Canberra

Nach gut 100 km auf dem Federal Highway erreichten wir die Hauptstadt Australiens Canberra, wo wir im historischen Hyatt übernachteten. Das Hotel liegt so günstig, daß man zu Fuß das alte und neue Parlamentsgebäude erreichen kann. Canberra ist keine gewachsene Stadt, sondern das Ergebnis eines Architektenwettbewerbs im Jahre 1911. Die Stadt wurde geschaffen als ein Kompromiß, da sowohl Sydney als auch Melbourne um die Anwärterschaft zur Hauptstadt buhlten.

Das Old Parliament House liegt, getrennt durch eine riesige Grünfläche, vis à vis dem erst 1988 eröffneten New Parliament House. Die von Bäumen gesäumte Parkanlage ist die Heimat zahlreicher australischer Vogelarten, so der wunderschönen Rosakakadus (Galahs) und der "normalen" Kakadus, in die hier in Schwärmen auftreten.

Das Hotel liegt direkt am Botschaftsviertel Yarralumla, in welchem einige Botschaften architektonisch heraustreten.

Ein Nachteil von Canberra ist, daß es nur schlecht zu Fuß zu erkunden ist, so mußten wir mit dem Auto ins Stadtzentrum fahren. Dieses lockt mit einer großen Fußgängerzone, vielen Skulpturen und auch Einkaufsmöglichkeiten. Bei strahlendem Sonnenschein waren die Stühle der Straßencafes fast vollständig belegt. Überhaupt war mir aufgefallen, daß die Australier mittlerweile genauso verrückt wie die Deutschen in bezug auf Straßencafes sind. Dies ist für mich höchst erstaunlich, ist es doch den überwiegenden Teil des Jahres auch in Südaustralien sehr warm.

Ebenfalls wiederum nur mit dem Auto zu erreichen war das National Museum of Australia, vom Reiseführer hoch gepriesen. Ich selbst fand es nicht so sehr gelungen, mir fehlte die Übersichtlichkeit. Interessant war die Abteilung zur Geschichte der Ureinwohner. Im Museum wurden wir von einer netten Mitarbeiterin angesprochen, deren Vater Deutscher war. Sie selbst war der Sprache aber nicht mächtig, bemühte sich aber um so mehr um uns.

Für uns Europäer höchst amüsant war der Besuch des am nördlichen Ufer des Lake Burley Griffin befindlichen Blundell's Cottage. Dieses aus dem Jahre 1860 stammende Häuschen zählt zu einem der ältesten Gebäude der Stadt. Von hier aus kann man auch den auf einer Insel im See befindlichen Canberra Carillon sehen, dessen Glocken zur Zeit meines Besuches gerade den Big Ben Schlag erklingen ließen.

Bereits in Sydney hatte ich eine verwirrende Entdeckung gemacht, denn an einem Gebäude sah ich das Logo eines mir sehr bekannten Geschäftes: Aldi. Dann schwärmte mir die Frau im Museum auch noch von diesem deutschen Supermarkt vor: alle Produkte seien viel besser, anders und obendrein noch billiger. Das wollte ich genauer eruieren und erkundigte mich bei der Concierge des Hotels nach einem nahe gelegenen Supermarkt. Der Mann fand das höchst amüsant, schwärmte aber auch in den höchsten Tönen von dem Laden. Nicht nur er, sondern seine ganze Familie ginge dort einkaufen. In Australien habe es vorher keine vergleichbare Supermarktkette gegeben. Dort sei alles viel preiswerter und es gäbe auch andere Produkte. Deutsche Produkte, wie er betonte. Diesem "Superladen" mußte ich mir doch unbedingt anschauen. In der Tat war das Geschäft genauso aufgebaut wie die in Deutschland. Deutsche Produkte allerdings mußte man mit der Lupe suchen. An Aldis beste Zeiten in Deutschland erinnert fühlte ich mich allerdings beim Erreichen des Bereichs für Nicht-Lebensmittel: rund um einen Wühltisch mit Wintersachen standen zahlreiche Menschen und versuchten, sich die besten Sachen vor der Nase wegzuschnappen.

Fahrt nach Table Top bei Albury

Am nächsten Tag verließen wir Canberra. Die Fahrt ging durch hügeliges Weideland, auf dem viele Schafe und einige Kühe grasten. Höchstgeschwindigkeit war nur 110 km/h und der zweibahnige Highway wurde in einer gigantischen Baustelle auf vier Spuren erweitert. Nach einigen Stunden Fahrt erreichten wir die Stadt Holbrook, an dessen Ortseingang ein riesiges U-Boot lag. Bei einem Stop erfuhren wir die Hintergründe dieses Kuriosums: bis 1914 hatte die Stadt Germanton geheißen. Nomen est omen, sie war durch Deutsche gegründet worden. 1914 war alles Deutsche in Australien aber alles andere als gern gesehen und so entschlossen sich die Stadtväter, die Stadt nach dem U-Boot-Kommandanten Holbrook zu benennen. Das U-Boot wurde allerdings erst 1992 aufgestellt und die Stadt benennt sich seitdem "The Submarine Town".

50 Kilometer weiter erreichten wir das Ziel für die nächsten zwei Tage, die Inverness Park Cashmere Farm in Table Top. Wegen fehlender Hinweisschilder hatten wir einige Mühe, die Farm zu finden. Dort wurden wir von der Hausherrin schon erwartet - und von ihr und ihrem Mann fortan wie Familienmitglieder behandelt. Die beiden sind schon ein sehr interessantes Paar: sie ist Australierin in der fünften Generation, hat ein Musikkonservatorium besucht und spricht das beste Queens-English, welches ich seit langem gehört habe. Er hingegen ist, wie sie scherzhaft bemerkte, ihr schottischer Import - mit entsprechender Aussprache. Die beiden betreiben eine Farm mit hunderten von Kaschmirziegen und erklärten uns geduldig alles, was mit der Aufzucht der Tiere und der Gewinnung der Wolle zusammenhängt. Wer diesen aufwendigen Prozeß kennengelernt hat, wird Textilien aus Kaschmirwolle in Zukunft mit anderen Augen sehen. Vor allen Dingen erklärt sich mir nun auch der hohe Preis für diese Produkte.

Erstaunlich war für uns die Tatsache, daß die gesamte Farm komplett von Niederschlägen abhängig war - etwas, was wir noch sehr häufig in Australien erfahren sollten. Von sämtlichen Dächern der Farm wurde das Regenwasser aufgefangen und in riesigen Zisternen gesammelt. Die an uns ausgesprochene Bitte der beiden Besitzer, mit Wasser sparsam umzugehen, zeigte sich nun in einem ganz anderen Licht. Erschreckend war der Anblick des kleinen Sees auf ihrem Grundstück, denn dessen Wasserstand lag sicherlich 5 m unter dem Normalzustand. Uns wurde gesagt, daß es vor zwei Jahren das letzte Mal ausgiebig geregnet habe und man immer noch von diesem Wasser zehre. Auch ein Ausflug zum nicht sehr weit entfernten Stausee Lake Hume bestätigte dieses Bild. Der Wasserstand war extrem niedrig und überall aus dem See ragten die Bäume heraus, die man vor dem auf Stauen ganz augenscheinlich nicht gefällt hatte. Auf dem Ausflug sahen wir auch endlich unsere ersten lebendigen Känguruhs, alle anderen hatten tot neben der Straße gelegen. Im Gegensatz zur landläufigen deutschen Meinung, in Australien werde man von Koalas und Känguruhs geradezu umlaufen, ist dieses überhaupt nicht der Fall. Ganz abgesehen davon, daß Känguruhs, wie die deutschen Rehe, vor allen Dingen frühmorgens und spätabends aktiv sind, muß man auch wissen, wo man schauen muß. Als "normaler Tourist" ist das nicht so einfach.

Fahrt nach Melbourne

Leider hieß es dann Abschiednehmen von den unglaublich freundlichen Farmern. Diese hatten uns empfohlen, nicht auf dem direkten Wege, dem Highway, nach Melbourne zu fahren, sondern besser kleinere Straßen zu nehmen. So hatten wir nach dem Durchqueren von Albury Gelegenheit, uns die alte, aber wieder wunderschön hergerichtete Goldgräberstadt Beechworth anzuschauen. Durch Farmland, Eukalyptuswälder und vorbei an fast leeren Stauseen ging es nach Süden. Erschreckend war die Durchquerung der Gegend um Marysville. Hier hatte es im Februar diesen Jahres entsetzliche Waldbrände gegeben, über die auch in den deutschen Medien berichtet wurde. Wir durchquerten riesige verbrannter Waldflächen, in denen es immer noch nach Holzkohle roch. Große, zusammengeschobene Haufen mit verbranntem Holz zeugten von den erschreckenden Geschehnissen. Welch' ein Gegensatz war dazu ein Naturschutzgebiet mit gigantischen Eukalyptusbäumen, die vom Feuer verschont geblieben worden waren.

Melbourne

Je mehr wir uns Melbourne näherten, desto dichter wurde der Verkehr. Auf einem sehr breiten Highway ging es direkt in die Stadt, in der zu meinem Entsetzen auch Straßenbahnen verkehrten. Mit Hilfe der Navigation erreichten wir erst nach Einbruch der Dunkelheit das Park Hyatt Hotel, wo wir eine wunderschöne Ecksuite bezogen.

Der nächste Tag stand ganz im Zeichen eines außergewöhnlichen Treffens: Freunde meiner Eltern waren in den 1950er Jahren nach Australien ausgewandert und eine Tochter wohnt heute in Melbourne. Zuletzt hatten wir beide uns als Kinder in Deutschland bei ihrer Großmutter gesehen. Die Planung meiner Australienreise nahm ich zum Anlaß, mit Elsa Kontakt aufzunehmen und sie willigte freudig in ein Treffen ein, auf dem es sehr viel zu erzählen gab.

Melbourne präsentierte sich als ausgesprochen attraktive Stadt mit zahlreichen Sehenswürdigkeiten. Direkt neben dem Hotel befindet sich die neogotischer St. Patricks Cathedral, die größte Kirche in Australien. An diesem Pfingstsonntag konnten wir zahlreiche Gläubige in ihren Heimattrachten sehen, die zum Gottesdienst gingen. Wenig weiter in Fitzroy Gardens wurde 1933 das in England in Einzelteile zerlegte Elternhaus von Captain Cook wieder aufgebaut, das heute ein Museum beherbergt. Auf der anderen Straßenseite befindet sich das Old Treasury Building mit gleichnamigem Park. Ganz in der Nähe findet man das traditionsreiche Windsor Hotel und gegenüber das klassizistische Parlamentsgebäude des Bundesstaates Victoria. Entlang der Little Bourke Street liegt Chinatown und Swanston Street und Bourke Street sind Fußgängerzonen mit zahlreichen Geschäften. Der Federation Square besteht aus futuristischer Architektur und setzt einen Kontrapunkt zur gegenüberliegenden St. Pauls Cathedral. Nichts für schwache Nerven ist das Old Melbourne Goal, das Zuchthaus, in dem Australiens bekanntester Buschräuber Ned Kelly hingerichtet wurde. Freunde der großen Passagenarchitektur des 19. Jahrhunderts kommen in der Block Arcade auf ihre Kosten. Interessant ist auch ein Besuch in den Docklands, der vor einigen Jahren völlig umgestalteten ehemaligen Industriebrache - praktisch zu erreichen mit der kostenlos rund um das Stadtzentrum verkehrenden nostalgischen Straßenbahn.

Great Ocean Road

Von nun an sollte die Reiseroute immer entlang der Südküste Australiens verlaufen. Auf einem achtspurigen Highway verließen wir Melbourne. Erster Stop war die Werribee Park Mansion, das aus den 19. Jahrhundert stammende Herrenhaus eines "Wollbarons", welches von einer Parkanlage mit tausenden von großen Sträuchern umgeben ist. Eingebettet ist die ganze Anlage in das gigantische Areal der australischen Reiterlichen Vereinigung mit zahlreichen Vielseitigkeitsstrecken. Hinter der großen Stadt Geelong, ehemals Zentrum der Schafzucht und Wollproduktion, erreicht man die Südküste und die sogenannte Great Ocean Road, die nach dem Ersten Weltkrieg als Mahnmal für die gefallenen australischen Soldaten errichtet wurde. Ab Torquay passiert man einsame Strände und oftmals pittoreske Aussichten auf eine bizarre Küste. Ab Apollo Bay wird die Straße sehr anspruchsvoll zu fahren, denn Haarnadelkurve reiht sich an Haarnadelkurve, bis man einen Drehwurm bekommt. Nach einer erheblich längeren Fahrt als ursprünglich geplant, näherten wir uns endlich dem Höhepunkt der Great Ocean Road, dem Port Campbell National Park. Hier wird die Küstenszenerie in der Tat ausgesprochen spektakulär. Ein großes Besucherzentrum mit riesigem Parkplatz zeugte davon, daß wir nun die Hauptattraktion erreicht hatten, die Twelve Apostles, der Steilküste vorgelagerte Klippen. Einige Kilometer weiter sieht man die Loch Ard Gorge, dann das Felsentor The Arch und die Höhle The Grotto.

Mehrfach wurde ich von Australiern nach einem Vergleich zwischen der Great Ocean Road und dem Highway 1 in Kalifornien gefragt. Leider mußte ich darauf antworten, daß meiner Meinung nach die Great Ocean Road in den zahlreichen Touristenführern überbewertet wird. Ganz außergewöhnlich schön ist wirklich nur der Bereich um Port Campbell und die Sehenswürdigkeiten haben auch noch den Nachteil, daß man sie nur zu Fuß auf Wegen von der Hauptstraße erreichen kann. Der Highway 1 ist auf der gesamten Strecke ganz außergewöhnlich und verläuft unmittelbar an der Felsküste - undenkbar im weichen Kalkstein Australiens.