Die Aktuelle 25.07.2005 Der Engel im Haus der Verzweifelten Die aktuelle besuchte Siegfried & Roy. Und traf die Nonne, die ihr Leben bestimmt. Es gibt nicht viele Menschen mit dieser Aura. Einer Aura, in der man sich sofort aufgehoben fühlt. Und die einen aus den vermeintlich wichtigen Dingen des Lebens mit der Magie ihres Blickes, ihres Lächelns und ihrer Worte entrücken. Hinführt zum wahren Wert des Daseins. Dieser Seelenmensch, der auf eine zauberische Art eine heile Welt ausstrahlt, die schon ausgestorben schien, ist die Schwester des Magiers Siegfried. Die Nonne Dolore. Kein Wunder, daß die beiden Freunde Siegfried und Roy sich in ihrer Verzweiflung, Not und Seelenpein nach diesem Kosmos des Unverstellten, der Ehrlichkeit und der Suche nach Sinn sehnten. Letzte Woche Donnerstag treffe ich diesen Engel in Bad Heilbrunn, vor der Leonardis-Kinik, in der der schwerkranke Magier Roy sechs Wochen lang behandelt wurde. Es ist kurz nach acht Uhr morgens, der Himmel regenverhangen. Auf den Wiesen grasen friedlich Kühe. Schwester Dolore und ich wandern auf einem Feldweg, der in den nahen Wald führt. "Siegfried hat mich in Rumänien angerufen", sagt Schwester Dolore. "Margot, hat er mich angefleht, du musst ein paar Tage zu uns in die Klinik kommen. Wir brauchen dich." Margot ist der Taufname der Franziskanernonne. Nach ihrem Eintritt in den Orden hatte sie den Namen Dolore angenommen. Siegfrieds Schwester lebt seit vielen Jahren in Rumänien, wo sie sich um arme Kinder kümmert. "Natürlich bin ich sofort nach Bad Heilbrunn gefahren", sagt sie. "Ich habe zwei Menschen vorgefunden, die ihre Mitte verloren haben. Ihren Halt." Hilfe brauchten sie beide. Der eine, Roy, der sich verzweifelt an sein altes glanzvolles Leben klammern will, obwohl ihm sein Schicksal längst ein anderes Leben zugewiesen hat. "Roy muß begreifen", sagt Schwester Dolore - was übrigens übersetzt Schmerz heißt -, "dass er für immer ein Pflegefall sein wird." Der andere, Siegfried, der angesichts der Tragödie um seinen Freund körperlich und seelisch krank wurde. "Ich hatte zunächst mehr Angst um Siegfried. Die Sorgen um Roy, sein Kampf um ihn, aber auch seine Hilflosigkeit angesichts des mächtigen Schicksals, haben ihn fast sterbenskrank gemacht. Sein Blutdruck war plötzlich bedrohlich. Sie müssen wissen, unsere Mutter starb mit 53 Jahren an hohem Blutdruck." Dann sagt sie: "Die beiden sind gottlob wieder seelisch stabiler geworden." Wie haben sie das geschafft? "Ich habe beiden gesagt, dass das Schicksal unausweichlich ist. Ich habe vor allem Roy gesagt, er müsse sein Schicksal annehmen, es als Prüfung sehen. Alles Geld der Welt kann Roy nicht wieder gesund machen. Die vielen Millionen haben plötzlich ihren Wert verloren. Dieses Begreifen, auch wenn es noch so schwer ist, müssen sie als Schlüssel zur Demut sehen. Erst dann sind sie beide in der Lage, das neue Leben anzunehmen. Mit dem Schicksal Frieden schließen." Schwester Dolore war mit den beiden in der Kirche, um Gott zu spüren. Gemeinsam haben sie gebetet. Auch Roy, der evangelisch getauft ist. Siegrieds Schwester erlebte in diesen drei Tagen in Bad Heilbrunn, was die Kraft der Nächstenliebe, die Kraft der Hilfsbereitschaft und der Herzenswärme vermag. Siegfried und Roy, die beide schon Jahre voneinander getrennt gelebt hatten, führte Roys Krankheit wieder zueinander. "Roy weiß, dass Siegfried, sein Halt, immer für ihn da ist. Siegfried gibt Roy neue Hoffnung, macht Pläne mit ihm: Wir werden gemeinsam noch viel erreichen. Obwohl im Grunde beide wissen, dass es wenig Hoffnung gibt." Zwei Stunden nach unserem Spaziergang fuhr Schwester Dolore mit ihrem Bruder und dem kranken Roy zum Flughafen München. In einer Privatmaschine flogen die beiden zurück nach Las Vegas. Roy hatte Heimweh. Er wollte nach Hause. Zu seinen Tigern. Schwester Dolore fuhr zurück zu ihren Straßenkindern. In ihrem Herzen nahm sie die Gewissheit mit, dass sie zwei Seelen von einer Last befreit hat. Dass sie ihnen den Schlüssel zu einer Kraft geben konnte, die stärker ist als der Tod. Gottes Kraft!