Nachdem wir nun schon den Westen der Insel ausgiebig erkundet hatten, wollten wir nun auch die Stelle sehen, die Mallorca zu ganz zweifelhaftem Ruhm geführt hat: den Ballermann. Also machten wir uns auf nach s'Arenal, westlich von Palma. Der Ort selbst machte keinen ungepflegten Eindruck, es gab viele Geschäfte und Restaurants, die sich voll und ganz auf den touristischen Geschmack eingestellt hatten. Total überrascht war ich dann allerdings, als wir den Strand erreichten. Er war viel viel länger (5 km!), als ich das je gedacht hatte! Nicht umsonst ist er in 15 Strandbäder - "Balnearios" - unterteilt. Balneario 6, zu Ballermann 6 verballhornt, war das Zentrum der berüchtigten Ballermänner: besoffene Kegelclubmitglieder und ähnliche Konsorten, die meinten, sich produzieren zu müssen. Als wir dort waren, war allerdings schon das Saufen von Sangria aus Eimern verboten worden. In der Schinken- und Bierstraße tanzten zwar schon die ersten Touris mittags auf den Tischen, aber ansonsten konnte man sich nur wundern, warum ein so winziger Bereich der Insel das ganze Image Mallorcas ruinieren konnte!

Nunmehr wollten wir den Südosten der Insel erkunden und stellten fest, daß er sich elementar von der schroffen Westküste unterschied. Diese Zentralebene ist hauptsächlich agrarisch genutzt und beheimatet u.a. große Weinanbaugebiete. Wir machten uns entlang der landschaftlich schönen Küstenstraße auf nach Cala Pi, einer der schönsten Buchten an der Südküste. Diese Bucht schneidet sich wie ein Fjord in die Küste und das Wasser strahlt azurblau! Phantastisch auch der Blick vom 1659 erbauten Wachturm über die Steilküste hinweg. Ganz in der Nähe von Cala Pi findet sich auch die am besten erhaltene Talaiot-Siedlung aus der Bronzezeit. Talaiots waren von den Ureinwohnern Mallorcas errichtete Türme aus Steinquadern, die ohne Mörtel erstellt wurden.

Über eine Straße durch den trockenen Süden erreichten wir dann eine weitere Attraktion Mallorcas, Cala Figuera an der Südwestküste. Die Bucht von ist ähnlich fjordartig wie von Cala Pi, insgesamt aber größer, wie auch der gesamte Ort. Trotz touristischer Einrichtungen macht alles einen verschlafenen, romantischen Eindruck und ist sehr sehenswert.

Einen ganz anderen Charakter hat der weiter nödlich gelegene Ort Portocolom. Die Einwohner hier sind felsenfest davon überzeugt, daß Christoph Kolumbus nicht aus Genua, sondern aus ihrem Städtchen stammt und so haben sie ihren Hafen nach dem Entdecker benannt. Der Hafen besteht aus einer natürlichen Bucht, die sich an einer schmalen Stelle hin zum Meer öffnet. Er ist an einigen Stellen so ruhig wie ein Binnensee und beherbergt gleichermaßen Fischerboote als auch Yachten.

An einem Tag stand die Erkundung der äußersten nördlichen Spitze Mallorcas auf dem Programm. Über die Autobahn ging es bis Inca, von dort weiter über die Hauptstraße nach Pollença und von dort zur Halbinsel Formentor. Gut 20 km mäandriert die Straße durch die Halbinsel bis zum spektakulärem Kap. Ein erstes Highlight ist aber bereits schnell erreicht: der Mirador es Colomer. Auf mehreren Ausichtsplattformen kann man über das Meer aber auch auf die 200 m tiefer liegende Steilküste schauen. Hier eröffnen sich unvergleichliche Ausblicke und man sollte unbedingt versuchen, einen Parkplatz für den Wagen zu ergattern, um sich diese Attraktion nicht entgehen zu lassen.

Nach viel Kurverei ist dann endlich auch der 1862 erbaute Leuchturm am Cap de Formentor erreicht. Bei klarem Wetter kann man von hier bis Menorca blicken!

Auf dem Rückweg vom Cap legten wir noch einen Stop in der alten Römerstadt Alcúdia ein. Die Mauren errichteten ihre "Stadt auf dem Hügel" (Al-Kudia = der Hügel) praktischerweise neben der Rümersiedlung und die hervorragend restaurierten Stadtmauern zählen heute zu den Wahrzeichen der Stadt. Ausgesprochen sehenswert ist auch die Altstadt mit Stadtkirche, Casa Consistorial, dem Rathaus, sowie zahlreichen Geschäften und Cafés. Leider blieb uns keine Zeit mehr, die römischen Ausgrabungen in Pollentia zu besichtigen, sondern wir mußten wieder die lange Strecke nach Palma zurückfahren.

Mit dem Wetter hatten wir während unseres Aufenthaltes ungeheures Glück. Zu Anfang gab es einige kühlere Tage, dann wurde es allerdings sehr warm.
Leider muß ich einige kritische Bemerkungen zu unserem ansonsten sehr schönen Hotel machen. Wie überall in Mallorca hatte es keinen Privatstrand, obwohl es direkt am Strand lag. Bedingt durch die Lage am Hang reichten die Liegeflächen des Hotels aber nicht aus. Weiterhin gab es nicht genügend Sonnenschirme. Im Schatten war es allerdings (Ende Mai!) zu kühl, in der direkten Sonne verbrannte man. So gab es immer einen Kampf um die Schirme. Unverständlicherweise stellte das Hotel auf dem öffentlichen Strand (wie z.B. in Thailand überall üblich) für Hotelgäste keine Liegestühle zur Verfügung. Statt dessen verdiente sich ein "Liegestuhlvermieter" eine goldene Nase. Da der Strand vor dem Hotel zudem noch recht klein war, war er natürlich recht schnell mit Einheimischen und Hotelgästen der angrenzenden Hotels überfüllt. Wenn es zur Vorsaison schon so beengt war, wie sollte es hier denn bloß erst zur Hauptsaison sein?
Für uns sehr ungewöhnlich und nicht sehr schön ist die Angwohnheit der Mallorquiner, erst abends zu sehr später Uhrzeit zu essen. Restaurants öffneten häufig erst gegen 20.30 Uhr und dann waren wir noch die einzigen Gäste. Die Einheimischen flogen oft erst gegen 22 Uhr ein, um dann in großen Gruppen üppig zu speisen. Da wir im Urlaub immer nur frühstücken und dann zu Abend essen, war diese Zeitspanne für uns einfach zu lang.

An einem Tag konnten wir dann auch noch "Promi-schauen". Hatten wir uns tagsüber das Luxushotel Son Vida im Hinterland angesehen, kehrten wir abends in das Schwesterlokal vom Abaco, dem ebenfalls außerhalb gelegenen Abacanto ein. Diese alte Villa verfügte über eine romantische Dachterrasse, auf die wir uns bei spärlicher Beleuchtung setzten. Auf einmal hörte ich deutsche Männerstimmen und es setzten sich einige Leute ebenfalls auf die Terrasse, die ich nur aus der Zeitung kannte: Fußballtrainer Rudi Assauer und Kumpels. Im Son Vida hatte man uns erzählt, einige deutsche Manschaften seien zum Training auf der Insel, tscha, und nun tauchten die Trainer hier auf...

Ein ärgerliches Erlebnis hatten wir eines Tages in der Tiefgarage von Palma, in der wir immer unseren Wagen parkten. Wir kamen von einer Besichtigungstour zurück und mußten leider feststellen, daß uns jemand den Mietwagen von hinten bis vorne beim Ausparken demoliert hatte. Der Lack war jedenfalls auf der ganzen Wagenlänge bis auf das Blech ruiniert. Was also tun? Nach einigen Erkundigungen gab uns ein ach so allwissender Deutscher den tollen Rat, doch zur Polizeistation nach s'Arenal zu fahren. Ersten "könnten die Polizisten dort immer deutsch" und zweitens müßten wir bei der Leihwagenfirma keine Eigenbeteiligung zahlen, wenn wir vorweisen könnten, Anzeige erstattet zu haben.

Gesagt, getan. Wir also los nach Arenal, wo es erst mal dauerte, bis wir die Polizeistation gefunden hatten, die nun auch noch direkt am Strand zwischen den 2-Sterne-Billighotels lag. Die Station bestand eigentlich nur aus einem Raum, in dem ein Beamter Dienst schob. Auf meine Frage, ob der Deutsch könne, erfolgte nur unfreundliches Kopfschütteln. Englisch, Französisch? Fehlanzeige! Das konnte ja spaßig werden mit meinem tollen Touristen-Spanisch. Die Begeisterung des Beamten hielt sich schwer in Grenzen, als ich mich bemühte ihm klarzumachen, was passiert sei. Er hatte wohl gehofft, mich durch "Nichtsprachkenntnisse" zügig wieder loszuwerden. Genauso machte er es mit einer deutschen Frau, die einfach in unser Gespräch platzte und wegen irgendeiner Geschichte auf ihn einredete. Er zuckte mit den Schultern und sie verließ entnervt das Büro. Ich hingegen hatte mir vorher extra noch einige Vokabeln (Lack beschädigt!) zurechtgelegt und wie ich nachher an seinem schriftlich verfaßten Bericht las, hatte er sehr genau verstanden, um was es ging.
Letztlich konnte ich ja verstehen, daß er sprachlich auf Stur schaltete. Bei der Klientel in Arenal ist das wahrscheinlich die beste Methode, sich bestimmte Leute vom Leib zu halten. Auf der anderen Seite, wenn wirklich mal ein Notfall passiert und erst ein Dolmetscher rangeholt werden müßte? Wir jedenfalls hatten unsere Anzeige schriftlich und der Mietwagenverleiher ließ uns ungeschoren.
Zur Belohnung, daß wir dieses Erlebnis durchgestanden hatten, gönnten wir uns eine Kutschfahrt an der schönen Strandpromenade von Arenal entlang.

Fazit dieses Mallorcaurlaubes: Ich nehme alle Vorteile, die ich bis zu dieser Reise hatte, mit Bedauern zurück! Mallorca ist eine wunderschöne Insel mit phantastischer Natur, zahlreichen Sehenswürdigkeiten, hervorragenden Hotels und einer exzellenten Gastronomie. Vorausgesetzt, man verfügt über einen Mietwagen, ist es nicht schwierig, dem Massentourismus zu entgehen. Es ist eine Schande, daß der Ruf der Insel von einigen wenigen Spinnern teilweise ruiniert wurde. Wir hatten mit Ende Mai / Anfang Juni eine ausgezeichnete Reisezeit gewählt. Die Temperaturen waren noch nicht unerträglich und der Touristenandrang auch bei Top-Sehenswürdigkeiten hielt sich in Grenzen. Eine Anmerkung noch zum Autoverkehr auf der Insel: das ist nichts für Anfänger! Es wird wüst gefahren, die Verkehrsdichte ist enorm und um Straßen wie nach Calobra zu bewältigen, bedarf es einiger Routine.


Literaturempfehlung:

- Seeler-Herzog, Brunhild: Mallorca. Köln 2000