Riga (Lettland)

Nach weiteren 45 km erreichte ich mein Endziel für die nächsten beiden Nächte: die lettische Hauptstadt Riga. Im Stau hatte ich reichlich Gelegenheit, mir die morbiden Gebäude im äußeren Altstadtring anzuschauen. Irgendwie "besonders" war auch meine Unterkunft: ein historisches Holzhaus in Hinterhofbebauung. Außen "rustikal", innen nach dem neuesten Stand renoviert.

Den nächsten Tag nutzte ich zum Besuch der Altstadt. Diese platzte mit Touristen aus allen Nähten. Worte über die bestens renovierten Gebäude zu verlieren, erübrigt sich eigentlich. Die in weiten Teilen kriegszerstörte und wiederaufgebaute Stadt strahlte eindeutig hanseatisches Flair mit einem besonderen "Dreh" aus und war wunderschön. Kein Wunder, daß hierhin so viele Touristen strömen. Beim Verlassen des innersten Altstadtbereich fiel die Mischung aus Holzhäusern neben Jugendstilgebäuden oder Gebäuden im Stil der neuen Sachlichkeit auf, die außergewöhnlich ist. Große Teile der Stadt wurden im Jugendstil bebaut, zahlreiche Gebäude waren mittlerweile phantastisch restauriert, sehr viele aber eben noch nicht. Ein Blick in Hinterhöfe eröffnete Eindrücke wie zu Zilles Zeiten.
Zurück in die Jetztzeit katapultiert wurde ich beim Anblick der russischen Botschaft. Das repraäsentative Eckgebäude war flankiert von eindeutigen lettischen Statements zum Ukrainekrieg: am gegenüberliegenden Gebäude hing ein überdimensioniertes Plakat, welches Putin als Totenkopf zeigte, vor der Botschaft waren ukrainische Fahnen aufgehängt sowie Anti-Kriegsplakate. Die Straße, an der die Botschaft lag, war in "Straße der ukrainischen Unabhängigkeit" umbekannt worden. (Bild zum Vergrößern anklicken).
Höchst merkwürdig war, daß es selbst in der Innenstadt nirgendwo Hinweise auf öffentliche WCs gab. Selbst an den Häuschen hing kein Hinweisschild. Dafür gab es in der Touristeninfo eine Übersichtskarte. Ohne die ist man aber im Falle eines Falles wirklich verloren.

Jūrmala, Zante, Kuldīga, Jūrkalne (Lettland)

Am nächsten Tag, erneut bei strahlendem Sonnenschein und Hitze, verließ ich Riga. Zügig ging es über die moderne Vanšu Brücke und eine bestens ausgebaute Straße durch den unvermeidlichen Ring an Einkaufszentren aus der Stadt hinaus. Mein nächstes Ziel war Jūrmala (Riga-Strand), "der" Ausflugsort der Rigaer Bevölkerung und auch Lettlands insgesamt. Jūrmala an sich gibt es nicht, es ist die Sammelbezeichnung für mehrere ineinandergreifende Ortschaften. Die Gegend wurde bereits Mitte des 18. Jahrhunderts von Badegästen besucht. Den enormen Aufschwung nahm der Küstenstrich aber mit der Eröffnung der Eisenbahn 1877. Jūrmala wurde ein angesagter Kurort auch für Gäste aus dem zaristischen Rußland. Aus dieser Zeit stammen die zahlreichen villenartigen Häuser in reich verzierter Holzarchitektur. Diese hat einen eigenen Stil und ist nicht mit der Bäderarchitektur z.B. in Heiligendamm vergleichbar. Bedauerlicherweise wurden aber in dem an sich geschlossenen Bauensemble auch Baugenehmigungen für nagelneue Gebäude in "Schuhkartonarchitektur" genehmigt. Auffallend war z.Zt. meines Besuches, daß eine ganze Reihe der historischen Schmuckkästchen, renoviert und unrenoviert, zum Verkauf standen. Über die Gründe - Wirtschaftskrise oder Spekulation? - konnte nur gemutmaßt werden. Zu sowjetischer Zeit wurden in der Gegend zahlreiche Sanatorien und entsprechende Einrichtungen errichtet. Nicht zu vergessen eine Sommerresidenz der russischen Nomenklatura, die gerne Wasser predigte und Wein trank, direkt am Stand. Ungewöhnlich war, daß der gesamte Küstenabschnitt von einer vierspurigen Schnellstraße durchschnitten wurde. D.h., daß durchaus auch historische Häuser direkt an der Straße und abgewandt von der Wasserseite lagen.

Der Strand von Jūrmala war atemberaubend, weiß und extrem breit. Beim Besuch der Stadt mußte der Besucher beachten, daß Jūrmala eine "Eintrittsgebühr" von 2 € verlangt. Die Mautstation lag an der Schnellstraße von Riga. Es handelte sich um einen Parkplatz mit Terminals, die nur Kartenzahlung akzeptierten. Alternativ konnte wohl an einigen Stellen in der Stadt bar bezahlt werden. Bei meinem Besuch, ausgerechnet einem Samstag Vormittag mit 28 Grad, bildeten sich sehr langen Schlangen vor der Station. Für den Eintritt konnte man allerdings überall kostenfrei parken - wenn man einen Parkplatz fand.

Nach einem ausgiebigen Spaziergang führte mich mein Weg weg von der Küste. Nächstes Ziel war einem grausamen Kapitel der Geschichte gewidmet: ein Militärmuseum in Zante. Der Weg dorthin führte durch Agrarland mit abgeernteten Getreidefeldern und über Schotterpisten und zog sich ziemlich hin. Irgendwann war das ehemalige Verwaltungsgebäude einer Kolchose erreicht. Ein Privatmann begann hier vor 26 Jahren alles rund um den sog. Kurland-Kessel zu sammeln.
Nicht-Historikern ist vermutlich die Geschichte des Kessels nicht geläufig. Hitler hatte hier - erneut als Strategie-Dilettant unterwegs - den vom Rest der Wehrmacht abgeschnittenen deutschen Truppen befohlen, den Kessel als Brückenkopf gegen die anstürmende Rote Armee zu halten. Bei den eingesetzten Männern handelte es sich in großen Teilen um lettische Truppenteile, die hier verzweifelt kämpften. Dies auch im Wissen darum, daß sich im Bereich hinter ihnen eine große Anzahl von Flüchtlingen aus dem bereits besetzten Lettland befanden. Die Kapitulation der Wehrmachtstruppen fand 3 km von Zante entfernt statt.
Der nette ältere Herr, der die Sammlung aufgebaut hatte, erläuterte mir höchstpersönlich in einer Mischung aus Deutsch und Englisch die deutschen und russischen Exponate. Stolz berichtete er mir davon, wie er höchstpersönlich mit Freunden eine abgestürzte Iljuschin ausgegraben hätte. Natürlich war die Sammlung ein Sammelsurium von Militaria - es existierte auch ein Außenbereich mit Panzern und einem Flugzeug (von 1948) - gab aber immerhin einen Einblick in das Kampfgeschehen.
Einen Einblick erhielt man auch in die lettische historische Rezeption der hier "lettischen Legion" genannten SS-Einheiten. Im Ausland eher umstritten, vor allem auch die Aufmärsche am Gedenktag 16. März, werden die Soldaten im Land verehrt. Dies auch vor dem Hintergrund, daß zahlreiche von ihnen sich nach 1945 der Partisanenbewegung der sog. Waldbrüder anschlossen, die gegen die sowjetischen Okkupatoren bis in die 1950er Jahre kämpften. Das Gedenken an die Legion lebte nach der Unabhängigkeit Lettlands 1991 auf. Um die Einstellung der Letten zu Rußland und den Russen heute zu verstehen, muß man sich auch mit der Rolle der Legion auseinandersetzen. Meinem Wissen nach gibt es allerdings noch keine historisch fundierte, unabhängige Untersuchung dazu. Es dürfte aber weitgehend so gewesen sein, daß die Letten mit ihrem Einsatz auf deutscher Seite versuchten, ihr Land von den Sowjets zu befreien bzw. wieder eine Unabhängigkeit zu etablieren, während Hitler die Männer für seine Ziele instrumentalisierte.

Gedankenverloren verließ ich das Museum und fuhr erneut über Schotterpisten weiter. Nächstes Ziel war die Stadt Kuldīga (Goldingen). Diese historische Stadt war "die" Touristenattraktion der Region mit herausgeputztem Rathaus, historisch gepflasterten nagelneuen Straßen, an denen einige wenige restaurierte Holzhäuser standen. Der Rest sah aus wie aus der Zeit gefallen, aber mit hübschem Blumenschmuck. Die Fußgängerzone hingegen war schon fertiggestellt. Zahlreiche Hochzeitsgesellschaften nutzten die historischen Häuser als Kulisse für Photos. Malerisch waren auch das Alexflüßchen und der Burgberg. Allerdings: fuhr man eine Minute aus der Altstadt heraus, stand man sprachlos vor diversen supermodernen Supermärkten.
Weiter ging es nach Westen, wo ich einen kurzen Stop bei der Burg Edwahlen / Ēdole einlegte, bei der wieder zahlreiche Hochzeitspaare anwesend waren. Bald erreichte ich Jūrkalne (Felixberg) an der Ostseeküste und quartierte mich in einem Ferienhäuschen auf einem Bauernhof mitten im Grünen ein.

Jūrkalne, Pāvilosta (Lettland)

Bei erneut 28 Grad und strahlendem Sonnenschein machte ich mich auf ins etwa 20 km entfernte Hafenstädtchen Pāvilosta. Dieses wurde 1879 durch den deutschbaltischen Baron Otto von Lilienfeld gegründet und nach seinem Bruder Paul benannt, daher der deutsche Name Paulshafen. Der Ort an der Mündung eines Flüßchens war mittlerweile Touristenzentrum, wenngleich noch etwas Fischfang betrieben wurde. Auf der Hafenmole und dem schneeweißen breiten Strand tummelten sich die Sonnenanbeter und Ausflügler. Die Zahl hielt sich für einen Sonntag mit bestem Wetter nach meinem Dafürhalten aber in Grenzen. Beliebt war der Ort auch als Standort für Sommerdomizile von gut betuchten Letten und wohl auch einigen Ausländern. Der Strand zog sich in nördliche Richtung nach Jūrkalne, wo er fast noch breiter war und von einer eindrucksvollen, ca. 20 m hohen (sandigen) Steilküste überragt wurde. Auf hölzernen steilen Treppen gelangte man aber bequem zum Strand hinunter.

Liepāja (Lettland)

Am nächsten Tag war das Wetter umgeschlagen, bei 19 Gad und Regen führte mich meine Tour nach Süden in die Stadt Liepāja (Libau), die lange sowjetisches Sperrgebiet war. Bei dem schlechten Wetter besuchte ich die Markthalle, die tatsächlich auch in Rußland stehen könnte und überall hörte ich Russisch sprechen. Die winzige Fußgängerzone mit ganz geringem historischem Baubestand wurde leider durch einen supermodernen Restaurantkomplex verschandelt. Die Stadt versuchte scheinbar zu retten, was noch zu retten war, und legte einen zentralen, mit Rosen bepflanzten Platz an.

Sprachlos machte den Besucher die nördliche Vorstadt Karosta, der ehemalige zaristische dann sowjetische Militärstützpunkt. Die Trennung der Stadtviertel wurde auch noch durch einen Kanal mit historischer Drehbrücke unterstrichen. Die zaristischen Kasernen waren bis auf ganz wenige restaurierte Gebäude verkommen aber bewohnt. Dieser Kasernenkomplex war umgeben von einem Ring aus weitestgehend verkommenen Plattenbauten. Auch da war der eine oder andere glücklicherweise restauriert. Inmitten dieses ganzen Ensembles stand eine imposante orthodoxe Kathedrale von 1903, die völlig surreal in dem trostlosen Ambiente wirkte. Sehr merkwürdig war das historische Gefängnis, in dem auch die Nazis Kriegsgericht mit ausschließlich Todesurteilen abhielten. In der Jetztzeit konnte man sich als "Attraktion" dort "authentisch" inhaftieren lassen.
Imposant aber nicht hübsch war die große Betonmole von 1977, von der aus man ein hier aus Travemünde anlandendes Fährschiff sehen konnte. Weiter ging es nach Süden. Erneut - bei wieder gutem Wetter - überquerte ich die Grenze nach Litauen und erreichte mein letztes Apartment im ehedem memelländischen Karkelbeck (Karklė).

Karklė, Klaipėda, Palanga (Litauen)

Am nächsten Tag fuhr ich bei Sonnenschein, starkem Wind und 20 Grad in die bekannte Stadt Klaipėda, ehemals Memel. In der Altstadt fanden sich noch einige wenige Fachwerkhäuser, die im Baltikum eher ungewöhnlich sind. Bekannt ist auch der Brunnen mit dem Denkmal des Ännchen von Tharau. Mit etwas Glück fand man noch authentische deutsche Spuren wie Inschriften (z.B. am alten Speicher im Hafen "Germania Speicher"). Für Historiker interessant war auch der Burghügel der alten Ordensburg direkt am Wasser. Merkwürdig mutete dahinter der Hafen mit den modernen Kreuzfahrtschiffen an. Bei meinem Besuch waren restauratorische Arbeiten wie das Legen von altem Kieselstein-Straßenpflaster in vollem Gange. Ich überquerte die Brücke zur nördlichen Flußseite und fand zahlreiche wilhelminische Bebauung oder auch Gebäude aus der Zwischenkriegszeit. Die Stadt zeigte sich als Touristenmagnet vor allem auch auch für sehr viele deutsche Besucher, wie unschwer zu hören war. Klaipėda war viel größer als von mir erwartet und dehnte sich mittlerweile weit ins Umland aus. Der Unterschied zum lettischen Liepāja war für mich in jeder Hinsicht sehr augenfällig.

Da noch Zeit verblieb, wollte ich mir ein besonderes Anliegen erfüllen: den Besuch einer der ältesten und stabilsten Grenzen in Europa. Im Frieden von Melnosee hatten nämlich 1422 der Deutsche Orden mit dem Königreich Polen und dem Großfürstentum Litauen die Grenzen definiert und diese hatte im Norden bis 1923 Bestand. Als Anmerkung sei hinzugefügt, daß der schmale Grenzstreifen zwischen Polen und Litauen ("Suwalki-gap") heute noch der alten Grenze folgt.

Die Grenze zwischen erst Preußen, dann dem Deutschen Reich und dem zaristischen Rußland verlief südlich von Polangen (Palanga) und schloß die Siedlung Nimmersatt (Nemirseta) ein. Alte Postkarten zeigen noch das Grenzhaus und Schüler im Kaiserreich wurde der Merkreim "Nimmersatt - wo das Reich ein Ende hat" eingetrichtert. Laut Internet sollten irgendwo hier noch ein Grenzgraben und -steine zu finden sein. Den Graben fand ich relativ schnell auf einer Strecke von einigen hundert Metern, aber die Steine? In dem Gestrüpp und hohen Gras waren sie nicht zu lokalisieren. Wie ärgerlich! Traurig war der Anblick der Ruine des alten Kurhauses in der Nähe, des - natürlich - nördlichsten Kurhauses im Deutschen Reich. 2003 noch vollständig erhalten war es 2017 bereits zur Hälfte ruinös und nunmehr standen nur noch die Außenmauern, das Dach war völlig zusammengebrochen. Da das Gebäude unter Denkmalschutz gestellt wurde, waren die Außenmauern mit schwarzer Plane abgedeckt worden. Zu retten war hier aber wohl nichts mehr.

Für den Besuch des Parks von Palanga war es schon zu spät. Ich begnügte mich mit der Spazierfahrt durch das Ortszentrum. Hier gab es wunderschöne Holzgebäude in Bäderarchitektur, teilweise in bestens gepflegtem Zustand. Der Charakter des Ortes war aber nicht, wie zu erwarten gewesen wäre, durch realsozialistische Bauten zerstört worden, sondern durch Gebäude aus deutlich neuerer Zeit: riesige, überhaupt nicht zur Stadt passende Hotelkomplexe neben den historischen Holzgebäuden. So versucht man offensichtlich den Touristenmassen, die sich auch über die große Promenade schoben, Herr zu werden. Palanga ist ein Ort für Massentourismus geworden.

Zurück in Karkelbeck (Karklė) trieb mich die Frage um, ob zwischen der durch Ferienwohnungen völlig zersiedelten Landschaft eigentlich noch alte Häuser zu finden wären. In der Tat, ich fand zwei, die verloren zwischen den neuen Urlaubsdomizilen eingequetscht standen…