Gesehen haben sollte man auch die ehemalige Kreenholm Textilmanufaktur, ein beeindruckendes Zeugnis für Industriearchitektur des 19. Jahrhundert. Die Maschinen wurden durch die Wasserkraft des dahinter verlaufenden Flusses angetrieben. Da dieser nun die Grenze zu Rußland darstellt und der riesige Industriekomplex von einer hohen Mauer umzogen ist, kann man nur einen Blick von der Adresse Narva, Joala 34, erhaschen. Bis 2010 wurde hier noch produziert. Führungen zum Gelände finden leider immer nur sonntags statt.
Mehr als empfohlen sei auch ein Stop am brandneuen Aussichtpunkt über die Narva mit Blick auf die Hermannsfestung auf estnischer und die Burg Ivangorod auf russischer Seite. Die Hermannsfestung wurde Ende des 13. Jahrhunderts von den zu der Zeit die Gegend beherrschenden Dänen errichtet und 1347 zusammen mit ganz Estland von Dänemark an den Livländischen Orden verkauft. Von Beginn an bestand eine starke Konkurrenz im Ausbau der beiden Burgen an der Narva.
Natürlich besuchte ich die Herrmannsfestung mit nagelneu eingerichtetem Museum. Allerdings kostete der Eintritt auch 15 €. Der Blick vom Turm ist grandios, auch, weil man weit auf die russische Seite schauen kann. Zwar ist die Burg bestens renoviert, mehr oder weniger direkt anschließend stehen aber die unvermeidlichen Plattenbauten. Trotz der sehr starken Strömung der Narva sah ich Kinder im Uferbereich im Wasser plantschen. Erfreulicherweise hatte man hier verzichtete, wie letztes Jahr in Sowjetsk an der Memel gesehen, ein "Z", Zeichen das Ukrainekrieges, auf die historischen Gemäuer zu pinseln. Vom Turm aus blickt man auch auf die Grenzanlagen, genauer, die Brücke, die die Grenze darstellt und wo wegen des Ukrainekrieges nur ein sehr geringer Grenzverkehr stattfand. Auf der estnischen Seite teilt die mit Zäunen stark gesicherte Zufahrt zur Brücke zwei Stadtteile, was extrem lästig ist. Umgehen kann man das nur durch das Benutzen der unter der Grenzbrücke herführenden Uferpromenade. Auf der nördlichen Seite kann man dann mit der Hahni Trepp wieder hinauf zur Straße gelangen. Es ist ein empfehlenswerter Spaziergang!
Erstaunlicherweise hatte Rußland nur wenige Tage vor meiner Abreise zur Einreise ins Land ein relativ preiswertes elektronisches Visum eingeführt, so daß die teure und mehr als lästige Visumsbeschaffung über Agenturen fortan wegfällt. Aber selbst das konnte mich locken, die Grenze zu diesem Willkürregime zu überqueren.
In unmittelbarer Nähe der Brücke findet sich das wiederaufgebaute Rathaus, welches ursprünglich im 17. Jahrhundert von einem Lübecker Architekten errichtet wurde. Wie 98 % von Narva wurde auch das gesamte Gebäudeensemble rund um das Rathaus bei den schweren Kämpfen 1944 komplett zerstört. Zeugnis dafür sind die unmittelbar am Rathausplatz stehenden Blöcke von Ziegel-Chruschtschowkas, die nach dem Krieg schnell hochgezogen worden waren.
Fährt man etwas weiter, erreicht man die alten Bastionen von Narva samt Kasematten mit schönen Ausblicken über den Fluß. Nicht sehr weit entfernt, direkt an der Straße und auch oberhalb des Flusses, findet sich ein wiedereingerichteter deutscher Soldatenfriedhof, der ursprünglich von den Sowjets eingeebnet worden war. Geht man durch die Gräberreihen fallen die vielen Toten aus den Geburtsjahrgängen der 1920er Jahre ins Auge. Zahlreiche auch von 1926, die mit gerade 18 Jahren hier im "Abwehrkampf um die Festung Narva" verheizt wurden. Auffällig sind auch die vielen nicht-deutschen Nachnamen, die von Dänen, Balten und anderen Nationalitäten stammen. Dies ist kein Zufall, denn bei den Kämpfen in Narwa wurden im großen Maße "fremdländische" SS-Verbände eingesetzt. Auf die Zughörigkeit zur SS wird auf den Gräbern nicht explizit eingegangen, aber wenn dort als Rang Sturmführer steht…
Gegen 18 Uhr war es Zeit zu meinem nächsten Apartment zu fahren, welches recht zentral ebenfalls in einer Ziegel-Chruschtschowka lag. Das Gebäude war offenbar grundlegend saniert worden, so gut das eben bei so einem Gebäude geht. Beibehalten wurde der "sowjetische Eingang" mit Metalltür, Türcodegerät und Überdachung. Warum man die Treppenstufen im Urzustand belassen hatte erschloß sich mir nicht. Immerhin waren aber die Fenster neu und das unselige Kabelgewirr im Flur halbwegs sortiert. Natürlich waren die Aushänge im Treppenhaus nur auf Russisch. Auch das Apartment war Rußland-live. An und für sich fehlte nur noch einer dieser obligatorischen Wandteppiche. Meine Vermieterin sprach offensichtlich kein Wort Estnisch und nur ganz wenig Englisch. Um so mehr freute sie sich, als ich mein Touristen-Russisch hervorkramte. Geht doch!
Narva ist eine quasi rein russische Stadt. Offensichtlich wegen einer Gesetzesvorschrift stehen außen an Geschäften allerdings estnische Bezeichnungen, darunter aber die russische Übersetzung.
In Estland wurden zu sowjetischer Zeit zahlreiche Russen angesiedelt und heute leben im Lande immer noch rund 25 %. Viele verweigern das Lernen von Estnisch, ganz zu schweigen von der Integration in die estnische Gesellschaft. Man lebt zum großen Ärger der ethnischen Esten in einer russischen Blase, was zu erheblichen Konflikten in der Vergangenheit geführt hat und wohl auch noch führt. Der Ukrainekrieg hat die Situation noch weiter verschlechtert. Bezeichnenderweise sah ich in Narva im Gegensatz zu Litauen und Lettland und auch später im westlichen Estland keine Unterstützungsbezeugungen für die Ukraine wie Fahnen etc. Es kann davon ausgegangen werden, daß zahlreiche ethnische Russen im Osten Estlands unter dem Einfluß der russischen Staatspropaganda stehen. Sie fühlen sich ohnehin als Bürger zweiter Klasse und von den "westlichen Esten" diskriminiert.
Zur Ehrenrettung muß man allerdings auch sagen, daß sich ebenso eine Reihe estnischer Russen von Putin und seinen Machenschaften distanziert hat. Mit dem Ukrainekrieg wurde ihnen drastisch vor Augen geführt, in welcher priveligierten Position sie sich in Estland befinden, wo Meinungsfreiheit herrscht, im Gegensatz zum Territorium in Sichtweite, wo Menschen reihenweise in Lagern (oder Gräbern) verschwinden.
Am nächsten Morgen bei frischen 14 Grad setzte ich meine Fahrt fort. Von nun an ging es genau nach Westen auf der bestens ausgebauten Hauptstraße. Dann und wann sah ich Überlandbusse von Ecolines, die die Strecke - auch heute noch - von Petersburg nach Tallinn bedienen.
Mein nächstes Ziel war der Ort des in Deutschland quasi unbekannten KZ Vaivara, welches aber für das gesamte nördliche Estland eine sehr große Bedeutung hatte und vom August 1943 bis Februar 1944 existierte. Interessanterweise fand ich nach sehr langen Suchen einzig einen Hinweis auf einer finnischen Webseite, denn es gibt keine Eintragung auf Google Maps oder irgendeinen Hinweis auf einer estnischen Seite auf den direkt an der Straße stehenden Gedenkstein. Bezeichnenderweise wird auf dem Stein nur der jüdischen Opfer gedacht, wiewohl doch ein Großteil der durchgeschleusten Menschen sowjetische Kriegsgefangene waren. Typischerweise lag das Lager ganz in der Nähe der heute noch bestehenden Bahnstation auf der Strecke von Narva nach Tallinn.
Nicht unbedingt allgemein bekannt dürfte sein, daß sich westlich von Narwa ein riesiges Ölschiefergewinnungsgebiet befindet, dessen Geschichte auch eng mit der Deutschlands verknüpft ist.
Ölschiefer, von dem es zwei Arten gibt, ist ein Sedimentgestein. Aus dem Typ Kukersite kann durch Verarbeitung synthetisches Öl gewonnen werden. Die Entdeckung des Ölschiefers fand durch russische Wissenschaftler besonders im 19. und frühen 20. Jahrhundert statt, denn Estland war Teil des russischen Zarenreiches. Erste Aktivitäten starteten 1916 bis das Abbaugebiet im Ersten Weltkrieg von deutschen Truppen besetzt wurde. Diese nutzten die Zeit zu weitergehenden Untersuchungen. Nach der Unabhängigkeit Estlands in der Zwischenkriegszeit nahm die Ölschieferproduktion Fahrt auf und die deutsche Firma Estländische Steinöl wurde der größte Produzent in Estland. Mit der sowjetischen Besetzung Estlands 1940 wurden die Anlagen verstaatlich und vor dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht 1941 zerstört. Das Deutsche Reich baute die Anlagen wieder auf und gründete die Baltische Öl GmbH, eine Tochtergesellschaft der Kontinentale Öl GmbH, die für die Ausbeutung von Ölreserven in allen deutsch besetzten Territorien zuständig war.
Mit dem Verlust der Ölförderfelder im Kaukasus 1943 gerieten die Ölschieferbereiche in Estland wieder verstärkt in den Fokus. Himmler ordnete im Juni gleichen Jahres die Auflösung aller baltischen Ghettos an und den Einsatz der arbeitsfähigen Juden in der Ölschieferproduktion. Mitte September kam es zur Gründung des KZ Vaivara, 30 Kilometer westlich von Narwa mitten im Ölschieferabbaugebiet an einer Bahnlinie gelegen. Vaivara unterschied sich von den meisten anderen KZs dadurch, daß es sich nicht um ein großes Stammlager und kleinere Außenlager handelte, sondern diverse Außenlager (bis zu 21) durchaus viel größer waren als das als Stammlager bezeichnete. Zudem befand sich hier eine Art Gemengelage, denn es gab zwei Arbeitgeber: die Baltöl und die Organisation Todt, die sowjetische Kriegsgefangene, jüdische Häftlinge und Zwangs- und Zivilarbeiter aus diversen europäischen Ländern beschäftigten. Diese Personen waren in getrennten Lagern aber am selben Ort untergebracht. In den Lagern befanden sich in nur sehr geringer Zahl Deutsche, die die Führungspositionen einnahmen. Die Bewachung überließ man estnischen und russischen Schutzmannschaftsbataillonen. Da Vaivara auch als Durchgangslager zur Verteilung auf Außenlager diente, befanden sich im Lager auch zahlreiche Frauen und Kinder. Die Lagerbedingungen waren erwartungsgemäß miserabel, denn die wenigen SS-Männer führten ein menschenverachtendes Regiment.
Mit dem Herannahen der Roten Armee kam es ab Februar 1944 zu "Evakuierungsmärschen" immer weiter nach Westen, dem zahlreiche Menschen zum Opfer fielen. Die blutige Schlacht um Narwa diente vor allem auch dem Schutz der Ölschiefergewinnung, die in unmittelbarer Nähe lag. Vaivara wurde Ende Juni von den russischen Truppen erreicht und befreit.
Nach dem 2. Weltkrieg wurde mit aus Ölschiefer gewonnener Energie der gesamte Nordosten der Sowjetunion, auch der Großraum Leningrad, versorgt. Erst mit dem Aufschwung der Atomenergie in den 1980er Jahren brach die Nachfrage zusammen. Nebenbei muß erwähnt werden, daß sich in der Graptolit Tonlith-Deckschicht Anteile von Uran befinden, die von der Sowjetunion extrahiert wurden. Nicht umsonst trug die Stadt Sillamäe den Titel Uran-Stadt. Im erneut selbständigen Estland begann am Anfang des 21. Jahrhunderts wieder eine großflächige Produktion. 2018 wurde 72 % der estnischen Energieproduktion aus Ölschiefer gewonnen. 2020 wurde 40,3 % der Elektroenergie aus Ölschiefer und 13,6 % aus Ölgas gewonnen.
Die Umweltfolgen des Ölschieferabbaus sind weitreichend. Zuerst müssen beim Tagebau die Deckschichten bis zum Kukersit freigelegt werden, wodurch riesige Abraumhalden des wegen des geringen Gehaltes an organischer Substanz kaum verwertbaren Graptolit Tonlith entstehen. Aus den gigantischen Tagebauen muß das eindringende Grundwasser abgepumpt werden, welches hochgradig mit Schwefel belastet ist. Der gesamte Wasserkreislauf in der Region ist nachhaltig gestört. Auch wird Wasser zum Kühlen der großen Stromwerke benötigt. Fernerhin entstehen bei der Verbrennung des Ölschiefers etwa 46 % Asche. Diese wird in einem Verhältnis von 1 : 20 mit Wasser vermischt und über Rohre in riesige Auffangbecken gepumpt, in denen sich die Asche dann absetzt. Durch das hochgradig alkalische Gemisch in Verbindung mit Kalkstein haben diese Ascheseen eine stechend türkisblaue Farbe, die auf Satellitenbildern aus der Umgebung prägnant hervorstechen. Die Rückstände in der Asche sind hochgradig toxisch mit Schwefel, Chloriden, Schwermetallen und anderem. Nicht unerwähnt bleiben muß die Tatsache, daß es auch den Tagebauen und die Abraumhalden zu Windverwehungen von toxischen Stoffen kommt, die in der Gegend großflächig niedergehen. Wegen der starken Umweltbelastungen will Estland den Abbau von Ölschiefer in den nächsten Jahren komplett einstellen.
Nur wenige Fahrminuten vom ehemaligen KZ liegt unmittelbar am finnischen Meerbusen die "Uran Stadt" Sillamäe (dt. Sillamäggi), gegründet nach dem 2. Weltkrieg, als die Sowjetunion begann Uranerze abzubauen und zu verarbeiten. Die Erze befinden sich in der obersten Schicht Ölschiefer, der für die Verbrennung unbrauchbar ist.
Sillamäe ist ein imposantes Ensemble stalinistischer Architektur und die Treppe hinunter zum Meer ist - man könnte fast sagen - weltbekannt. Am Ende, direkt am Wasser, findet sich interessanterweise eine offenbar recht neue Kirche, die jedenfalls nicht dem orthodoxen Glauben gewidmet ist. Wollte man hier einen Kontrapunkt zu Rußland setzen? Am Wasser wurde, natürlich mit EU-Mitteln, eine sehr neue Promenade angelegt. Der Blick über das Meer ist von dort wunderschön. Allerdings wird er getrübt, wenn man nach links, also Westen schaut, denn dort blickt man auf eine begrünte, riesige Halde unmittelbar am Meer. Es handelt sich um das mit deutscher Hilfe zugeschüttete Auffangbecken radioaktiver Abwässer, die zu Sowjetzeiten ungehindert ins Meer diffundierten. 1989 hatte der Uranabbau in der Gegend ein Ende und die untergegangene Sowjetunion hinterließ auch hier, wie überall auf ihrem früheren Territorium, eine ökologische Katastrophe. Das Know How für Spezialverarbeitungen ist allerdings noch vorhanden, denn heute werden in der Stadt Seltene Erden verarbeitet.
30 Kilometer weiter, die Straße war gesäumt von Grünland und teilweise Getreidefeldern, die gerade abgeerntet wurden, fuhr ich in die Industriestadt Kohtla-Järve (Kochtel-Türpsal). Schon von weitem sieht man Industrieschornsteine und riesige Abraumhalden. Die Stadt war und ist immer noch Zentrum der Ölschieferverarbeitenden Industrie, der Zementherstellung (Ölschiefer kommt immer geologisch zusammen mit Kalkstein vor) und des Moorabbaus. Bereits auf das Schlimmste gefaßt wurde ich doch positiv überrascht: in der Innenstadt findet sich eine typisch sowjetische langgestreckte, sehr gepflegte Gartenanlage, daran das große Rathaus mit großem davorstehenden Ehrenmal der Arbeiter im sozialitischen Stil. An der Straße angrenzend finden sich typische Häuser aus den 1950er Jahren, in rostrot verputzt, wie sie überall in der früheren Sowjetunion errichtet wurden.
Ganz in der Nähe steht das außerordentlich interessante Ölschiefermuseum, welches letztlich nur aus einem großen Ausstellungssaal besteht. Wer sich für die Geschichte der Region, die Bedeutung der Industrie für Estland und die ökologischen Auswirkungen interessiert, ist dort bestens aufgehoben. Es gibt ausgezeichnete Übersetzungen der Erläuterungstexte ins Deutsche. Unbedingt sollte man sich dort auch den 20minütigen Infofilm anschauen. Ich wurde von einem netten Mitarbeiter begrüßt und es stellte sich heraus, daß er als Sohn eines sowjetischen Offiziers in Deutschland geboren worden war.
Eine Fahrtstunde weiter nach Westen erreicht man Rakvere, eine hübsche Kleinstadt, die durch eine hoch über der Stadt thronende Burg (die Wesenburg, abgeleitet von Wisent) dominiert wird. Diese wurde ebenfalls von den dänischen Herrschern 1346 an den deutschen Orden verkauft und beherbergt heute ein Museum.
Sehr zu empfehlen ist der Besuch entlang der früheren Hauptstraße Pikk, gesäumt mit bestens renovierten Holzgebäuden. Die Straße selbst sowie die hiervon zur Burg führende Treppe samt Vorplatz wurden offenbar gerade frisch mit EU-Regionalfondsmitteln herausgeputzt. Hierbei frage ich mich immer wieder, ob diese üppige Straßenmöblierung unbedingt von der EU finanziert werden muß, während in Deutschland die Straßeninfrastruktur vor die Hunde geht.
Nun wandte ich mich nach Norden. Nächstes Ziel war der Gutshof Vihula (dt. Viol), nun gepflegtes Schloßhotel und Country Club, an dessen Einfahrt sich eine restaurierte Windmühle findet. Die Zufahrt als Allee ist für Estland eher ungewöhnlich.
Wegen einer Straßensperrung mußte ich einen Umweg fahren und fand mich unvermittelt vor dem bestens renovierten Gutshof Sagadi (dt. Saggad) wieder, über den ich im Reiseführer gelesen hatte. Er hatte der baltendeutschen Familie von Fock bis 1919 gehört. Leider blieb nicht genügend Zeit für eine Besichtigung.
Wegen der Umleitung ging es nun durch ein Waldgelände wieder nach Osten an das Meer in die Häuseransammlung Altja. Das Parken ist hier sehr schwierig in einer Kurve, war aber wegen der Nebensaison gerade noch möglich. Ferienhäuser säumen den Fußweg zum ehem. Fischerdorf. Von dort öffnet sich ein bestechender Blick auf den finnischen Meerbusen mit erratischen Findlingen malerisch im Wasser und auf das am gegenüberliegenden Ufer liegende Örtchen Vergi, wo ich als nächstes hinfuhr. Dort ist ein kleiner Sportboothafen, ein ebenfalls kleiner Sandstrand und ein Leuchttum. Auch von hier kann man wunderschön über die Küste schauen. Nicht vergessen darf man, daß die gesamte Halbinsel in Sowjetzeiten ein Sperrgebiet war und die Fischerbewohner, nachdem man ihre Boote zerstört hatte, zwangsumgesiedelt wurden.
Der nächste angesteuerte Ort war Võsu, bereits im19. Jahrhundert ein Seebad mit Sandstrand. Sehr hübsch sind hier die zahlreichen typisch baltischen Holzhäuser anzuschauen, die einen Eindruck davon erahnen lassen, wie es hier in früheren Zeiten aussah. Auch hier gibt es einen Sandstrand, der allerdings wirklich groß ist und die Größe des Parkplatzes läßt auf einen starken Andrang im Sommer schließen. Zur Zeit meines Aufenthaltes Ende August war ganz deutlich Nachsaison und man konnte alles in Ruhe betrachten.
Schnell hatte ich mein Ziel für den heutigen Tag erreicht, Käsmu, am östlichen Ufer einer weiteren Halbinsel. Käsmu ist ein hübsches Ferienörtchen, es soll eines der schönsten Dörfer Estlands sein. Auf alle Fälle dürfte hier in der Hauptsaison viel Betrieb sein. Ich hatte ein kleines Häuschen am Ende des Ortes gebucht. Der Besitzer klagte sein Leid über die kurze Saison, die nur von Mai bis Ende August dauert. In den Sommerferien kämen die Leute, aber im September müßte man die Heizung bezahlen, das sei zu teuer.