Nach vielleicht 3 Kilometern über Stock und Stein standen wir auf einmal - mitten auf dem Strand! Vor uns eine atemberaubende Kulisse des rauhen Atlantiks, links eine aus Holz gezimmerte Strandbar. In der Nähe sahen wir eine Reitergruppe, wieder mal auf recht mangelernährten Pferden, diesmal allerdings nicht so schlimm wie beim Marquis Estate. Die Gruppe zockelte im Schritt am Strand entlang, 2 fortgeschrittene Reiter preschten im vollen Galopp durch die Brandung. Einige Einheimische gingen mit den Pferden schwimmen. Wir hingegen schauten uns die Gegend an. Diese sah ganz anderes aus als die Karibikküste. Die atlantische Seite war viel rauher, die Luft angenehmer, von Bebauung, abgesehen von der Strandkneipe, weit und breit nichts zu sehen. Der Kneipenbesitzer sah in mir wohl eine potentielle neue Kundin für einen Ausritt, ich hingegen lehnte dankend ab, als ich sah, wie die Pferde bei den Einheimischen Reitern stiegen. Die Knochen wollte ich mir im Urlaub nicht brechen! Als ich nach der Zuckermühle fragte, sagte er, "da hinten, irgendwo rechts" gäbe es Ruinen. Als stiefelten wir erst einmal am Strand entlang, dann zum Landesinneren. Irgendwann gaben wir entnervt auf. So freundlich die Einheimischen ja waren, Lagebeschreibungen konnten sie einfach nicht geben!

Anschließend interessierte uns das nördliche Ende der Insel, der Pointe du Cap, glücklicherweise auf der Hauptstraße erreichbar! Am Weg lag auch das uns so war empfohlene Great House, einst Kolonialvilla, nunmehr Sitz eines Gourmetrestaurants, welches uns aber mit der Karte nicht überzeugte. Weiter ging es nach Norden, in der Tat dem exklusivsten Teil der Insel. Ganz augenscheinlich wohnte hier, wer auf St. Lucia Rang und Namen hatte. Mitten zwischen den luxuriösen Villen befand sich auch das Le Sport Hotel, überall als "das" All-inclusive-Resort der Insel gepriesen. Ganz im Gegensatz zum Sandals bekamen wir problemlos eine Hotelführung, die uns aber nicht überzeugte. Die beste Zeit ist an diesem Hotel wohl vorbeigegangen, es war nicht nur der kleine Strand und die sehr periphere Lage, die nicht überzeugten....

Wir fuhren die Hauptstraße bis zu ihrem Ende, wo uns der Weg durch eine Schranke versperrt wurde. Der äußerste Punkt der Insel wird scheinbar von einer Hotelanlage belegt. Auf dem Rückweg sahen wir irgendwann einen kleinen Abzweig nach links, den wir nahmen. Wieder einmal eine unglaubliche Holperpiste, die vor ewigen Zeiten mal asphaltiert war. Nun glänzte sie durch enorme Schlaglöcher. Die schlechte Zuwegung ließ uns nicht erahnen, was uns dann erwarten sollte: hoch über der Nordspitze fanden sich etwa 7 exklusivste Villen, mit phantastischen Gartenanlagen und einem unglaublichen Blick über das Meer. Auffälligerweise waren die Anlagen in keinster Weise geschützt. Wir fragten uns beim Rückweg, warum Leute, die so viel Geld in solche Villen investieren, nicht für eine vernünftige Zuwegung sorgen...

Abends gab es bei uns im Hotel zum allgemeinen Amüsement Krabbenrennen. Hierbei werden ca. 10 Krabben in die Mitte einer Holzunterlage gesetzt, auf die kreisförmige Markierungen gezeichnet werden. Die markierte Krabbe, die als erstes die äußere Markierung überquert, ist Sieger. Wir kannten das Spiel schon aus Fidschi, hatten aber trotzdem eine Menge Spaß und ziemliches Wettglück, denn man konnte natürlich auch Geld setzten!

Nachdem wir nunmehr bislang vor allem die Karibikküste erkundet hatten, wollten wir jetzt die Berge zur Ostseite überqueren. Los ging es die bekannte Strecke über Castries und die Bananenebene. Dann kam der steile Anstieg an den Hängen des Mount la Combe, bewachsen mit dichtem tropischen Wald. Kurz bevor wir die Küste erreichten, lag links der Straße der Fond D'or Nature Historical Park. Nach Bezahlung eines wieder mal happigen Eintrittsgeldes wurden wir von einem obligatorischen Führer begleitet. Er zeigte uns die Überreste einer alten Zuckermühle und erklärte uns anschaulich die verschiedenen Antriebsarten einer solchen Mühle: Wind, Dampf und Ochsen. Geschnitten wurde das Zuckerrohr zuerst durch afrikanische Sklaven, später durch pseudofreie Arbeiter, die sich für Jahre zwangsverpflichtet hatten (indentured servants). Bis in die 1960er Jahre wurde auf der Insel Zuckerrohr angebaut, dessen Kultivierung dann durch den erheblich weniger arbeitsintensiven Anbau von Bananen abgelöst wurde. Eine kleine Ausstellung in einem Gebäude berichtete über das harte Los der Zuckerrohrarbeiter aber auch über die fast vollständig ausgerotteten Ureinwohner der Inseln, von denen, nach Auskunft des Führers, einige kleine Gruppen noch zurückgezogen in den Bergen leben sollen.

Unser Gang durch die Anlage eröffnete uns grandiose Blicke über den Atlantischen Ozean. Über einen Trampelpfad ging es dann hinunter zur Küste. Dort mündete ein total verschmutzter Fluß ins Meer. Der braune Schaum auf dem Wasser hielt aber die Kinder aus dem nahegelegenen Dorf nicht davon ab, darin zu baden. Die Küste war atemberaubend schön, noch wilder als bei Cas en Bas. Leider lagen am Strand nicht nur angeschwemmte Kokosnüsse, sondern auch Unmengen von Plastikflaschen. Unser Führer sagte, daß sie einmal jährlich eine Säuberungsaktion starteten, um den Plastikmüll zu entfernen. Immerhin ist der gute Wille vorhanden. Der Rückweg zum Eingang führte uns wieder durch dichten tropischen Wald, wo wir Erläuterungen über die verschiedenen Pflanzen bekamen. Unterwegs gepflückt wurde auch die Frucht des auf englisch Calabash, auf französisch Calabas genannten Baumes. Am Ende der Tour zeigte man uns dann die Verwendung dieser Frucht: das ca. 25 cm lange, eiförmige grüne Gebilde wird mit einer Säge durchgeschnitten, das ungenießbare Fruchtfleisch entfernt, die Halbschalen gewaschen - und fertig ist das stabile aber leichte Eßgeschirr. "Das gehört zu unserem afrikanischen Erbe", erläuterte stolz unser Führer. Die Schalen durfte ich mit nach Hause nehmen. Highlight war dann noch das Beobachten einer zur Familie der Boa Constrictor gehörenden Schlange. Unser Führer sah sie, offenbar vollgefressen und müde, um einen Baumast geringelt. Ein höchst seltener Anblick!

Da wir noch Zeit hatten, fuhren wir nach dieser interessanten Tour weiter entlang der Hauptstraße nach Süden. Immer wieder eröffneten sich uns spektakuläre Blicke über die schroffe Atlantikküste, bis wir schließlich den botanischen Garten von Mamiku erreichten. Hierbei handelt es sich um einen der schönsten Gärten der Insel, gelegen auf dem Gelände einer ehemaligen Zuckerrohrplantage, gegr. 1766.

Auf dem Rückwerg zurück zum Hotel schauten wir uns noch kurz das Fischerörtchen Dennery an, welches auch durch eine völlig unproportional große Kirche glänzte. Ansonsten regierte eher ein ärmliches Fischerleben mit kleinen Hütten. In einer Strandkneipe saßen am frühen Nachmittag bereits die Einheimischen beim Rum.

Unseren vorletzten Urlaubstag ließen wir geruhsam ausklingen. In einer nahe Castries gelegenen Shoppingmall hatte ich ein überraschend gutes Buchgeschäft entdeckt, welches vor allem auch viele Bücher über karibische Historie und Kultur - allerdings zu unglaublichen Preisen - führte. Nach einem Nachmittag am Strand stand abends die Silvesterfeier auf dem Programm. Besonders schön war das Betrachten des Feuerwerkes am Strand, welches sich im Meer spiegelte.

Leider neigte sich unser Urlaub schon wieder dem Ende zu und am nächsten Tag ging es zum Flughafen nach Hewanorra. Leider hatten wir für den Rückflug keinen Non-stop Flug, sondern mußten einen Umweg über die zu Venezuela gehörende Insel Isla Margarita in Kauf nehmen. Dieser Zwischenstop war schrecklich. Wir wurden in einen Terminal gesperrt, in dem es keine Nichtraucherzone gab! Nach nur kurzer Zeit hatte ich enorme Kopfschmerzen. Schrecklich anzusehen waren auch die Deutschen Zusteigetouristen, die sich - zum letzten Mal vor dem Heimflug - mit billigem Rum vollaufen ließen. Durch Zufall, da ich etwas Spanisch spreche, kam ich mit dem Chef der Flughafensicherheit ins Gespräch, der in Uniform im Terminal pratrollierte. Er fragte mich ganz unverblümt, warum sie so viele holländische Drogenschmuggler auf dem Flughafen aus dem Verkehr zögen und so wenige Deutsche. Nach diesem Gespräch und dem Anblick der angetrunkenen Touristen stand für uns fest: bloß nicht auf Isla Margarita Urlaub machen!

Das Fazit unserer Reise: St. Lucia ist sicher eine Reise wert und eine gute Alternative zu anderen überlaufenen Zielen in der Karibik. Die politisch selbständige Insel bietet eine attraktive Mischung aus französischer, englischer und afrikanischer Kultur, die Einheimischen sind sehr freundlich und hilfsbereit, Kriminalität und Prostitution ist nicht offensichtlich erkennbar. Die Insel ist landschaftlich sehr schön, man bemüht sich, für den Tourismus attraktive Punkte auszubauen. Im Winter ist das Klima für Europäer sehr angenehm warm und nicht schwül, das Wasser augenscheinlich sauber. Einige negative Punkte sind anzumerken: das Preisniveau auf der Insel ist sehr hoch, dies betrifft vor allem auch Eintrittsgelder. Will man die Insel wirklich kennenlernen, braucht man einen Mietwagen. Bis auf die Küstenstraße handelt es sich bei den Straßen allerdings fast nur um Schotterpisten, am besten mietet man folglich einen Allradwagen. Es herrscht Linksverkehr, im Landesinneren gibt es keine Beschilderung, eine gute Orientierungsgabe ist absolute Voraussetzung!


Literaturempfehlungen:


- Pinck, Axel: Barbados - St. Lucia - St. Vincent - Grenada. Köln, 2. akt. Aufl 2001 (= Du Mont Reisetaschenbuch)