 Minuten erreichte ich mein nächstes Ziel, dem von Peter dem Großen erbauten Schloß Kadriorg (Katharinenthal). Peter ließ das Schloß 1718 als barocke Sommerresidenz errichten, als er sich in Tallinn zum Bau eines neuen Kriegshafens in der Stadt aufhielt. Im Gebäude befindet sich nun auf zwei Etagen ein Kunstmuseum mit Bildern alter Meister, u.a. Lucas Cranach, aber auch russische Kunst, so ein Bild des von mir geschätzten Repin. Das sehr sehenswerte Museum kostet für Estland vergleichsweise geringe 9 € Eintritt. Im großen Ballsaal wurde ich Zeuge der Vorbereitungen zur Wahl der Miss Estonia. Wer Spaß an so was hat….
Für deutlich interessanter war ein Gang durch den Barockpark. Wegen der Größe entschloß ich mich mit dem Auto zum südlichen Ende zu fahren. An einer Sichtachse des Parks, aber natürlich außerhalb, blickt man auf das Russalka- Denkmal von 1902, welches an den Untergang des gleichnamigen Kriegsschiffes erinnert. Direkt am Denkmal verläuft die Strandpromenade, von der aus man einen guten Blick auf die ein- und auslaufenden großen Fähren nach Stockholm und Helsinki hat.

Es wurde Zeit, zu meinem Apartment zu fahren. Leider war der gesamte Bereich zwischen dem Denkmal und dem Bereich nach Westen eine einzige gigantische Baustelle mit chaotischem Verkehr am heutigen Freitag. Ich benötigte für weniger als einen Kilometer 40 Minuten. Dann erreichte ich meine nächste Übernachtungsstätte: ein altes Holzhaus aus dem 19. Jahrhundert. Damit hatte ich bereits in Riga gute Erfahrungen gemacht, weil an solchen Häusern meist noch Abstellmöglichkeiten für das Fahrzeug bestehen. Dieses unterzubringen ist ansonsten in Tallinn mit flächendeckenden Parkverbotszonen bzw. unglaublichen Parkgebühren unmöglich. Allerdings war der Eingangsbereich des Hauses, wie bereits auch in Riga, einfach nur schrecklich. Ich erspare mir den Begriff historisch, verwohnt alt paßt besser. Abgetretene Holzbohlen, die obligatorischen Holzschränke in den Fluren, die massiven "Sowjet" Metalltüren. An einer Stelle konnte man die von oben kommenden Rohre sehen… Kommt man dann allerdings in die Wohnungen ist man einfach erstaunt, sie sind bestens renoviert. Also: Augen zu und durch.

Am nächsten Tag, erneut bei einem Sonne-Wolken Mix und etwa 20 Grad, startete ich meine Besichtigungstour durch Tallinn. Die Stadt wurde vom dänischen König erobert, der 1219 auf einer alten estnischen Festung eine Domkirche errichten ließ. Dänemark konnte die Burg jedoch nicht lange gegen die aufständischen Esten und die vordringenden Deutschen halten. 1227 eroberte der Schwertbrüderorden Reval mit päpstlicher Genehmigung und erhielt die Burg und einen Großteil des heutigen Estland zur Verwaltung. Nur wenige Jahre später gelangte Reval wieder unter dänische Herrschaft. Trotzdem behielt die Stadt eine deutsche Oberschicht, die fast ausschließlich aus Kaufleuten bestand und sehr engen Kontakt zur Hanse unterhielten. Hierdurch und die vorher durchgeführte Ansiedlung von westfälischen und niederdeutschen Kaufleuten war Deutsch bis 1889 in Tallinn Amtssprache.

Kurzum: die Altstadt ist absolut beeindruckend. Dies vor allen Dingen dadurch, daß es im 2. Weltkrieg bis auf einen sowjetischen Bombenangriff keine Zerstörungen gegeben hat und man sich in einem geschlossen historischen Gebäudeensemble befindet. Besonders beeindruckend ist auch die mehr oder weniger komplett intakte mittelalterliche Stadtmauer. Zudem ist die Altstadt in allerbestem renoviertem Zustand, so daß man fast vor jedem Gebäude stehenbleiben und staunen könnte.
Empfehlenswert ist auch ein Gang auf den Domberg, von dem man einen sehr guten Blick über die Altstadt und darüber hinaus hat. Dort sieht man auch, daß direkt hinter der Stadtmauer nach Osten hin das Viertel der Hochhäuser beginnt. Am Stadtrand erblickt man die unvermeidlichen Plattenbauviertel.

Ich besuchte das für eine Hauptstadt durchaus überschaubare Stadtmuseum (6 € Eintritt) und hätte für eine Stadt solchen Kalibers deutlich mehr Exponate erwartet.
Um zu verstehen, warum die Esten ein solch' gespanntes Verhältnis zu Rußland haben, sollte man unbedingt das KGB-Museum (8 €) aufsuchen. Im Vergleich zum gleichartigen Museum in Lviv welches ich besuchte, ist es sehr klein, letztlich besteht es nur aus 1,5 Fluren mit Zellen, trotzdem wird dem Besucher eindrücklich vor Augen geführt, wie die Sowjetunion mit ihren Einwohnern umsprang. Eindrucksvoll sind die audiovisuellen Aussagen von ehemaligen Insassen aber auch die eines KGB-Mitarbeiters, der nach eigener Aussage "nie" unten im Keller war, und die gefangen genommenen Personen dort "nur" ablieferte. Was für ein Hohn spricht aus seinem Satz und dem begleitenden Lachen, die von ihm dort abgelieferten Menschen hätten sich aber bereits auf der Fahrt zum Gebäude "angepißt" und einer hätte sich bei der Abholung nur noch humpelt fortbewegen können. Ach, und er wußte von nichts?

Vor dem Hintergrund versteht man auch den Zaun vor der mitten in der Altstadt gelegenen russischen Botschaft, an dem eindeutige Aussagen zu Putins Angriffskrieg befestigt sind. Die Polizei befürchtet offensichtlich Übergriffe, denn ständig patrollierten zwei Wagen vor der Botschaft hin und her.

Leider ist die Altstadt komplett vom Massentourismus überrannt. Insbesondere ab mittags schieben sich die Massen durch die teilweise engen Straßen. Besonders lästig sind die großen Gruppen mit Reiseführer, die alles blockieren. Die Stadt ist auf allerdings auf diese Art Tourismus eingestellt. Buchstäblich überall finden sich Straßencafés und an jeder Ecke wird jeder nur erdenkliche Kitsch verkauft - und das zu durchaus happigen Preisen.

Von Tallinn nach Süden Richtung Lettland

Am nächsten Morgen hieß es Tallinn zu verlassen. Mein nächstes Ziel war das 40 Kilometer entfernt liegende Außenlager von Vaivara, Klooga, welches unter der Bezeichnung "OT Betriebe Klooga" geführt wurde. Es entstand mitten in einem Wald im ehemals sowjetischen Sperrgebiet, aber mit dem für solche Einrichtungen unabdingbaren Gleisanschluß. Berüchtigte Bekanntheit erlangte das Lager im September 1944, als es im Zuge des immer schneller stattfindenden Vormarsch der Roten Armee zu einem Massaker an den verbleibenden Insassen des Lagers kam.

Insgesamt wurden an einem Tag um die 2000 Häftlinge erschossen, als klar war, das keine Schiffskapazität für einen Transport ins KZ Stutthof mehr frei war und man die Menschen "los werden mußte". Größtenteils hatten sie auf hastig errichtete Scheiterhaufen heraufklettern müssen, wo sie durch Genickschuß getötet wurden. Nachts wurden einige der Scheiterhaufen angezündet, mehrere, lagenweise mit Holz und Toten bedeckt, aber nicht. Auf einem Scheiterhaufen befanden sich keine Toten. Dies war der Zustand den die Rote Armee bei ihrem Einmarsch vorfand. Einige wenige Überlebende, die sich hatten verstecken können, berichteten von dem Massaker. Die Sowjets holten nach dem Fund eine Delegation ausländischer Korrespondenten nach Klooga, die die Vorkommnisse dort publik machten.
Die Gedenkstätte besteht aus einem Waldweg mit Erläuterungstafeln zu den verschiedenen Bereichen des Lagers und des Massakers mit sehr guten Erläuterungstafeln, auf denen auch nicht verschwiegen wird, daß estnische Einheiten ebenfalls aktiv an dem Geschehen beteiligt waren.

Um mich auf andere Gedanken zu bringen, fuhr ich zu einem laut Internet "lost place". Luftlinie nicht weit vom ehemaligen Lager entfernt muß man aber mit dem Auto fast sieben Kilometer fahren. Auf dem Gelände eines früheren Militärflugfeldes mit noch bestehenden halbrunden Beton-Flugzeugunterständen befindet sich das Herrenhaus Gut Lodensee, oder genauer das, was davon noch übrig ist. Das Gut besteht seit mindestens 1505, ab 1665 war es im Besitz der baltendeutschen Familie von Klugen, woher sich der Name Klooga ableitet.

Zwar hatte ich den Besuch des Geländes akribisch per Internet vorbereitet, die Zufahrt gestaltete sich nach einem wolkenbruchartigen Regen eine Stunde zuvor aber als abenteuerlich. Wer es mir nachmachen möchte: bei GPS 59.3077, 24.2481 gibt eine Zufahrt. Diese ist allerdings absolut miserabel, wird aber wohl von Einheimischen benutzt, die am See, dem ehemaligen Lodensee, angeln. Um mich nicht festzufahren, parkte ich mein Auto am Seeufer und ging den Rest des Pfades zu Fuß. So "lost" ist die Ruine allerdings nicht. Im hohen Gras um das Gebäude waren eindeutige Trampelspuren zu sehen, und mir kam ein Pärchen aus Tallinn entgegen, wo der Mann ein gewähltes Deutsch sprach (und mich ansprach). Das Herrenhaus, einst geschützt auf der Militärbasis, brannte, wie so viele Herrenhäuser im "Osten", die ich besuchte, nach der Wende aus. 1997 versuchte sich ein Investor an dem barocken Gebäude von 1794, ging aber Konkurs. Das Haus ist nun in völlig ruinösem Zustand. Mehr oder wenig einzig das noch erhaltene Familienwappen am Portikus zeugt von der langen Geschichte. Der früher sicherlich grandiose Blick auf den See ist mittlerweile auch zugewuchert. Schade… Ich rutsche beim Weg zum Auto dann auch noch im Schlamm aus. Es war eine riesige Schweinerei. Eine Tour zum Haus ist wirklich nur etwas für Schlösser-Aficionados.

Wie so ein Gebäude aussieht, wenn es fast fertig renoviert ist, sah ich 30 Kilometer weiter beim Herrenhaus Riispere (Riesenberg) in Vilumäe. Das imposante klassizistische Ensemble wird seit einigen Jahren grundrestauriert und sieht bestechend aus. Aus verständlichen Gründen ist das gesamte Gelände eingezäunt und videoüberwacht.

Wieder ein Stück weiter lohnt sich ein Stop im Örtchen Risti (dt. Kreuz) doppelt. Zum einen befindet sich dort ein eindrucksvoller Wasserturm aus der Zarenzeit (1904), der zusammen mit der Eisenbahnstation errichtet wurde. Zum anderen befindet sich direkt neben den Schienen ein eindrucksvolles, aus Eisenbahnschienen erstelltes Monument, welches den 3000 aus der Umgebung von den Sowjets nach Sibirien deportierten Menschen (zwei Deportationswellen 1941 und 1949) gewidmet ist. Risti war Eisenbahnknotenpunkt und damit Verladebahnhof für die armen Personen, die bestenfalls erst nach Stalins Tod 1953 wieder nach Hause zurückkehren konnten.

Immer weiter ging es Richtung Süden. Sehenswert ist auch der Ort Lihula (dt. Leal) . Auf einer urzeitlichen livischen Siedlung errichtete der Erzbischof von Riga 1238 eine Steinburg, von deren Ruinen man heute einen guten Blick in die Umgebung hat. Direkt neben der Burg findet sich ein imposanter Herrensitz im klassizistischen Stil aus den 1820er, in dem ein Lokalmuseum untergebracht ist.

Weiter fuhr ich nach Süden. Irgendwann zweigte von der Hauptstraße die zu meinem letzten Ziel für heute führende Straße ab. Sie war, wie ich es bereits von Lettland kannte, nicht asphaltiert aber sehr gut abgezogen. Trotzdem zogen sich die 14 durch Waldlandschaft ziemlich hin. Dann erreichte ich in Männikuste am Tõhela-See mein nächstes gebuchtes Domizil, ein wunderschönes und absolut neues Holzhäuschen mit grandiosem Seeblick. Der Besitzer war, wie er mir berichtete, viele Jahre lang als LKW-Fahrer zwischen Estland und Deutschland gependelt und hatte nun auf die Vermietung von diesen Häuschen bzw. von Stellplätzen für Camping umgesattelt.
Leider schlug das Wetter in der Nacht vollständig um. War es am Vortag noch 20 Grad und durchweg sonnig gewesen, so begann es nachts zu regnen und hörte vor 17 Uhr am nächsten Tag auch nicht auf, verbunden mit Sturmböen und einem dramatischen Temperatursturz. Ich hatte zwar an diesem Tag ausspannen wollen, so hatte ich mir das aber nicht vorgestellt. Am ganz späten Nachmittag kam dann aber wieder die Sonne heraus, der Wind legte sich, und alles war so wie am Tag zuvor.

Nach einer weiteren Nacht an diesem wunderschönen, verträumten Ort hieß es wieder aufbrechen, da ich mich ja nun weiter nach Süden "vorarbeiten" mußte, um in Lettland meine Fähre zurück in die Heimat zu erreichen. Dies ist schade, weil man durch die Fahrerei Tage verliert, die man hätte anders nutzen können. Ich versuchte also, das Beste daraus zu machen und hatte bereits im Vorfeld interessante Sehenswürdigkeiten entlang der Strecke herausgesucht.

Nicht ganz an der Strecke, aber nur einen kleinen Umweg entfern, liegt der ehemalige Gutshof Tõstamaa (dt. Testama), der seit mindestens 1553 hier angesiedelt ist. In der heutigen klassizistischen Form wurde das Herrenhaus 1804 erbaut. Es gehörte, wie fast alle anderen Güter in Estland, diversen Baltendeutschen Familien. Diese wurden fast in toto 1919 enteignet. Auch die letzten Besitzer, die Stael von Holsteins, ereilte dieses Schicksal und das Haus wurde in eine Schule umgewandelt, die dort heute noch angesiedelt ist.

Exkurs: Die Baltendeutschen und die Landreformen in den baltischen Ländern

Nach der Unabhängigkeit Estlands 1918 stellte sich auch die Frage nach der Verteilung des Eigentums an Grund und Boden. Der Großgrundbesitz lag seit dem Mittelalter außerhalb der Städte größtenteils in den Händen der deutschbaltischen Adelsfamilien. Sie waren mit der Eroberung und Christianisierung Livlands ab dem 13. Jahrhundert ins Baltikum gekommen und hatten es verstanden, feudale Privilegien auch unter schwedischer und ab 1710 unter russischer Herrschaft weitgehend zu bewahren. Das Gutsland betrug etwa die Hälfte des gesamten Landes. Vor dem Hintergrund darf allerdings auch nicht vergessen werden, daß es auch in nicht unerheblichem Maße eine deutschstämmige Arbeiter- und Handwerkerschicht gab.

1919, kurz nach Gründung der Republik Estland, waren die Esten gegenüber der einheimischen deutschbaltischen Oberschicht weitgehend negativ eingestellt. Gründe dafür waren die deutschen Kriegsziele während des Ersten Weltkriegs, die zeitweise die Schaffung eines deutschen Vasallenstaats im Baltikum beinhalteten, die Maßnahmen der deutschen Besatzungsmacht von Februar bis November 1918 und die Aktionen der Baltischen Landeswehr hatten die estnischen Politiker radikalisiert. Weiterhin sollte mit der Verteilung von Grundeigentum der bolschewistischen Wirtschaftsideologie entgegengewirkt werden, denn man befürchtete eine ähnliche Entwicklung wie bei der gerade stattgefundenen Oktoberrevolution in Rußland.

Von den Maßnahmen waren insgesamt 1.065 Güter betroffen. Gezielt waren die meisten enteigneten Eigentümer Deutschbalten, denn nur 57 estnische Großgrundbesitzer fielen unter die gesetzlichen Maßnahmen. Die Deutschbalten wehrten sich mit politischen und rechtlichen Mitteln vergeblich gegen die Agrarreform und wandten sich sogar an den Völkerbund, der aber keinen Rechtsbruch sah. Erst 1926 wurde eine relativ kleine Summe für die Entschädigung des enteigneten Landes bereitgestellt, allerdings wurde diese Entschädigung n Form von staatlichen Pfandbriefen ausbezahlt und sollte innerhalb von 55 Jahren verwirklicht werden.

In Lettland wurde ein ähnliches Gesetz 1920 verabschiedet und hier wurden rund 1.300 Güter vollständig entschädigungslos enteignet. Vorher hatten 48 % des gesamten Bodens in gutsherrlichem Besitz gelegen.

Die Agrarreform in Litauen, am 29. März 1922 beschlossen, war am wenigsten radikal und betraf hauptsächlich polnische und russische Grundbesitzer.
Viele adelige Deutschbalten wanderten in der Folge nach Deutschland oder Schweden aus, da sie in ihren Grundfesten (Unantastbarkeit des Eigentums) erschüttert waren und für sich und ihre Familien keine politische oder wirtschaftliche Zukunft mehr in Estland sahen.
Nebenbemerkung: das Gros der in den baltischen Ländern verbliebenen Baltendeutschen wurden de facto zwangsweise 1939 ausgesiedelt, um in den annektierten polnischen Gebieten (Reichsgau Danzig-Westpreußen, Reichsgau Wartheland) angesiedelt zu werden, die "germanisiert" werden sollten.

Mein nächstes Ziel war die Hafenstadt Pärnu (Pernau), an der Mündung des gleichnamigen Flusses. Das Areal war zweifellos Altsiedlungsgebiet, der Hafen besteht seit mindestens 1241. Die Stadt war Mitglied der Hanse und ab 1838 entwickelte sie sich zum Kurort des Zarenreiches und behielt diesen Status auch in sowjetischer Zeit.

Die zur Zeit meines Besuches Ende August deutlich verschlafen wirkende Stadt ist absolut einen Besuch wert und die herausgeputzte Altstadt mit netter Fußgängerzone locker in einer Stunde zu besichtigen. An diversen Stellen in der Stadt kann man für einen bestimmten Zeitraum gratis parken. Auf die Bezeichnung "tasuta" (= gratis) achten. Deutlichen Kurtortcharakter hat das Städtchen südwestlich der Altstadt. Dort stehen noch zahlreiche historische Holzhäuser, die an Jūrmala erinnern. Bedauerlicherweise hat man hier auch postmoderne Bauten mitten in das historische Bauensemble gepflanzt. Es gibt aber noch Kleinode wie die Villa Ammende im Jugendstil (nun gehobenes Hotel). Imposant ist die neoklassizistische Moorbadeanstalt von 1927, der Kursaal (estnisch Kuursaal) von 1880 machte allerdings einen deutlich renovierungsbedürftigen Eindruck. Schade. Vor hier aus sind es nur wenige Schritte bis zum wunderschön weißen, feinsandigen, breiten Sandstrand. Da weiß man, warum die Stadt Kurort wurde! Nun in der Nachsaison war das Ergattern eines Parkplatzes kein Problem. In der Hauptsaison dürfte sich das deutlich anders darstellen.

Nach dem Überschreiten der Landesgrenze nach Lettland erreichte ich Salacgrīva, wo Albert von Riga 1226 die Burg Salismünde am gleichnamigen Fluß erbauen ließ. Gegen 1703 wurde die auf einem Hügel über dem Fluß gelegene Burg weitestgehend abgebrochen und die dicken Findlinge für den Bau der Mauer um die direkt nebenan liegende Kirche verwendet.