Kretingalė, Palanga (Litauen)

Nach einem Regenschauer am Morgen und deutlich gefallenen Temperaturen klarte es am nächsten wieder Morgen wieder auf und die Sonne schien sehr warm. Eine Fahrt führte mich ins nahe Deutsch Crottingen (Kretingalė), wo am "deutschen" Bahnhofsgebäude noch recht gut der Ortsname in Deutsch und Litauisch lesbar war. Auch hier war die Kirche bestens restauriert. Fuhr man weiter nach Norden, überquerte man wieder kurz nördlich der Fabrik rechter Hand die alte Reichsgrenze (früher Ort Bajohren, heute ein südlicher Stadtteil von Kretinga), denn Crottingen war bereits russisch / litauisch. Wunderschön war in Kretinga das Herrenhaus von 1875 mit imposantem Wintergarten und Landschaftspark mit uralten Eichen.

Da mich der Heimweg über Palanga führte, konnte ich der Versuchung nicht wiederstehen und erneut nach den alten Grenzsteinen an der Grenze des Memellandes suchen. Und ja, ich wurde fündig! Zwei Exemplare fand ich im hohen Gras.

Karckelbeck (Litauen)

Der letzte Tag in Litauen begrüßte mich erneut mit Sonnenschein und nunmehr 17 Grad. Ich entschloß mich, mit dem vom Apartment zur Verfügung gestellten Fahrrad zum ehemaligen Ortskern von Karkelbeck zu fahren. Die Sowjets hatten diesen Bereich nach dem 2. Weltkrieg zum Truppenübungsplatz gemacht und die Kirche und dort befindliche Gehöfte abgerissen. Auch gab es damals noch zwei Friedhöfe von ehedem vier. Ich hoffte, noch irgendwelche Relikte vorzufinden und wollte mir zudem das Areal um den Plazis-See (Plocis) anschauen. Da ein Teil des ehem. Truppenübungsplatzes Naturreservat war, war kein Zugang mit einem Fahrzeug möglich, also bot sich das Rad an.
Vor der Fahrt studierte ich alte Unterlagen zum Ort, vor allem alte Meßtischblätter. Schnell erreichte ich den Abzweig von der Hauptstraße und fand nur wenige Meter weiter die Relikte der alten Kirche von 1910. Die evangelische Gemeinde Karkles hatte hier Mauerreste freigelegt sowie offensichtlich den Schlußstein des Kirchengewölbes. Eine Infotafel auf Litauisch informierte über die Geschichte der Kirche und zeigte Photos. Nur ein Stückchen weiter, ebenfalls auf der rechten Wegesseite, markierte ein Kreuz und gemähtes Gras den sog. Neumann-Friedhof von Karkelbeck, von dem keine Überreste mehr vorhanden waren, der aber in die litauische Denkmalliste aufgenommen wurde, ebenso wie die Kirche. Bald erreichte man den Plazis-See, der heute ein Vogelparadies ist. Von einer Aussichtsplattform aus konnte man wunderbar die Tiere beobachten.

Ich fuhr den Weg weiter bis zum ehem. Ortsteil Tom Scheip (Šaipiai). Hier befand sich heute ein Trainingszentrum für womöglich eine Art litauisches THW mit Geländeparcour. Daneben sah man noch zwei historische Häuser. Eines hatte gerade ein brandneues Reetdach erhalten, während sich der Unterbau noch eindeutig "original" darstellte. Ich kehrte um und begab mich auf die Suche nach den alten Gehöften am See. Das war mehr als schwierig, da jetzt im Spätsommer alles grün und überwuchert war. Letztlich fand ich einen offenbar alten Weg nach Osten, auf welchem noch an einigen wenigen Stellen das alte Kieselsteinpflaster erkennbar war. An einer Stelle direkt am Weg wuchs eine alte Wildrose, die mit Sicherheit angepflanzt war. Jenseits des Hauptweges (der in alter Zeit nicht existierte) führte ein Pättchen weiter nach Westen. Hier hatte jemand 5-6 große Findlinge in einem Kreis aufgestellt. Deutlich waren die bearbeiteten Seiten zu sehen. Das war also der Rest der Gehöfte in Karkelbeck…

Gedankenverloren fuhr ich zurück zum Apartment und von dort zum Strand. Glücklicherweise hatte sich der starke Wind von gestern gelegt und ich wollte erneut mein Glück beim Bernsteinsuchen versuchen. Und ich hatte tatsächlich Glück. Es war nur ein winziges Stückchen aber immerhin! Der Fund funkelte golden im Sonnenlicht. Nun mußten die Sachen gepackt werden und los ging es, um pünktlich die DFDS Fähre um 22 Uhr in Klaipėda zu erreichen. Nach vielfachen Erfahrungen von Einschiffungen nach England hatte ich mich gedanklich auf eine lange Wartezeit eingestellt und war somit mehr als erstaunt, als ich umgehend eingecheckt und in die Fahrzeugschlange zum Schiff geschickt wurde. Das Einparken dauerte, war aber OK. Meine gebuchte Kabine mit Meeresblick war hervorragend. Trotzdem blieb ich so lange an Deck, bis das Schiff ganz langsam vom Hafen Klaipėda zwischen Land und Nehrung durchgefahren war - das Ganze bei einem phantastischen Sonnenuntergang!

Am nächsten Morgen, wieder bei strahlendem Sonnenschein, hatte die Überfahrt eher einen Kreuzfahrtcharakter. Die im Netz zu lesenden Berichte von sturzbetrunkenen LKW-Fahrern kann ich nicht bestätigen. Abends gegen 17.30 Uhr nach etwa 22 Stunden Fahrt erreichte die Fähre Kiel und mir standen noch einige Stunden Heimfahrt bevor.

Fazit der Reise

In zwei Wochen habe ich, auch wegen der sehr langen Anreise, etwa 3300 km zurückgelegt. Der Unterschied zwischen Polen und den beiden baltischen Staaten war in vielerlei Hinsicht eklatant. Obwohl in den letzten Jahren in Polen die Preise auch teilweise stark gestiegen sind, lagen sie noch deutlich unter denen in Lettland und Litauen. Hier fielen mir vor allem die selbst im Vergleich mit Deutschland hohen Lebensmittelpreise auf. Die Vergleichbarkeit ist hier einfach, da im Baltikum mit Euro bezahlt wird. Auffällig war auch, daß das Straßennetz in Polen mittlerweile deutlich besser ausgebaut war als in Litauen und Lettland. In den beiden Ländern kam es durchaus häufiger vor, daß eine Hauptstraße auf dem Land noch nicht asphaltiert war. Auch hatte Polen ganz offensichtlich in weit höhrerem Maße als Lettland und Litauen bislang den EU-Regionalfonds zur Restaurierung von historischen Gebäuden, der Einrichtung von Museen angezapft.
Ebenfalls sehr auffällig waren die unterschiedlichen Mentalitäten von Polen und Letten und Litauern. Sind Polen auch Fremden gegenüber sehr freundlich und grüßen bei Begegnungen als erste, erschienen vor allem Letten, teilweise aber auch Litauer, anderen Menschen gegenüber relativ unbeteiligt bis hin zu kraß unfreundlich. Meine Versuche, mit freundlichen Lächeln und Grüßen eine Gegenreaktion zu erzielen, liefen meistens völlig ins Leere und waren sehr irritierend. Auch andere Reisende berichteten von ähnlichen Erlebnissen, die wohl nicht nur auf die Sprachbarriere zuzückzuführen sind.
Lettisch und Litauisch sind zwar im Gegensatz zu Estnisch (finno-ugrisch) baltische Sprachen, ähneln einander aber wohl noch weniger wie Deutsch und Niederländisch. Erschwerend wirken dabei auch die zahlreichen Dialekte in den beiden Ländern. War früher Russisch Lingua franca zwischen den Bewohnern, ist dieses spätestens seit dem Ukrainekrieg tabu. Englischkenntnisse sind bei der allgemeinen Bevölkerung meist ähnlich schlecht vorhanden wie in Deutschland. Ältere Letten hingegegen verfügen häufig noch über Schul-Deutsch-Kenntnisse. Dem aufmerksamen Reisenden fällt auch schnell der hohe Anteil ethnischer Russen in Lettland auf, die etwa 30 % der Bevölkerung stellen im Gegensatz zu knapp 6 % in Litauen. Krasses Beispiel für ein russisches Ghetto ist Karosta in Liepaja.
Landschaftlich wunderschön auf meiner Reise war vor allem die Ostseeküste, während sich das in der letzten Eiszeit überformte Binnenland weitgehend ähnelte. An historischen und kultuellen Highlights mangelt es wahrlich nicht. Burgen, Schlösser, Herrenhäuser und spektakuläre Architektur finden sich in großer Anzahl.
Wegen der doch nicht unerheblichen Entfernung zu Deutschland bietet sich eine Anreise mit Fähre oder Flugzeug an oder die Reisezeit muß deutlich über zwei Wochen verlängert werden.

Mit der Reise in das alte Memelland beschloß ich nun meine Ostpreußentriologie. Hatte ich als erstes den russischen, nördlichen Teil besucht, folgte dann der südliche, polnische Teil und nun der allernördlichste, litauische Teil. Die ehemals zusammengehörige Provinz hat durch die Dreiteilung nach dem Krieg und den später erfolgten Zusammenbruch der Sowjetunion eine mittlerweile deutlich sichtbare, unterschiedliche Entwicklung genommen. Zweifellos am ursprünglichsten - inkl. der noch deutlich sichtbaren Kriegsspuren - ist der russische Teil, während im polnischen Teil weite Teile bestens restauriert und wiederaufgebaut wurden. Zahlreiche Privathäuser wurden allerdings deutlich modernsiert und umgebaut und verloren dadurch ihren ursprünglichen Charakter. In Litauen sah ich auch zahlreiche gut restaurierte, öffentliche Gebäude. Die Wiederherrichtung von Privatbauten ist aber bei weitem noch nicht so weit fortgeschritten wie in Polen. Mit wenig Mühe findet man hier noch "original" anmutende Häuser.


Literaturempfehlungen:


- Bauermeister, Christiane: Riga. (= Merian Momente)
- Altheide, Thorsten et al.: Baltikum. Litauen, Lettland, Estland. Bielefeld, 4. Aufl. 2019 (Reise Know How)