An einem Tag entschlossen wir uns zu einer Tour entlang der Westküste zur Nordspitze der Insel. Nördlich von Holetown wollten wir das 1680 erbaute Kirchlein St. James Church besichtigen. Leider wurde das Innere gerade geputzt, so daß wir nicht hinein konnten. Interessant war allerdings das Baumaterial Korallengestein, welches wir in alten Gebäuden der Insel, die den zahlreichen Hurrikans widerstanden hatten, fanden. Barbados ist eine der wenigen karibischen Inseln nicht-vulkanischen Ursprungs. Statt dessen besteht sie aus angehobenem Meeresboden mit Kalkablagerungen bis in 340 m/NN, eine im Vergleich zu z.B. St. Lucia relativ flache Landschaft.
Der Highway 1 schlängelte sich in geringer Entfernung vom Meer entlang der Küste. Der Seeblick war allerdings fast auf der gesamten Strecke verbaut - oftmals mit imposanten Villen. An einigen Stellen streifte die Straße öffentliche, traumhafte Strände wie Mullins Bay. Einen ausführlichen Stop legten wir in Speightstown (gesprochen: Speikstown) ein, welches abseits des H 1 liegt. Im z.T. etwas morbide wirkenden Ort gibt es noch zahlreiche historische Gebäude mit georgianischen Balkonen und überhängenden Galerien. Diese sind teilweise in schlimmen Zustand, weil unterherfahrende LKW ihre Höhe unterschätzen. An der Hauptstraße saßen unter Balustraden zahlreiche Händlerinnen und verkauften Obst und Früchte der Insel, die einen Einblick in das reichhaltige Angebot gaben. Lohnenswert war auch der Gang auf den weit ins Meer hinausragenden Landungssteg, der einen Blick auf die Küste ermöglicht. Von hier aus waren auch die Verladeeinrichtungen einer nördlich gelegenen Zementfabrik zu sehen.
Angrenzend an den Steg ist eine winzige Strandpromenade, die sicherlich abends zum Verweilen einlädt. In der Schule des Ortes wurde in brütender Hitze von 34 Grad auf offener Wiese in typisch britischen Schuluniformen Schulsport betrieben. Barbados verfügt über Schulpflicht und ein offenbar gutes Schulsystem. Auch gibt es eine Universität auf der Insel.
Ein Stückchen fuhren wir noch auf dem H1 nach Norden, vorbei an der Promi-Wohnanlage Port St. Charles, um dann bei Six Men's nach Nordosten auf den H1C abzubiegen. Hier, in der Parish St. Lucy, beginnt Zuckerrohr-Land. Die Straße bis zum Wahrzeichen St. Lucy's Church ist gesäumt von Zuckerrohrfeldern in verschiedenen Größen. Zur Zeit unseres Aufenthaltes war die Ernte, die von Februar bis Mitte Juni stattfindet, in vollem Gange und wir sahen viele gerade abgeerntete Felder. Nachdem wir das Roundabout bei der Kirche verlassen hatten, begann schwieriges Territorium - Barbados Hinterland sozusagen, was uns noch im Laufe der Reise ziemliche Schwierigkeiten verschaffen sollte. Die Straßen in oft katastrophalem Zustand, eine Beschilderung nicht vorhanden, falsch, zugewachsen, winzig oder nur von einer Seite angebracht. Über diese Nebenstraßen wollten wir auch zum North Point der Insel und der bekannten Animal Flower Cave. Prompt verfuhren wir uns und landeten zwar auch an der Nordküste, aber bei Stroud Point.
Entschädigt wurden wir durch einen wunderschönen Blick auf die Steilküste und das aus Afrika heranrollende Meer. Ich fühlte mich an den Highway 1 in Kalifornien oder die Westküste Mallorcas erinnert. Es wehte ein recht starker Wind, der in der Hitze herrlich angenehm war. Auf der Rückfahrt zum Hotel verfuhren wir uns vollständig, landeten statt auf dem nach Süden führenden Highway 2A in Bellplaine, schon halbwegs an der Ostküste der Insel!
Unweit von Holetown an dem H2A liegt die Portvale Sugar Factory. Laut meines Reiseführers sollte sie zu besichtigen sein, also fuhren wir hin. Auf dem Highway hatten wir in den letzten Tagen schon zahlreiche große LKW oder Trecker mit Anhängern, hoch beladen mit Zuckerrohr gesehen, die die Fabrik ansteuerten. Wir fuhren auf das Fabrikgelände und trafen im angrenzenden Sir Frank Hutson Sugar Machinery Museum auf eine gnadenlos desinteressierte Angestellte, die sich durch unsere Ankunft ganz offensichtlich in ihrem Nichtstun gestört fühlte. Gegen einen heftigen Eintrittspreis konnten wir uns das kleine Museum anschauen. Das Interessanteste war die DVD zur Zuckerherstellung, die uns vorgeführt wurde. Wieder nur auf Nachfrage, die Frau sagte kein Wort aus eigenem Antrieb, konnten wir - erneut gegen heftige Zahlung, gerade frisch gepreßten Zuckerrohrsaft trinken.
Ein interessanter, etwas süßer, pflanzlicher Geschmack und ein braun-graues Aussehen. Endlich leierte ich der Frau die Aussage aus der Tasche, daß man auch die Fabrik, die ja auf Hochtouren lief, besichtigen konnte. Wir bekamen - immerhin - einen Sicherheitshelm verpaßt und sie schoß mit uns los - ohne auch nur ein Wort der Erklärung. Wir mußten uns alles selbst zusammenreimen. Also sahen wir, wie die ankommenden, beladenen Fahrzeuge gewogen und dann direkt auf ein Förderband entladen wurden. Das Zuckerrohr lief über das Band in die Maschine, die einen ohrenbetäubenden Lärm machte. Trotzdem arbeiteten die Arbeiter dort ohne Ohrschutz und teilweise auch ohne Helm. Das Rohr wurde durch Walzen geleitet und ausgepreßt, der Saft lief nach unten und wurde in Behälter geleitet, um das überschüssige Wasser auszukochen. Die ausgepreßten Stengel - Bagasse genannt - werden auf Haufen geworfen, getrocknet und später wieder als Brennstoff für die Maschine verwendet. Der Zuckerrohrsaft durchläuft verschiedene Prozesse, bei denen auch die Melasse anfällt, aus der Rum hergestellt wird. Irgendwann ist dann der braune, noch etwas klebrige Rohrzucker verwendungsfertig.
Barbados kann noch, wie andere frühere Kolonien, z.Zt. bevorzugt Zucker in die EU exportieren. Da dieses Privileg wegfallen soll, bemüht man sich um eine Diversifizierung der Wirtschaft und setzt verstärkt auf Tourismus. Der Zucker der Insel bleibt unglaublicherweise kaum im eigenen Land. Aufgrund von festen Abnahmeverträgen muß oftmals Zucker für den heimischen Markt importiert werden, z.T. von anderen karibischen Inseln. Zu meinem Unverständnis fand ich jeden Morgen beim Frühstück in unserem Hotel Papiertütchen mit Rohrzucker aus - Maui!!! Eine Perversität des globalen Marktes, die ich auch schon auf Mauritius erlebt hatte.
Als wir die riesigen Behälter passierten, in die der ausgekochte Zuckerrohrsaft floß, kam auf einmal Bewegung in unsere ansonsten stoische Begleiterin. Sie zog uns weg und dann sah ich warum: der kochende Saft lief über den Rand der sicher 5 m hohen Behälter und verteilte sich auf dem Boden. Zurück ging es zum Museum, wir wurden nicht weiter beachtet, nur die Angestellte erklärte einem Kollegen, daß gerade ein Unfall passiert sei.
Wir verließen die Fabrik und steuerten mit dem Auto in die zentralen Berge der Insel. Ziel sollte eigentlich Welchman Hall Gully, eine kleine Schlucht, sein. Diese verpaßten wir auf unseren ersten beiden Inseldurchquerungen aber prompt, weil einfach keine Beschilderung vorhanden war und das ganze Straßensystem völlig unübersichtlich ist. Schließlich hatten wir den Eingang und das Kassenhäuschen gefunden und konnten die nach einem walisischen Edelmann benannte Schlucht betreten. Der kleine Canyon schlängelt sich durch Kalkgestein, uralte Bäume mit Lianen bewachsen finden sich hier, ein (nicht einheimischer) Mußkatnußhain und Mahagoniebäume, Grotten und zahlreiche heimische Bäume und Pflanzen. Da wir völlig allein in der Schlucht waren, überraschten wir eine kleine Gruppe Green Monkeys, die einen Mangobaum plünderten. Diese Affen sind auf den von Westafrika kommenden Sklavenschiffen zufällig nach Barbados geschafft worden und vermehrten sich zum Schrecken der Anwohner dort rapide, da sie die Felder leer räumten. Da sie teilweise bejagt werden, flüchteten sie vor uns. Wir erkletterten dann noch den zum Gully gehörenden Aussichtspunkt mit phantastischem Blick.
Auf mehr oder weniger direktem Wege erreichten wir dann Bathsheba an der Ostküste der Insel. Da sich die Straße steil zur Küste hinunter windet, bieten sich teilweise wunderschöne Ausblicke auf die wilde Ostküste, die so ganz anderes ist, wie die Westküste. Bathsheba ist bekannt als Ausflugsort und für die "Soup Bowl", einen Meeresabschnitt mit brodelnden Wellen. Bei einigen unserer Besuche konnten wir sehr fortgeschrittene Surfer und Boogie Boarder in Aktion erleben. Direkt beim Soup Bowl gibt es einen kleinen Strandpark mit Blick auf die pittoresken im Meer stehenden Felsbrocken. Wir besuchten Andromeda Botanic Garden in der Nähe, ein wunderschöner, gepflegter botanischer Garten mit einheimischen und importierten Pflanzen.
Bei unseren diversen Fahrten zwischen den beiden Küsten lernten wir die Insel, manchmal unfreiwillig, sehr intensiv kennen. Mit ca. 270.000 Einwohnern hat sie eine Bevölkerungsdichte von immerhin 615 km² und ist damit eines der an dichtesten besiedelten Ländern der Erde. Auf der ganzen Insel verteilt finden sich kleine Dörfchen, häufig mit teilweise recht großen Steinhäusern bebaut. Die alten Chattel Häuser findet man längst nicht mehr überall. Die Bebauung ist Zeugnis für den für karibische Verhältnisse hohen Lebensstandard der Insel - immerhin der höchste aller unabhängigen Staaten. Im krassen Gegensatz steht allerdings der Zustand der Nebenstraßen, die offenbar unter der Hitze und tropischen Regengüssen leiden. Unzählige Male haben wir uns verfahren und waren buchstäblich "lost in paradise". Selten habe ich vom Nebensitz so oft die Sätze gehört wie "ich glaube, wir sind hier", "es könnte sein, daß wir hier abbiegen müssen", "jetzt weiß ich gar nicht mehr, wo wir sind!". Das verrückteste Erlebnis hatten wir bei einer Inseldurchquerung von West nach Ost. Eigentlich wollten wir nach Bathsheba, wollten aber leichtsinniger Weise eine alternative Route probieren. Diese war auch auf der Karte durchgängig eingezeichnet. Der Weg schlängelte sich steil und kilometerlang einen Berg hinunter, auf einmal hörte die bis dahin schon marode Asphaltdecke auf zu existieren. Offenbar hatte Wasser Rinnen in die Straße gefressen und nur noch kleine Asphaltinseln stehen lassen. Ich wollte umkehren, mein Freund wußte es besser "das ist sicher nur ein Stückchen so, dann wird es besser". Ohne Allradwagen ein Wahnsinn.
Mein Freund mußte aussteigen und mir zeigen, wie ich mit den Reifen die Asphaltinseln zwischen den 30 cm tiefen Löchern und Rinnen treffen mußte. Zudem war der Weg total zugewachsen. Ich weiß nicht, wie weit es so ging, dann leuchtete auch noch die Benzinlampe auf! Irgendwann standen wir vor einem trockenen Flußbett - angefüllt mit dicken Steinen, die unmöglich zu über- oder umqueren waren. Auf der anderen Uferseite war der Weg wieder gut befestigt. Es nützte nichts, ich mußte umdrehen, Zentimeter für Zentimeter vor und zurück, dann - um Benzin zu sparen - mit ausgeschalteter Klimaanlage die Katastrophenstrecke nunmehr bergan. Mein Freund wieder zu Fuß schwitzend und fluchend vorweg. Er hatte uns das Ganze eingebrockt! Mit dem letzten Tropfen Benzin erreichten wir dann die Ostküste. Nie wieder!
Ein anderes Mal wollten wir von Ost nach West, verfuhren uns auch in den Bergen und landeten mitten zur abendlichen Rushhour in Bridgetown! Kommentar der lachenden Hotelangestellten zu unseren Touren: "You never get lost on Barbador, you just take the wrong turn!" Stimmt, an irgendeiner Küste kommt man immer heraus. Ich kann nicht verstehen, daß eine Insel, die so auf Tourismus setzt, nichts für eine vernünftige Straßenbeschilderung unternimmt.
Mehrere sehr schöne Besichtigungspunkte der Insel liegen im Nordosten. Wunderschön fand ich St. Nicholas Abbey, eine alte Plantagenvilla, die entgegen des Namens nie ein Kloster beherbergt hat. Das Haus ist eines der ältesten in der gesamten englischsprachigen Neuen Welt und datiert von 1650. Schon die mit Mahagoniebäumen bestandene Auffahrt ist mehr als eindrucksvoll. Für ein Eintrittsgeld von 15 Barbados Dollar (= 7.50 US-$) bekamen wir und ein britisches Paar eine hervorragende Führung durch alle Gebäude. Das imposante Hauptgebäude mit dicken Mauern und ventilierenden Fenstern ist ein Meisterstück kolonialer Tropenarchitektur.
Es ist angefüllt mit historischem Mobiliar und gibt einen hervorragenden Eindruck vom Leben der Plantagenbesitzer. Als 2002 der das Haus in 5. Generation besitzende Eigner starb, vermachte er es seinem Neffen. Der sah sich nicht in der Lage, Geschäften in London nachzugehen und gleichzeitig das Haus in Schuß zu halten. Somit verkaufte er es 2006 an einen offenbar steinreichen Barbadianer, der es nicht nur hervorragend pflegt sondern auch investiert. Per Hand wird selbst destillierter Rum abgefüllt und verkauft. Neben dem Hauptgebäude war man offenbar dabei, die alte Zuckermühle samt Nebengebäuden wieder herzurichten - ein umfangreiches Unterfangen! Wir nahmen uns die Zeit, einen 20minütigen von einem der Vorbesitzer in den 1930er Jahren gedrehten Film über seine Ankunft in Barbados und der Arbeit auf der eigenen Plantage anzuschauen. Unvorstellbar, wie primitiv zu der Zeit noch auf der Insel gearbeitet wurde. Nach wie vor wurde das Zuckerrohr mühselig von Hand geschlagen und in den alten Windmühlen gepreßt. Auch das Kochen des Sirups war noch reine Handarbeit.
Nur wenige hundert Meter hinter St. Nicholas Abbey liegt der traumhafte Aussichtspunkt Cherry Tree Hill, von dem man aus große Teile der Ostküste überblicken kann. Nach einem Abzweig erreicht man die einzige auf der Insel noch intakte Windmühle Morgan Lewis Sugar Mill. Angeblich ist die von Holländern 1776 gebaute Mühle auch die größte komplette in der gesamten Karibik.
Sie war tatsächlich noch bis 1944 in Betrieb, wurde 1999 restauriert und an je einem Sonntag im Monat werden die Holzflügel mit Stoff bespannt und in der Mühle wieder Zuckerrohr gepreßt. Ursprünglich hatten wohl auf ganz Barbados an die 500 Windmühlen gestanden, heute sieht man an vielen Stellen noch die steinernen Unterbauten. Wir jedenfalls fuhren ein Stückchen weiter und folgten einem Trampelpfad zum umwerfenden Morgan Lewis Beach. Dieser einsame, völlig unberührte, riesige Sandstrand vor wilder Meereskulisse gibt einen Eindruck davon, wie auch früher die mittlerweile fast total bebaute Westküste ausgesehen haben muß.
Auch im Nordosten liegt das Barbados Wildlife Reserve, welches mit kanadischer Hilfe aufgebaut wurde. Auf dem Gelände leben Massen von Schildkröten, Leguane, Kaimane, tropische Deer usw. Bekannt geworden ist das Reservat aber durch die Green Monkeys, die hier angefüttert werden.
Wir waren enttäuscht, bis auf ein eingesperrtes Tier keinen Affen bei unserem Besuch zu sehen, wollten schon gehen, als der erste dann endlich auftauchte. Die Affen verbringen den Tag in freier Wildbahn und kehren abends in Familienverbänden in das Reservat zurück. Im Reservat fühlten sich die Tiere völlig sicher und ließen uns dicht an sich herankommen. Ob sie das außerhalb auch machen, möchte ich bezweifeln. Teilweise werden die Tiere gefangen und an Versuchslabore verkauft, da man aus den Affen Polioimpfstoffe gewinnt. Ein Gedanke, mit dem ich mich schlecht anfreunden konnte. Offenbar vermehren sich die Affen auf der Insel aber unwahrscheinlich, auch wir sahen bei den Fahrten durch das Landesinnere viele die Straße überqueren. Sie tauchen zum Ärger von Mangobaum- oder Bananenstaudenbesitzern auch an der Westküste auf und futtern die reifen Früchte. Teilweise kommt es auch wohl zu lustigen Begebenheiten. Uns wurde von einem Affen erzählt, der den riesigen BH einer Frau von der Wäscheleine genommen und angezogen hätte. Mit seiner Beute sei er dann zum Amüsement der gesamten Nachbarschaft in die Bäume geflüchtet.
Angrenzend an das Wildlife Reserve liegt Grenade Hall Forest and Signal Station, einer alten Signalstation, die aber durch die Einführung des Telefons überflüssig wurde. Da wir zu lange im Wildlife Reserve waren, hatte die Station schon geschlossen. In unmittelbarer Nähe liegt auch der Farley Hill National Park mit traumhaften Ausblicken über den Norden der Insel.