Historische Daten Lengerichs

Ausgewählt wurde die Zeitspanne, in der Hermann Heinrich Brünemeyer seine Heimatstadt für immer verließ und nach Holland auswanderte, wo er 1819 heiratete. Ebenfalls wurden primär die Ereignisse ausgewählt, die möglicherweise Gründe für die Auswanderung darstellten (man beachte die wirtschaftliche Situation und die Militärrekrutierungen).

1801 Im März wurde ein preußisches Regiment in Lengerich einquartiert. Im nächsten Monat folgte eine andere Truppe. Lengerich wurde in dieser, als Sequenz der französischen Revolution, sehr kriegerischen Zeit ein Durchgangsort zahlreicher Truppenteile. Schließlich richtete man ein preußisches Militärmagazin ein.
1804 Nachdem Napoleon sich zum Kaiser Frankreichs krönen ließ und seine Eroberungspläne offensichtlich wurden, schaffte man in Preußen die freie Werbung von Soldaten ab. Das ganze Land wurde in Kantone eingeteilt, in denen die für den Heeresdienst in Frage kommenden Personen in Listen geführt wurden.
1805 Am 16. Oktober fand die erste Aushebung von Soldaten für den Heeresdienst nach den Kantonslisten im Haus des Gastwirtes German Benard (Stadt Nr.: 79; Bahnhofstraße 13) statt. Durch "ungehorsame Widersetzlichkeiten" geriet aber die Musterung ins Stocken. Erst nach einer Woche konnte man die ersten Rekruten nach Münster transportieren. Das ging noch unter Bewachung vor sich, weil die angehenden Soldaten mit diesem Zwang ganz und gar nicht einverstanden waren und bei erster Gelegenheit wegzulaufen versuchten.
1805 1805 traf der französische Obrist Masset mit 2 Bataillonen Infanterie und vielen Kranken von Hameln kommend in Lengerich ein. Die Truppe mußte auf Befehl der Kriegs- und Domänenkammer zu Münster auf öffentliche Kosten auf das Beste bewirtet werden. Am nächsten Tag ging deren Marsch weiter. Die Kranken jedoch sollten einige Tage hier bleiben. Man konnte das aber dadurch vermeiden, daß der Bataillonsarzt mit reichlich Lebensmitteln und Wein für die Kranken versehen wurde.
1806 1806 kam es zum Krieg zwischen Preußen und Frankreich.
1806 Im November traf der französische General Grandin mit 60 Husaren in Lengerich ein. Er hatte den Auftrag, von der Stadt Besitz zu nehmen. Bei Anbruch des nächsten Tages ging er weiter auf Osnabrück vor, kehrte jedoch abends wieder zurück. Am anderen Morgen zog er dann in Richtung Münster ab.
Kurze Zeit später trafen an zwei aufeinander folgenden Tagen jeweils 2000 Mann französischer Infanterie hier ein. "Das Volk hauste schrecklich, nichts, was ihnen gereicht wurde, war ihnen gut genug und ist wahrlich ein großes Wunder, daß bei der Ruchlosigkeit, die die Soldaten mit Licht und Feuer begingen, gerade bei dem damaligen starken Nordwinde der Ort nicht in Feuer aufging." Die starke Einquartierung führte dazu, daß nicht genug Lebensmittel für die Franzosen beschafft werden konnten, denn diese verpflegten sich, wie es damals allgemein üblich war, aus dem Lande. Die umliegenden Ortschaften mußten Lengerich helfen.
1806 Im Dezember ordnete die französische Besatzung eine allgemeine Entwaffnung in den vom ihm besetzten Gebieten an. Mit Todesstrafe wurde derjenige bedroht, der noch Waffen im Hause zurückhielt In Lengerich wurde als Entwaffnungskommissar ein Johann Friedrich Beccard (seit 11.10.1802 wohnhaft Stadt Nr.: 128, Münsterstraße 26) beauftragt, alle Waffen nach Münster zu transportieren.
1807 Nach der vernichtenden Niederlage Preußens wurde Lengerich dem Emsdepartement des Großherzogtums Berg zugeteilt.
1808 In einem Buch 'Wallfahrt durchs Leben" (erschienen 1862) erzählt ein Berghaus von einer Fahrt, die er mit seinem Vater 1808 durch das Tecklenburger Land machte. Darin nennt er das Gut Vortlage eine Oase in der Erikaheide. Niederlengerich muß zu der Zeit schwach besiedelt gewesen sein. Die Straßen Lengerichs fand er überaus schmutzig. Es lagen nicht nur Düngerhaufen der Ackerbürger an den Straßen, sondern die Bürger warfen auch allen Abfall, selbst die nicht verwerteten Innereien der Schlachttiere einfach dort hin.
1810 1810 wurde unsere Stadt dem Königreich Westfalen unter dem König Jerôme, einem Bruder Napoleons, der auch "Könik Lustik" genannt wurde, innerhalb des Kaiserreiches angegliedert Damit wurden auch die französischen Gesetze hier geltend. Die Hauptstadt des Königreichs war Kassel. Aus den örtlichen "Bürgermeistern" wurde der "Maire".
1810 Die seit 1747 Jahren hier bestehende Rietbrock'sche Tabaksfabrik wurde als Folge des Staatsmonopols von den Franzosen völlig aufgelöst, sie mußte ihren Warenvorrat und sämtliche Geräte abgeben. Den Wert, der ihr dafür erstattet wurde, entsprach nicht dem tatsächlichen, sondern wurde "nach Willkür der Franzosen" festgesetzt.
1812 Wenn es auch an dauernden Requisitionen nicht fehlte, so mußten in diesem Jahr eine ganz außerordentliche Menge Getreide, lebendes Vieh und "sonstige Victualien" nach Wittenberge geliefert werden, die diente der Vorbereitung des Zuges nach Rußland.
1812 Die in diesem Jahr auf Anordnung der Franzosen neu angelegte große Heerstraße von Hamburg nach Wesel (B-51) "hat den hiesigen Landmann und besonders seine Pferde, weil sie täglich Steinfuhren nach Ostbevern zu leisten hatten, heruntergebracht."
1812 1812 richteten die Franzosen in Lengerich eine Garnison ein, die ihren Quartiersort allerdings dauernd wechselte. Sie wurde stets in die Orte geschickt, die keine Rekruten für des Kaisers Armee stellten.
1812 1812 zog Napoleon nach Rußland. An diesem Zug nahmen auch viele Lengericher teil. Belegt sind drei Namen von Gefallenen, nach mündlicher Überlieferung waren es jedoch bedeutend mehr.
1813 1813 beginnen die "Freiheitskriege". Nach der im Oktober ausgefochtenen Völkerschlacht bei Leipzig, verlud im November die örtliche Garnison ihre Ausrüstung und zog ab. Damit war die französische Besetzung beendet Im Dezember ließen sich dann die ersten durch das Land streifenden, verbündeten Kosaken sehen.
1813 Bei der "Reocupation" (Wiederbesetzung durch Preußen) betrug die Einwohnerzahl der hiesigen Stadt- und Landgemeinde zusammen 7637 Personen.
1813 Als Folge der ausgestanden Drangsalierungen durch die Franzosen war die Stimmung in der Bevölkerung in eine ''Vaterlandsgesinnung'' umgeschlagen, man konnte in Deutschland erstmalig von einem "Nationalgefühl" sprechen. Die allgemeine Wehrpflicht wurde eingeführt und es hieß: "Der (preußische) König rief und alle, alle kamen!" Die, die nicht in vorderster Front mitkämpfen konnten, steiften sich der Landwehr oder dem Landsturm zur Verfügung. Im Tecklenburger Land wurde eine Landwehrkommission eingerichtet, zu denen die Lengericher Bürger Kriege und Banning gehörten. Zum Sitz der Kreiskommandantur wurde Lengerich gewählt. Die Stadt wurde Standort des "1. Ostfriesischen-Landwehrinfanterieregiments", überflügelte damit die Bedeutung der einstigen gräflichen Residenz Tecklenburg und gewann große wirtschaftliche Vorteile.
1813 Bereits im Dezember, wurde in der Grafschaft Tecklenburg unter dem Major von Eßebeck ein Landwehrbataillon aus Freiwilligen aufgestellt, das im Februar 1814 zur weiteren Ausbildung nach Münster verlegte.
1813 Der Lengericher Wundarzt Peek (wohnhaft Stadt Nr.: 44; am Rathausplatz brannte dieses Haus in der Kristallnacht ab) widmete sich der Pflege von Verwundeten. Der Pastor Smend (Stadt Nr.: 126; Münsterstraße 19) nahm 2 Verwundete in seinem Hause auf.
1814 Zur Unterstützung des ausgesaugten Landes kam es allenthalben zu Spenden, wie sie ähnlich nachfolgend beschrieben wurden. "An milden Beiträgen hat es hier nicht gefehlt. Ein junges Frauenzimmer gab unter anderem bei einer gewissen Gesellschaft Ringe von ihrem Fingern, Ohrgehänge und sonstige Kleinodien. Die verwittwete Frau Hauptmann von Hainbruch zu Haus Mark ohnweit Lengerich sammelte diese und mehrere andere Opfer und beförderte sie zum besten des Tecklenburger Landwehr Bataillons."
1815 Am 16. Juni fand die Schlacht bei Ligny statt, an der auch Soldaten aus Lengerich teilnahmen. Ein Offizier und ein Soldat fielen.
1815 Als Folge der langen französischen Besetzung und der damit verbundenen wirtschaftlichen Belastung der Bevölkerung, und Kommunen, ebenfalls durch die dann aufzubringenden Kosten der Befreiungskriege, waren die finanziellen Mittel überall äußerst knapp.
1817 Infolge hoher Teuerung herrschte in der Stadt großer Brotmangel, unter dem die ärmeren Leute besonders litten. Es etablierte sich ein Unterstützungsverein zur Beschaffung von Lebensmitteln. Im Monat Juni kamen durch freiwillige Spenden 146 Reichsthaler, 9 Groschen und 6 Pfennig zusammen, wofür 5 Malter Roggen und 50 Scheffel Pferdebohnen gekauft wurden. Davon wurden 400 Personen beköstigt, 280 unentgeltlich, die übrigen gegen ein geringes Entgelt Im folgenden Monat wurden 70 Reichsthaler gesammelt und davon 178 Personen verpflegt Die Teuerung wurde dadurch behoben, daß der König dann 154 Scheffel Roggen aus den Ostseehäfen hierher bringen ließ.

Quelle: Historische Daten Lengerichs, aus: Heinrich Schlüter: Lengericher Geschichten. Erlebtes und Erzähltes aus einer kleinen Stadt. Teil 3, 1994, S. 1-31 (Auszug)