Bei 17 Grad und erneut strahlender Sonne unternahm ich eine Fahrt ins Memeldelta.
Südöstlich von Memel (Klaipėda) schaute ich mir die Ortschaft Prökuls (Piekulė) an, vom Reiseführer wohl nicht umsonst als typisch preußisch-litauische Kleinstadt beschrieben. Direkt am zentralen Platz stach ein schönes Gebäude mit geschwungenem Giebel von 1911 ins Auge. Die gegenüberliegende evangelische Kirche von 1587/1896 war 1954 abgerissen worden. Die Grundmauern wurden nachgezeichnet und mit einem Erinnerungsstein auf deutsch aus den 1990er Jahren versehen. Sehr deutlich erkennbar war auch die Geschichte der teilweise großzügigen Gebäude an der Hauptstraße. An einem war deutlich die Inschrift "Hotel deutscher Hof" erkennbar und an einem anderen "Karl Grutschus Malermeister". Bei beiden Häusern schien es fast so zu sein, daß man die Inschriften extra freigelegt hatte.
Weiter ging es durch die flache, agrarisch genutzte Schwemmlandschaft nach Drawöhnen (Dreverna). Hier hatten französische Kriegsgefangene nach dem Krieg 1870/71 den "Kaiser-Wilhelm-Kanal" für die Holzflößerei graben müssen. Direkt am Hafen stand ein hoher Aussichtsturm, von dem aus der Blick über das hier 11 km breite Haff bis auf die Nehrung gigantisch war. Selbst mit bloßem Auge konnte man Nidden (Nida), die großen Dünen und die Türme an der Grenze zum Oblast Kaliningrad erkennen. Im Ort gab es auch ein "ethnographisches Gehöft" mit traditionellen Fischerhäusern, welches aber zum Zeitpunkt meines Besuches geschossen war.
Über eine Schotterstraße ging es weiter nach Süden. Zu meinem Entsetzen hatte man hier direkt an die Küste des Haffs eine ultramoderne Ferienresortsiedlung gebaut, Häuser mit Glaskubendächern, die wie vom Mars gefallen aussehen. Muß denn so etwas sein?
Nur wenige Kilometer weiter war ich nicht minder überrascht, als ich auf einmal vor einem Areal mit drei Ölförderpumpen stand.
Im nächsten, südlich gelegenen Ort Kinten (Kintai) war die Wirkungsstätte des in Litauen hochverehrten Wilhelm Starosta, seine Schule und daneben ein hübsch restauriertes Restaurant. Davor lag ein historischer Kurenkahn. Gegenüber stand dann allerdings ein realsozialistischer Bau und in der Nähe, hinter der bestens renovierten Kirche, eine Chruschtschowka.
Erneut fuhr ich weiter südlich bis zur an der Spitze eines in das Haff reichenden Kaps zum Ort Windenburg (Ventė). Vor hier aus fuhren im Sommer Fähren über das Haff auf die Nehrung nach Nidden. Hübsch war der alte Leuchtturm (mit grandiosem Blick über das Wasser), und wie auf der Nehrung im ehem. Rossiten gab es hier auch eine Vogelwarte. Nach Minge (Minė) war es dann nicht mehr weit, aber die schlechte Schotterstraße als Zufahrt wurde gerade aufwendig asphaltiert. Minge an sich verfügte über einen kleinen Jachthafen, schöne alte Häuser und einen alten evangelischen Friedhof, auf dem ich ein neues Grab mit deutschem Namen fand. Merkwürdigerweise konnte bei Minge nicht der Fluß überquert werden und man mußte wieder die ganze Strecke zurück fahren. Die Hauptstraße führte Richtung Heydekrug (Šilutė) vorbei an sehr großen Torfabbaugebieten. Auch schon zu deutscher Zeit wurde hier Torf im großen Stil im Augstumalmoor (Aukštumalai) gewonnen.
Ich passierte den Stadtrand von Heydekrug und bog nach Südwesten ab. Nächstes Ziel war Ruß (Rusnė) . Über zwei große Brücken führte die Straße durch das Memeldelta. In Ruß fand ich eine gut restaurierte Kirche, daneben einige schöne Holzhäuser, südlich des Flusses ein "ethnographische Gehöft" und an der Aufteilung der Memel in drei Flußarme ein Denkmal. Das recht nahe gegenüberliegende Flußufer gehörte schon zum Oblast Kaliningrad und mein Handy wollte sich ständig ins russische Netz einwählen.
Der Rückweg führte mich wieder durch Heydekrug, Geburtsort des Dramatikers und Erzählers Hermann Sudermann. Direkt neben der prägnanten Eisenbrücke über das Flüßchen Šyša (Schieß) fand sich ein wunderschönes Herrenhaus mit Museum. Die Weiterfahrt entlang der Hauptstraße Lietuvininkų g. (Prinz-Joachim-Str.) führte vorbei an historischer Bebauung wie der Kirche und der alten Reichspost. Bedauerlicherweise war es schon spät und ich mußte zurück zu meinem Ferienhaus fahren. Schmunzeln mußte ich beim Passieren des Heykekruger Bahnhofs. Dieser war gebaut worden aus gelben Ziegelsteinen im sogenannten Reichsformat - und sah exakt so aus, wie einige alte Bahnhöfe in meiner Heimat an der Bahnstrecke Münster - Teutoburger Wald. Zu meinem retrospektiven Eindruck trug noch bei, daß ich in unmittelbarer Nähe ein Gebäude mit Frakturaufschrift "Pumpenbau" entdeckte….
Am nächsten Tag, diesmal nur mit 15 Grad und strahlendem Sonnenschein, fuhr ich nach Klaipėda, um von dort aus die Fähre zur Nehrung nach Sandkrug (Smiltynė) zu nehmen. Im Hafen sah ich bereits die große Fähre von DFDS liegen, die mich auch in wenigen Tagen zurück nach Kiel bringen würde.
Nach der Zahlung von 18,30 € (Hin- und zurück) ging es auf die kleine Autofähre. Ich hatte mich entschlossen, mir nur die Nordspitze der Nehrung anzuschauen. Um nach Süden zu fahren, hätte ich für den Nationalpark 30 € Eintritt bezahlen müssen. Der Preis war für ein einmaliges Betreten m.E. doch sehr überzogen, selbst für den Yellowstone Park bezahlt man für eine Woche nur 35 $. Und schließlich kannte ich die Dünenlandschaft bereits von meinem Besuch auf der südlichen, Kaliningrader Nehrung zur Genüge. Man fährt - hüben wie drüben der Grenze - ca. 50 km über eine knapp zweispurige Straße, die beidseits von Wäldern bestanden ist. Hier und da existiert ein Dorf und ganz am Schluß (nämlich in der Mitte der Nehrung) befinden sich die hohen Dünen. Da Nidden völlig überlaufen und touristisch sein sollte, stellte es für mich auch kein attraktives Ziel dar.
Ich hingegen fuhr nach Norden zum Delfinarium und bestaunte die daneben gelegene alte Festungsanlage Süderspitze (Kopgalis). Etwas weiter erreichte man den traumhaften weißen Sandstrand mit grandiosem Blick über die Ostsee. In der Nähe der Festung wurde ein "typisches" Fischerdorf mit kleiner Ausstellung errichtet.
Zwischen Delfinarium und Fußgängerfähre pendelten Pferdefuhrwerke und eine Minilokomotive mit der Aufschrift "Wittenberge". Ich begab mich auf die Suche nach der Küstenbatterie Schweinsrücken, aber die Lagebezeichnung in der Touristenkarte war falsch. Ärgerlich. Ärgerlich war auch, daß eine "der" Attraktionen der Nehrung, nämlich das historische Kurhaus, nicht ausgeschildert war. Es wurde gerade aufwendig renoviert und soll wohl in Apartments umgewandelt werden. Merkwürdig war auch, daß man dorthin nicht mit dem Auto gelangen konnte.
Sehr sehenswert waren die teilweise bereits restaurierten bzw. gerade in Restaurierung begriffenen historischen Häuser in der Nähe der Touristeninfo. Dieser Straßenabschnitt ließ den Besucher das kaiserzeitliche Flair des Ortes nachempfingen.
Ich passierte den Rundverkehr zur Autofähre und machte mich auf die Suche nach einer weiteren Küstenbatterie, nämlich mit dem Decknamen Seestrand. Auch hier fehlte erneut ein Hinweisschild an der Straße. Verdächtig war allerdings ein Betonfahrweg in die Dünen, den ich dann (wegen einer Schranke) zu Fuß folgte. Volltreffer! Oben angekommen befanden sich über ein größeres Gelände verstreut diverse große Bunker- und Abschußeinrichtungen. Erstaunlicherweise befand sich an jedem eine Erläuterungstafel in Litauisch und Englisch sowie eine große Übersichtstafel. Ebenso erstaunlich war die Tatsache, daß alle (teilweise sehr großen unterirdischen) Anlagen frei zugänglich waren. Also Taschenlampe nicht vergessen! An einem Gebäude konnte man sogar noch den originalen Flecktarnanstrich erkennen.
Dann fuhr ich mit der Fähre zurück auf das Festland, ein Katzensprung von nur wenigen Minuten. Da ich einmal auf den Geschmack gekommen war, wollte ich mir nun auch die Küstenbatterie Nordmole anschauen. Diese lag an einem Strandabschnitt, zu welchen man ausnahmsweise mit dem Auto vorfahren konnte. Dies vermutlich wegen des am Parkplatz befindlichen Strandcafés. Bei dem stürmischen Wetter waren zahlreiche Kitesurfer in den Wellen unterwegs und auch die Bernsteinsucher waren aktiv. Mehrere Männer standen in Anglerhosen in der Brandung und fischten den reichlich vorhandenen Seetang heraus. Am Strand durchsuchten die Ehefrauen dann die Haufen mit kleinen Hacken nach den begehrten Harzstückchen - und wurden fündig. Ich ging dann weiter und sah ganz in der Nähe die Betonanlage Geschützbatterie Nordmole, die nun auch ins Meer rutschte.
Nächstes Ziel, ebenfalls an der Küstenstraße nach Karkelbeck (Karklė) liegend, war ein imposantes historisches Holzgebäude, heute Wohnhaus und zu alten Zeiten mit Sicherheit eine Art Kurhaus, denn hier hatte sich der Kurort Melrage (Girulai) befunden. Gegenüber dem Haus war zu sozialistischer Zeit eine Ferienanlage gebaut worden. Diese wurde gerade abgerissen und durch eine Luxus-Wohnanlage samt Sicherheitszaun ersetzt. Folgte man dem Zaun in Richtung Strand, stieß man die auf große Anlage der ehemaligen Flakbatterie Försterei, die sich nun auch in Richtung Meer neigte. Erstaunlich an der Anlage war, daß die großen Metallkuppeln hier noch intakt waren. In allen anderen Bunkern und ähnlichen Einrichtungen, die ich besuchte, waren nach dem Krieg Metalldiebe aktiv gewesen.
Auf dem Weg zum Apartment wollte ich noch schnell einen "Absacker" einkaufen, im Supermarkt war aber der gesamte Alkoholikabereich abgetrennt. Ein englisch sprechender Mitarbeiter erläuterte mir, am 1. September könne man nirgends in Litauern Alkohol kaufen. Warum, konnte oder wollte er mir nicht sagen. Eine Internetrecherche gab Auskunft. Dieser "Trocken-Tag" ist seit Jahren Teil einer Anti-Alkohol-Kampagne der Regierung. Zeitgleich fiel mir auf, daß - wie auch immer mehr in Deutschland - in Litauen die Unsitte um sich greift, die Kunden ihre Waren selbst einscannen zu lassen. In Litauen gab es sogar Supermärkte, wo es überhaupt keine Kasse mit Kassiererin mehr gab!