Bei mittlerweile strömendem Regen erreichte ich das an die Erlöserkirche angrenzende Russische Museum durch einen Seiteneingang. Das Museum befindet sich im Michailowskij-Palast, der vom letzten Zaren Nikolaus II. erworben wurde, um für die gesammelten Kunstgegenstände der Familie einen geeigneten Raum zu finden. Das Museum ist die bedeutendste Sammlung russischer Kunst und entsprechende Zeit sollte man zum Besuch einplanen. Glücklicherweise ist es nicht so von Besuchern überlaufen wie die Eremitage und man kann in Ruhe die Kunstwerke betrachten. Neben den zahlreichen Gemälden ist auch die Abteilung über russische Volkskunst von besonderem Interesse, eröffnet sie doch Einblicke in eine weitgehend unbekannte Kultur.

Ich verließ nach ausgiebigem Besuch das Museum durch den imposanten Haupteingang, passierte das Puschkin-Denkmal und gelangte von der Rückseite in die Passasch von 1848, einer exquisiten Einkaufsgalerie, wie sie zu der Zeit en vogue war und ich schon ähnlich in Brüssel und Neapel gesehen hatte. Ob es am miesen Wetter oder den Preisen lag? Kunden sah ich in der Passage nicht… ebensowenig wie im nebenan gelegenen Grand Palace, ebenfalls eine edle Einkaufsadresse, wo die Verkäuferinnen die Köpfe auf die Tische zum Dösen legten.
Da es immer noch heftig regnete war es mir nur möglich, ein überdachtes Ziel zu besuchen. Was lag also buchstäblich näher, als das auf der anderen Straßenseite liegende Gostinyj Dwor? Das älteste Kaufhaus mit dem Arkadenrundgang stammt aus den 1760er Jahren und hat erschwinglichere Preise als seine Pendants gegenüber - das Preisniveau ist aber durchaus so hoch wie in Deutschland. Wer kann das in Rußland bezahlen?

Unter den Bögen wurde ich dann Zeuge, wie man in der Stadt für Sicherheit sorgt. Schnellen Schrittes hatte mich ein Mann überholt: dunkler Teint, schwarze Haare, vielleicht Anfang 20 Jahre alt. Aus dem Nichts tauchten zwei uniformierte Polizistinnen auf, stoppten den Mann barsch und unterzogen ihn einer intensiven Kontrolle. Er paßte offenbar genau in ihr Suchschema. In den nächsten Tagen fielen mir des öfteren ähnlich geartete Kontrollen im Bereich des Gostinyi Dwor auf, durchgeführt von Polizei oder der Spezialeinheit OMON. Auch in St. Petersburg herrscht leider Angst vor Terroranschlägen....

Ich umquerte das riesige Gostinyi Dwor, bog nach rechts ab und überquerte nach einigen 100 Metern den Grobojedow-Kanal auf der wundervollen Bank-Fußgängerbrücke: vier gußeiserne Greife mit vergoldeten Flügeln halten die Brückenbefestigungen fest. Von der Brücke hat man einen wunderschönen Blick über den Kanal auf die Spitze des Singer-Gebäudes und die Erlöserkirche.

Am nächsten Tag regnete, nein schüttete es immer noch. Da es zum Glück Dienstag war, hatte die Eremitage geöffnet. Der Weg dahin war abenteuerlich, denn die St. Petersburger Dach-Fallrohre entleeren ihre Wasserfracht direkt von der Hauswand auf den Bürgersteig. Diese unsoziale Einrichtung kannte ich bereits aus Thailand - was bei den dortigen Temperaturen nicht weiter tragisch ist, führt in SPB allerdings unweigerlich zu nassen und kalten Füßen. Meine einzige Lösung angesichts der am Vortag bereits durchgeweichten Schuhe: Plastiktüten überstreifen, am Knöchel zusammenknoten und los geht's. Punkt 10.30 Uhr zur Öffnungszeit erreichte ich die Eremitage - ausgestattet mit einem Onlineticket. Der Erwerb eines solchen Tickets ist mehr als empfehlenswert, erspart er doch die gigantischen Schlangen vor den normalen Kassen. In 10 Minuten war ich im Museum (in einem speziellen Seiteneingang).

Tip zum Onlineticketerwerb:
die Webseite zum Ticketerwerb gibt es in einer russischen und einer englischen Version. Der Eintrittspreis auf der englischen Seite beträgt 17,95 US-$ (ca. 16 €), auf der russischen 580 Rubel (ca. 8 €). Ein Schelm, der Böses dabei denkt! Im Internet gibt es eine hervorragende Anleitung, wie man auch ohne Russischkenntnisse das preiswertere Ticket - völlig legal übrigens - erwerben kann: "http://russlande.de/wie-man-tickets-ermitage-museum-kauft".

Ich hielt mich gut 5 Stunden im Museum auf, um wirklich einen Großteil der Sammlung zu sehen. Interessanterweise gibt es Bereiche, in denen man kaum einen Besucher antrifft, so u.a. den für mich sehr spannenden Bereich der sibirischen Kunst. Hier wurde mir erneut die enorme Ähnlichkeit der sibirischen und nordamerikanischen indigenen Kulturen vor Augen geführt. Unerträglich voll ist es in der Abteilung für flämische Kunst. Reisegruppen werden im Minutentakt an den Rembrandts, Bruegels, van Dijks vorbeigeschleust: rechts schauen, Smartphone raus, knipsen, umdrehen, nächstes Bild…. am besten posiert man noch neben einem Meisterwerk und läßt sich photographieren. Leider erlebt man hier, wie in allen "must see" Museen der Welt, das gleiche Prozedere. Ich frage mich, was diese Besucher außer einem "ich war da" von solchen Veranstaltungen mitnehmen…
Nach dem ausgiebigen Besuch hatte ich Schwierigkeiten, den richtigen Ausgang für die Online-Ticket-Besitzer zu finden. Ausgeschildert ist nämlich nur der Hauptausgang…

Bei trübem aber immerhin trockenem Wetter verblieb mir noch Zeit zu einem Gang zum Marmorpalast, einem Geschenk von Katharina II. an ihren Liebhaber Graf Potjomkin. Der aus 32 verschiedenen Marmorarten bestehende Palast war aber wegen des Dienstags geschlossen. Durch das Tor konnte ich das im Innenhof stehende Reiterstandbild Alexanders III. sehen, vom Volksmund "Nilpferd auf Kanapee" getauft und in der Tat nicht besonders elegant.

Vis-à-vis des Palastes beginnt das Marsfeld, ehemaliger Exerzierplatz und später in sowjetischer Manier umgestaltet. Geplant von mir war anschließend ein Besuch im angrenzenden Sommergarten am Lebjaschij-Kanal. Leider hat auch dieser dienstags geschlossen. Durch den Zaun konnte ich nur den einen oder anderen Blick auf den Park Peters des Großen erhaschen. Ärgerlich, daß der Reiseführer nicht auf die Schließung an Dienstagen aufmerksam gemacht hatte! Mir blieb nichts anders übrig, als das gegenüberliegende Ingenieurschloß mit seiner roten Fassade zu betrachten. Einst Militärhochschule (u.a. mit Dostojewskij als Schüler) ist das Schloß heute auch Teil des russischen Museums.

Durch den auf der gegenüberliegenden Straßenseite beginnenden Michailow-Garten erreichte ich bald wieder das russische Museum und die Erlöserkirche und gelangte von dort zurück zum Apartment.

Peterhof

Den Besuch von Peterhof hatte ich mir für einen Tag mit gutem Wetter aufgespart, sollte es doch dorthin mit dem Schiff gehen. Die preiswertere Alternative über Land mit öffentlichen Verkehrsmitteln erschien mir bei limitierten Russischkenntnissen zu abenteuerlich. In der Tat war der Regen verflogen und der nächste Tag begrüßte mich mit strahlendem Sonnenschein. Also ging ich zur bereits ausgekundschafteten Bootsanlegestelle für die Schnellboote nach Peterhof. Nachteilig ist, daß man beim Kauf einer Rückfahrkarte bereits bei der Abfahrt die Zeit der Rückfahrt angeben muß. Da ich überhaupt nicht die Länge meines Aufenthaltes abschätzen konnte buchte ich also nur die Hinfahrt. Bei zwei Einzelkarten bezahlt man so jeweils 750 Rubel (10,30 €) statt 1300 Rubel (17,80 €) für Hin- und Rückfahrt.

Das Schiff war so gut wie ausgebucht und das Ablegen vom Kai eröffnete einen traumhaften Blick auf die Admiralität, Eremitage, Kunstkamera, Peter und Paul Festung und und und... Wir befuhren den Meeresarm zwischen Wassiljewskij und Petrograder Insel, vorbei am Kreuzfahrtschiffterminal, um dann das offene Meer, sprich den Finnischen Meerbusen, zu erreichen. Hier konnte der Kapitän richtig aufdrehen und das Tragflächenboot hob sich weit aus dem Wasser. Es folgte dann ziemlich offensichtlich noch ein Rennen mit einem anderen Schiff und nach 30 Kilometern und ca. 40 Minuten erreichten wir Peterhof.

Peterhof war der letzte Bau von Peter dem Großen, der zwei Jahre nach der Eröffnung im Alter von nur 52 Jahren starb. Hier wurden alle Register der Architektur- und Gartenkunst gezogen und die Anlage erreichte besondere Berühmtheit für seine phantastischen Wasserspiele. Ich schenkte mir den Besuch des Palastes - hier hatte sich bereits eine lange Schlange gebildet - und schaute mir statt dessen ausgiebig die Parkanlage an. Da der Palast im 2. Weltkrieg von den deutschen Truppen bombardiert und stark beschädigt wurde, dauerten die Renovierungsarbeiten lange Zeit. Abgeschlossen wurden sie endgültig erst 2003 anläßlich des 300jährigen Bestehens Petersburgs. Natürlich diente auch für diesen Palast Versailles als Vorbild. Der Park ist wunderschön, aber unvergleichlich kleiner als sein französisches Pendant. In 2-2,5 Stunden kann man ihn komplett erwandern, wenn man auf den Innenbesuch der verschiedenen Gebäude im Park verzichtet. Gut nachvollziehbar ist, daß sich der umtriebige Zar besonders gerne im Lustschlößchen Monplaisir direkt am Meer aufhielt. Die zahlreichen Wasserspiele aufzuzählen, würde hier den Rahmen sprengen, sie sind alle höchst sehenswert. Täglich um 11 Uhr ist übrigens die pompöse Inbetriebnahme der Fontänen, untermalt von klassischer Musik geht es los.

Ein Tip zum Besuch von Peterhof: die Anlage besteht im Prinzip aus drei Teilen: dem Großen Palast, dem Oberen und dem Unteren Park. Erreicht man die Anlage per Schiff, muß man direkt am Pier ein Ticket zum Unteren Park lösen (700 Rubel, ca. 9, 60 €), welches zum einmaligen Besuch des Parks berechtigt. Vom Unteren Park kann man dann den Palast besuchen (ist erneut kostenpflichtig). Geht man dann in den kostenfreien Oberen Park und will mit dem Schiff wieder zurückfahren, ist erneut der Eintrittspreis für den Unteren Park fällig, da dort die Bootsanlegestelle ist.

Am frühen Nachmittag fuhr ich zurück nach St. Petersburg und mußte feststellen, daß auch Tragflächenboote nicht unerheblich schaukeln können. Bei sehr frischem Seewind war die seitliche Dünung auf dem offenen Meer nicht unerheblich. Die Einfahrt nach Petersburg führte vorbei an zwei riesigen Sportstadien und unschönem Hafengelände. Um so erfreulicher war dann wieder der Blick auf die grün-weiße Fassade der Eremitage.

St. Petersburg

Da noch reichlich Zeit war und ich von der Bootsanlegestelle direkt auf die gegenüberliegende Kunstkammer blickte, entschloß ich mich zu einem Besuch dieses ältesten Museums Rußlands, welches von, wie könnte es anders sein, Peter dem Großen gegründet wurde. In erster Linie handelt es sich bei dem Gebäude um ein sehr schönes ethnographisches Museum, welches alle Erdteile abdeckt. Zu meinem großen Erstaunen gab es zahlreiche Exponate zu meinem Steckenpferd, den nordamerikanischen Indianern. Erfreulicherweise ist die Beschriftung fast durchgängig auch in Englisch gehalten. Vermutlich ist das Gros der Besucher aber weniger an amerikanischer oder afrikanischer Kunst, sondern an Peters Kuriositätenkabinett im ersten Stock interessiert. Peter der Große war ein Kind seiner Zeit und ihn interessierte offenbar alles und jedes, so eben auch tierische und menschliche Mißbildungen. Er kaufte den Grundstock der Sammlung auf seinen Reisen an und lobte dann Preise für die Lieferanten von russischen Absonderlichkeiten aus. In der Sammlung, die sich der Teratologie, d.h. der Ursache von Fehlbildungen widmet (von altgr. teras = Monster), finden sich alle Arten von Doppelfehlbildungen, Hydrozephali usw.
Einen gänzlich anderen Schwerpunkt hat die dritte Etage, die sich um russische Wissenschaft im 18. Jahrhundert wie z.B. Navigation dreht. Den berühmten Gottorper Globus im Obergeschoß kann man leider nur nach Voranmeldung besichtigen.

Da die Zeit fortschritt machte ich mich auf den Rückweg. Erneut ging es über die Dworzowy-Brücke auf die andere Newaseite. Ich ging am Newaufer hinter der Admiralität entlang bis zum Standbild des Ehernen Reiters, der, wen wundert es, Peter den Großen hoch zu Roß abbildet. Aufstellen ließ das Standbild Katharina die Große. Das Denkmal hebt sich schön vor der gelb-weißen Fassade des Senatsgebäudes ab.

Gut sichtbar von hier aus ist auch die gigantische Isaakskathedrale, der größte Kirchenbau der Stadt, entworfen vom französischen Architekten Montferrand. Die Kirche ist 101 Meter hoch und die Kuppel mit 100 kg purem Gold beschichtet - welches im Sonnenlicht unwiderstehlich glänzt. Kaum noch nachvollziehbar ist, daß die Kathedrale, wie auch die anderen Gebäude der Stadt, auf in den Petersburger Sumpf gerammten Baumstämmen steht. Im Falle der extrem schweren Kathedrale sollen es zwischen 11 und 24.000 sein!

Am nächsten Tag wollte ich zum ersten Mal mit der vielgepriesenen Metro fahren. Für 35 Rubel (47 Cent) kann man im Stadtgebiet soweit fahren wie man will, ein Zonensystem gibt es nicht. Die Metrostationen und Fahrpläne sind dankenswerterweise durchgehend zweisprachig in russisch und englisch ausgeschildert. Trotzdem ist die Mitnahme eines Streckenplans empfehlenswert, denn an einigen Stationen gibt es eine Sicherheitswand, die das Ablesen der angefahrenen Station unmöglich macht. In manchen Zügen gibt es mittlerweile auch Lichtanzeigen im Waggon, die die nächste Station auf kyrillisch und englisch anzeigen. Das erste, was in allen Station auffällt, sind die extrem langen Rolltreppen, oft genug noch aus Holz, in den Untergrund. Kein Wunder, wurde St. Petersburg doch im Sumpf errichtet und die U-Bahnbauer mußten über 60 Meter tief schachten, bis sie festen Untergrund erreichten. Da die erste Linie 1955 eröffnet wurde, strahlen viele Anlagen den Charme des Sozialistischen Realismus mit Mosaiken und bronzefarbenen Kronleuchtern aus...