Wir fuhren weiter nach Norden durch die engen Green Lanes, gerade so breit wie ein Auto, auf denen alle anderen Benutzter Vorrang vor Fahrzeugen haben, vorbei an kleinen Bauernhöfen, durch Täler und über Hügel. Schließlich erreichten wir den nördlichsten Punkt der Insel, Ronez Point mit bester Sicht über den Golf von Saint Malo bis hin zu den mit bloßem Auge sichtbaren, goldgelben Sandstränden von Frankreich. Als wie strategisch unwichtig dieser Punkt im Zweiten Weltkrieg erachtet wurde (da nach Frankreich gewandt), ist an einen sehr kleinen Beobachtungsposten aus Beton an dem Aussichtspunkt zu sehen. Die Weiterfahrt entlang der Küste nach Osten lohnt sich, denn es folgen noch einige andere Aussichtspunkte über das Wasser.

Lohnenswert ist der Stop im kleinen Hafen von Bonne Nuit Bay, in dem einige kleine Fischerbötchen im Wasser schaukeln und ein Café zum Essen einlädt. Ein Hinweisschild erläutert, daß der Ort früher ein Schmugglernest war. Bei der Nähe zu Frankreich wenig verwunderlich!

Beim Rückweg zum Hotel stoppten wir an der langen Strandmauer, die zwischen St. Helier und St. Aubin den Strand von der Straße trennt. Auch diese wurde von der Organisation Todt erbaut aus Angst vor der Anlandung feindlicher Truppen. In regelmäßigen Abständen finden sich in der Mauer, teilweise aufgesetzt auf historischen Befestigungen aus den napoleonischen Kriegen, ebenfalls deutsche Bunkeranlagen.

Auf Jersey gibt es an zahlreichen Orten Dolmen oder Menhire. La Hougue Bie nordöstlich von St. Helier ist die bedeutendste Megalithanlage der Insel, deren Bau ca. 3500 v. Chr. begonnen wurde. Etwa 1000 Jahre später wurde über dem aus 70 Steinen bestehenden Ganggrab ein 12 Meter hoher Hügel aufgeschüttet. Man betritt das Grab unter einem riesigen, sehr niedrig abgestützten Felsstein und auch der sich anschließende Gang ist nur in gebückter Haltung zu durchqueren. Der Gang führt in eine Haupt- und einige Nebenkammern, in denen man stehen kann. Gang und Eingang sind exakt so nach Osten ausgerichtet, daß zwei Mal jährlich zur Sonnenwende die Sonne bis in den hintersten Teil der Anlage scheint.
Im 12. und 16. Jahrhundert wurden auf dem Hügel zwei christliche Kapellen errichtet und vom Hügel aus kann man bis zur französischen Küste blicken.

Im Eingangsgebäude zur Anlage kann man sich einen kurzen Film zur Geschichte des Ortes anschauen. Direkt daneben befindet sich ein kleines Museum zur Vor- und Frühgeschichte der Insel mit zahlreichen Ausstellungsgegenständen. Höhepunkt der Ausstellung ist der sogenannte Hortfund von Grouville. Der erst vor wenigen Jahren gefundene Schatz bestand aus etwa 70.000 mit Ton zu einem Klumpen verbackenen keltischen und römischen Münzen, zwei goldenen Halsringen und einer silbernen Fibel aus der jüngeren Eisenzeit (etwa 50 v. Chr.). Der gesamte Fund wog etwa 750 kg und im Museum kann man Restoratoren dabei zuschauen, wie sie Münzen restaurieren. Der Fund datiert höchstwahrscheinlich aus der Zeit des gallischen Krieges um 55 v. Chr., als die Kelten durch die vordringenden Legionen unter Cäsar in Nordfrankreich in starke Bedrängnis gerieten, nach Jersey übersetzten und ihre Schätze dort vergruben. Vermutlich für immer ungeklärt wird der Grund bleiben, warum der Schatz nie mehr abgeholt wurde.

Passend hat man neben dem Grabhügel ein steinzeitliches Haus nachgebaut, in dem Jersey Heritage Volunteers alte Handwerkstechniken erläutern.
In nur wenigen Schritten wird man in einen Zeitabschnitt 2000 Jahre später gebeamt: unmittelbar neben dem Grabhügel befindet sich - ja, schon wieder - ein deutscher unterirdischer Bunker. In diesem gibt es eine eindrucksvolle Ausstellung zur Geschichte der Zwangsarbeit auf den Kanalinseln. Dies ist insofern mehr als aufschlußreich, da es bei den zahlreichen Befestigungsanlagen offensichtlich ist, daß sie nicht alleine durch deutsche Arbeiter and angeheuerte Insulaner erstellt werden konnten, sondern eben auch zu einem erheblichen Teil durch Zwangsarbeiter aus Spanien (Republikaner), Polen, Rußland usw.

Von La Hougue Bie ist es keine sehr lange Fahrt zum pittoresken Ort Gorey direkt an der Ostküste. Bei unserer Ankunft bei strahlendem Sonnenschein saßen zahlreiche Menschen vor den Pubs und Restaurants in der Sonne und im Hafen dümpelten einige Fischerboote. Unübersehbar über dem Ort prangt die Burg Mont Orgueil, die älteste Burganlage der Insel aus dem 13. Jahrhundert, welche über Jahrhunderte Sitz des Gouverneurs der Insel war.

Einen sehr schönen Blick über die Nordküste hat man von der Felsspitze White Rock. Ein schmaler, kaum befestigter Weg, gerade breit genug für ein Fahrzeug, schlängelt sich bis zu einem Parkplatz. Dieser endet unmittelbar an der hoch über dem Meer gelegenen Felsspitze, dessen absolut strategische Lage auch schon die Menschen des Eisenzeitalters erkannten, denn hier befand sich Le Câtel de Rozel. Hierbei handelte es sich um das größte eisenzeitliche Fort der Insel, auf dessen Areal diverse bedeutende Münz-Hortfunde getätigt wurden. Diese stammen auch aus der Zeit des Gallischen Krieges (60-50 v. Chr.).
Das Fort war zur Landseite durch einen ca. 6 Meter hohen Wall gesichert, von dem noch etwa 200 Meter erhalten sind. Der ehemalige Innenbereich des Forts wird heute landwirtschaftlich genutzt und ist nicht zu betreten. Einen Teil des Walles sieht man, wenn man auf dem Weg zum Parkpaltz anfangs nach links schaut. Ansonsten kann man den Fußweg vom Parkplatz nach links um das Feld nehmen, zur rechten Seite die schönen Blicke über die Felsküste genießen und erreicht dann das Nordende des Walls.

Anschließend bietet sich ein Besuch des kleinen Fischerhafens Rozel an, in dem sich die Häuser eng aneinander schmiegen. Empfehlenswert ist auch ein Gang auf die Hafenmauer. Wegen des sehr regnerischen Wetters zur Zeit unseres Besuches fuhren wir weiter nach Süden zu St. Catherine's Breakwater, wo eine lange Befestigungsmauer ins Meer ragt, die als Schutz vor französischen Truppen im 19. Jahrhundert dienen sollte. Heute ist sie Ausflugsziel. Von der Mauer aus kann man auch einige Wehrtürme aus napoleonischer Zeit entlang der Küste sehen und in den Fels direkt an der Mauer bauten die Nazis einen modernen Bunker - in dem sich heute eine Fischzucht befindet. Werbeslogan: "Die einzige Fischzucht der Welt in einem deutschen Bunker!" Einfallsreich muß mal eben sein.

An einem Sonntag nutzten wir den "Tag des offenen Gartens" zum Besuch der Domaine des Vaux in St. Lawrence, einem ehemaligen Farmhaus, welches vor Jahrzehnten zu einem Herrenhaus mit stattlichen Gartenanlagen umgebaut wurde. Jetzt im Juni waren fast alle Pflanzen in voller Blüte und eine Pracht anzuschauen. Direkt am Haus waren Sitzgelegenheit aufgebaut und es wurde cream tea mit scones serviert.
Nicht nur die Besichtigung der gesamten Anlage stellte eine reine Freude dar, sondern auch die Beobachtung der Besucher, die fast klischeehaft ausstaffiert ihren Tee tranken oder sich als wahre Garten-Aficionados herausstellten. Wer ur-englische Mentalität verstehen möchte, sollte unbedingt eine solche Veranstaltung besuchen!

Nicht sehr weit von der Domäne entfernt liegt das Hamptonne Country Life Museum von Jersey Heritage, ein Freilichtmuseum, in dem die Geschichte des ländlichen Lebens auf der Insel dargestellt wird. Sehr sehenswert sind auch die Gebäude des Museums, die teilweise bis auf das 15. Jahrhundert zurückreichen.

Ein touristischer Hotspot der Insel ist auch das Fischerdörfchen St. Aubin mit wunderschönem Hafen. Der Ort liegt genau am anderen Ende der großen Buch St. Aubin's Bay und vis-à-vis von St. Helier. Wie dort die Festung Elisabeth Castle die Einfahrt zur Buch bewacht, so bewacht St. Aubin's Fort die gegenüberliegende Seite. Beide Befestigungsanlagen sind bei Ebbe fußläufig zu erreichen, bei Flut aber meeresumspült. Im Hafen reiht sich ein kleines Restaurant an das andere, einige Geschäfte und ein Supermarkt ergänzen das Angebot.
Sozusagen in der zweiten Reihe, am Beginn des Fahrradweges auf der stillgelegten Eisenbahntrasse, befindet sich der Eingang zur einzigen auf der Insel komplett fertiggestellten Hohlganganlage (Nr. 5). Diese ist riesig und unterhöhlt den halben Berg hinter dem Hafen.

Unbedingt besuchen sollte man auch Samarès Manor, ein Herrenhaus, dessen Anfänge auf das 11. Jahrhundert zurückdatieren. Berühmtheit erlangte die Anlage durch die sie umgebenden Gärten, genauer gesagt Parkanlagen. Bei strahlendem Sonnenschein präsentierten sie sich zur Zeit unseres Besuches in voller Blütenpracht und vermittelten (erneut) den Eindruck der fast mediterranen Vegetation der Insel.

Wir verbanden den Besuch der Parkanlagen mit einer Fahrt an die Südküste. Von Le Hocq verläuft die Küstenstraße mehr oder weniger unmittelbar am Wasser und es gibt gute Möglichkeiten anzuhalten. Dies vor allem an den alten Wehrtürmen aus napoleonischer Zeit wie Le Hocq oder La Rocque. Gerade bei La Rocque sollte man einen Stop anlegen, denn von hier aus hat man einen Blick (bei Ebbe!) auf Europas größtes Felsenwatt. Vom langen Pier bietet sich der Blick auf eine Mondlandschaft und die beiden vorgelagerten Türme Seymore und Icho. Mit bloßem Auge kann man von hier aus (an der Spitze des Piers war auch eine kleine deutsche Flakstellung) die französische Küste mit Sandstränden und zahlreichen Windkraftanlagen erkennen.

Unsere Rückreise war recht unerfreulich. Das Einchecken am Flughaften war das miserabelste, welches ich jemals erlebt habe. Zwei völlig überforderte Eurowingsmitarbeiter brauchten Stunden (!) zur Abfertigung der Flugreisenden, so daß die ohnehin schon spät abliegende Maschine noch später startete. Absolut unverständlich war auch, warum es keinen separaten Check-in für Personen gab, die schon über Boardingpässe verfügten.

Zusammenfassung: Jersey ist ein interessantes Reiseziel. Es ist nur eine kurze Flugreise von Deutschland entfernt (was allerdings auch dazu führt, daß selbst in der Vorsaison zahlreiche Deutsche auf der Insel urlauben). Die Insel ist von den Ausmaßen sehr überschaubar und bei einem zweiwöchigen Aufenthalt hat man reichlich Zeit, die Sehenswürdigkeiten zu erkunden. Die Eintrittspreise sind nicht gerade günstig und addieren sich auf. Sie erklären sich anscheinend durch die fehlende staatliche Unterstützung. Autofahren auf Jersey sollte man nur, wenn man das Fahren an sich und auch das Linksfahren einwandfrei beherrscht. Auch wenn die Einheimischen sehr defensiv fahren, ist die Benutzung der extrem schmalen Sträßchen ohne Bankette oder Ausweichmöglichkeit eine Herausforderung. Rund um St. Helier bricht zur Rushhour regelmäßig der Verkehr zusammen und man sollte entsprechend Zeit einplanen.
Einplanen sollte man auch das extrem wechselhafte Wetter, das sich während unseres Besuches täglich und gerne auch mehrmals täglich änderte. Die Temperaturen pendelten ständig zwischen 13 und 21 Grad und es war angeraten, "Zwiebellook" zu tragen, um dem Rechnung zu tragen. Wir erkälteten uns bei diesen Wetterverhältnissen beide heftig in der zweiten Urlaubswoche und somit fiel auch ein geplanter Ausflug auf die Nachbarinsel Guernsey aus.
Die Sicherheitslage auf der Insel scheint außerordentlich entspannt zu sein und auffällig war das völlige Fehlen von Obdachlosen oder Bettlern im Straßenbild. Ebenfalls auffällig ist das Fehlen von Einrichtungen zur Gewinnung alternativer Energien wie Windräder oder Solaranlagen.
Zur Zeit unseres Besuches Anfang /Mitte Juni war die Anzahl der Touristen auf der Insel noch überschaubar. Augenscheinlich ändert sich dieses im Juli und August und die Insel samt Infrastruktur platzt aus allen Nähten.


Literaturempfehlungen:


- Janina und Markus Meier: Kanalinsel Jersey mit Ausflug nach Guernsey. Bielefeld 2018 (= Reise Know How)