Nachmittags traf ich mich mit Jegor zu einem Rundgang durch das Viertel zwischen Lubjanka und Boulevardring. Wir diskutierten über den großen Unterschied zwischen den hier zahlreich vorhandenen russischen Jugendstilgebäuden und denen im Westen. Ein bekannter Vertreter diesen Baustils ist Fjodor Ossipowitsch (Franz Albert) Schechtel, ein Architekt deutscher Abstammung. Erstaunlich ist das Dom Perlowa, ein Gebäude im chinesischen Stil, erbaut von einem russischen Teehändler. Die Kirche des Ehrwürdigen Sergius von Radonesch zu Krapiwniki datiert von 1678 und ist umsäumt vom farbig gemusterten Gebäudekomplex des Konstantinopler Patriarchen vom Ende des 19. Jahrhunderts. Weiter ging es über den Sretensky Boulevard, in dessen Parkanlage in der Nähe der Turgensevskaya Metro ein Denkmal des berühmten Ingenieurs Schukow steht. Hier fanden in den letzten Wochen auch die Demonstrationen unzufriedener russischer Bürger statt. Sehenswert sind auch die zahlreichen Gebäude im ehemaligen Hohen Petruskloster, in dem Renovierungsarbeiten in vollem Gange waren. An einem anderen Gebäude in nicht unerheblicher Höhe strich ein kirgisischer "Gast"-arbeiter in abenteuerlicher Manier und quasi ungesichert die Außenfassade. Der deutsche Arbeitsschutz würde bei solchen Aktionen einen Herzinfarkt erleiden.

Über die Metro Puschinskaja fuhren wir nach Süden, denn ich war bei meinen Freunden eingeladen, die am südlichen Stadtrand, gut 40 Metro-Minuten von der Innenstadt entfernt, in einer gigantischen Plattenbausiedlung aus den 1980er Jahren wohnen. Direkt neben der Metro gibt es ein großes Schwimmbad für die Bevölkerung mit 50-m-Bahnen, einen überdachten Markt und ein ultramodernes Einkaufszentrum. Würde in Deutschland und wohl den meisten westlichen Staaten so eine Häusersiedlung als Problemviertel mit (Drogen-) Kriminalität und Vandalismus abgestempelt werden, so fiel mir hier, wie auch in der restlichen Stadt, das völlige Fehlen von Graffiti-Schmierereien und Zerstörungen auf. Die Grünanlagen waren gepflegt und auch abends in Dunkelheit bewegten sich die Menschen ohne Angst durch das Gelände.

Am letzten Tag meines Aufenthaltes sollte ein Besuch eines typischen Marktes auf dem Programm stehen. Im Reiseführer wurden drei besonders schöne beschrieben und ich suchte mir den heraus, der für mich am einfachsten zu erreichen war, nämlich den Dorogomilowskij Rynok in der Nähe der Kiewskaja Metro, nur eine Station von "meiner" entfernt. Als ich aus der Metrostation kam, mußte ich erst mal schlucken, denn ich stand in einer riesigen Baustelle und alle Hinweisschilder waren offenbar den Bauarbeiten zum Opfer gefallen. Wo war ich? Gegenüber dem Bahnhof, der sowohl Metro- als auch Eisenbahn-Bahnhof ist, standen ultramoderne Gebäude mit Geschäften westlichen Zuschnitts, eine Art Einkaufszentrum.

Nach kurzer Orientierung wandte ich mich nach links und war auf dem richtigen Weg. Nach nur wenigen Minuten war der Markt erreicht, der durch eine große Halle dominiert wird. Aber auch außerhalb gab es diverse Stände. Wie schon früher fiel mir auf, daß das Marktgeschehen ganz offensichtlich von ethnischen Gruppen aus den südlichen GUS-Staaten beherrscht wird, auf alle Fälle das Geschäft mit frischem Obst und Gemüse. Hier sieht man Usbeken, Aserbaidschaner, Georgier usw. Die Produktpalette läßt wirklich keinen Wunsch offen und die Größe und Qualität der Früchte zeugt vom milden Klima in den Ländern. Ich kaufte ein Paket Tschurtschchela aus Georgien, eine leckere Süßigkeit, die ich bei meinen Freunden kennengelernt hatte. Es handelt sich um auf Schnüre gezogene geröstete Nüsse, die dann durch angedickten Fruchtsaft gezogen und anschließend getrocknet werden. Eine Köstlichkeit ohne zugesetzten Zucker!

Vom Bauernmarkt waren es nur zwei Metrohaltestellen bis zur Gedenkstätte Park Pobedy, dem Siegespark. Gemeint ist vor allen Dingen der sowjetische Sieg im "Großen Vaterländischen Krieg", wie der Zweite Weltkrieg in Rußland genannt wird. Schon beim Ausgang aus der Metro bekommt man einen Vorgeschmack auf das Kommende: den Kutusow Prospekt überspannt ein großer Triumphboden à la Arc de Triomphe. Dreht man sich um, sieht man den Aufgang zur Gedenkstätte. Unübersehbar ist der 141 m hohe Obelisk, der am Ende der fast 1 Kilometer langen, parkartigen Allee und vor der halbkreisförmigen Gedenkstätte steht. Über Geschmack sollte man bekanntlich nicht streiten…..

Geradezu bizarr war die Tatsache, daß offenbar ein Konzert im Park geplant war; direkt vor dem Obelisken war eine Bühne aufgebaut und der Soundcheck im vollen Gange. Daß man sich dafür ausgerechnet Musik von Michael Jackson ausgesucht hatte, war schon, sagen wir mal: merkwürdig. Inmitten der Sowjetnostalgie Musik eines amerikanischen Rockmusikers!

Ich entschloß mich zum Besuch des Museums. In verschiedenen Sälen werden in großen Dioramen die Schlachten des Zweiten Weltkrieges dargestellt, so selbstverständlich auch die Schlachten um Stalingrad und Berlin. Warum man im Jahre 1995, als die Gedenkstätte erbaute wurde, sich dieses doch etwas antiquierten Mittels der Geschichtsvermittlung bediente, erschloß sich mir nicht. Augenscheinlich kann man in verschieden Filmvorführungsräumen auch entsprechende Filme anschauen. Ich betrachtete nur die (Kurz-) Filme in Eingangsbereich der Ausstellung. Gezeigt wurden hier augenscheinlich Filme von Wehrmachtskriegsberichterstattern, die den Vormarsch der Deutschen in der Sowjetunion ab 1941 zeigen, aus der Sicht der Soldaten und ohne Pathos. Ein Stock höher befindet sich der Saal der Heroen, ein runder Raum mit patriotischem Denkmal und einer Auflistung aller Namen der Helden der Sowjetunion. Die davorliegende mit Halle samt Aufgang könnte auch aus den 1970er oder 80er Jahren stammen: ein sozialistischer Architekturtraum in Messing mit riesigen Kandelabern. Weiter unten gibt es einen weiteren Ausstellungsraum, der dem Sturm auf Berlin gewidmet ist mit dem stilisiert nachgebauten Portal der Reichskanzlei und einer zerstörten Wohnung. Gedankenverloren verließ ich das Gebäude und blickte auf die Hochhausskyline von Moskwa City, die trotz des strahlend blauen Himmels in grauen Dunst gehüllt war. Moskau hat ein veritables Smogproblem und ich möchte lieber nicht wissen, wie es hier bei geschlossener Wolkendecke und im Winter aussieht (und riecht).

Nun sollte das Kontrastprogramm folgen, der Besuch des Gulag Museums. Leider lag dieses genau in gegengesetzter Richtung im Norden, also hieß es quer durch die Stadt mit der Metro zur Haltestelle Dostojewskaja fahren. Etwa 10 Fußminuten entfernt in einer ruhigen Nebenstraße befindet sich dieses moderne und didaktisch sehr gut aufgebaute Museum. Dankenswerterweise sind die Hauptbeschriftungen alle auf Englisch übersetzt. Die Räumlichkeiten sind vorwiegend in dunklen Farben gehalten und schon der Eingangsbereich läßt den Atem stocken: hier befinden sich zahlreiche Zellentüren aus den verschiedensten Gulags und man mag sich gar nicht vorstellen, welche Schicksale sich hinter ihnen abgespielt haben. Die Ausstellung vermittelt einen guten Überblick über die Geschichte des Systems Gulag und das Schicksal der Insassen. Da die Mitarbeiter des Museums regelmäßig auch zu alten Lagerstandorten fahren, befinden sich auch diverse Ausstellungsstücke, sprich Fundstücke im Museum. Bedrückend sind die Filminterviews mit Personen, die als Kinder mit ihren Müttern ebenfalls in den Lagern lebten. Ab dem 12. Lebensjahr wurden die Heranwachsenden dann in Erwachsenenlager überstellt und mußten auch Zwangsarbeit leisten. Unter Stalin nahm das System riesige Ausmaße an und wie zum Hohn steht im Ausstellungsraum, der den Kindern der Lager gewidmet ist, eine Skulptur von Stalin mit einem Kleinkind auf dem Arm.

Jedem, der heute in Sowjetnostalgie schwärmt und sich einen der vielfältig verkauften Stalin-Buttons ans Revers heftet, sei der Besuch dieses Museums dringend empfohlen. Sehr empfehlenswert zum Vertiefen in das Thema Gulag ist das Werk der Pulitzerpreisträgerin Anne Applebaum "GULAG".

Fazit: In der einen Woche Aufenthalt habe ich einen kleinen Eindruck von dieser gigantischen Stadt gewonnen. Die Sauberkeit der Stadt ist unvorstellbar, ständig wird gefegt, Wasser gespritzt und gebürstet. Auffällig ist das völlige Fehlen von Graffiti und anderem Vandalismus. Vermutlich ist das darauf zurückzuführen, daß Graffiti in Rußland eben als letzteres klassifiziert und bestraft wird.
Ich persönlich habe die Stadt als - zumindest für Touristen - völlig sicher erlebt. Mit Sicherheit gibt es Kriminalität, diese ist aber für den Besucher nicht sicht- und erlebbar. Im Gegensatz zur Ukraine sind Obdachlose und sinnlos betrunkene Menschen im Stadtbild bis auf ganz wenige Ausnahmen nicht sichtbar. Ebenfalls im Gegensatz zur Ukraine sah ich nur ganz vereinzelt bettelnde Rentnerinnen - ganz klar die Verliererinnen des Untergangs der Sowjetunion.
Die Metro ist das Verkehrsmittel der Wahl, schnell und zuverlässig und mit 38 Rubel (= 53 Cent) für Touristen extrem preiswert. Für Westler preiswert sind auch die Eintrittspreise, die sich meist um die 6- max. 10 Euro bewegten. Die Entfernungen in der Stadt sind riesig. Eine gute Routenplanung für Besichtigungstouren ist dringend empfehlenswert.
Die Stadt macht, bis auf die zahlreichen orthodoxen Kirchen, keinen "östlichen" Eindruck. Es gibt Filialen aller Geschäftsketten dieser Welt, bedauerlicherweise auch von entsprechenden Fastfood-Ketten. Noch scheinen die Russen ihre Ernährung aber nicht umgestellt zu haben, die Menschen sind - bis auf wenige Ausnahmen - auffällig schlank. Ausnahmen sind auch völlig überdreht geschminkte Frauen, wie man sie früher häufig sah. Freizeitkleidung hat sich auch zumeist in Rußlands Hauptstadt durchgesetzt.
Indirekt kann man als "Otto-Normal-Tourist" nur erschließen, daß enorme Mengen Kapital in der Stadt vorhanden sind, z.B. an der großen Anzahl an größten - gerne deutschen - Automarken. Auch die zahlreichen Juweliere und Edelgeschäfte werden ihre Kunden haben.
Häufiger wurde ich nach dem Unterschied zwischen St. Petersburg und Moskau von Einheimischen gefragt und meine diplomatische Antwort war immer: man kann die Städte nicht vergleichen. Ehrlicher wäre gewesen zu sagen, daß St. Petersburg historisch und kulturell attraktiver ist.
Einen kleinen Einblick in die gigantische Größe des Landes Rußland gewinnt man beim Flug nach Moskau, der von Frankfurt aus ca. drei Stunden dauert. Vor diesem Hintergrund sollte man sich noch mal den absoluten Wahnwitz Hitlers mit dem Unternehmen Barbarossa vor Augen halten. Unvorstellbar, daß es die deutschen Truppen bis Chimki (einem Moskauer Vorort) schafften.
Trotz dieser historischen Belastung sind die Russen und Moskowiter augenscheinlich ohne Ressentiments gegen Deutsche. Sie freuten sich über meine Versuche, ihre Sprache zu sprechen oder wenigstens auszusprechen. Russischkenntnisse sind durchaus hilfreich, ist man alleine unterwegs. Zumindest sollte man kyrillisch lesen können. Und beim Lernen sind die sehr zahlreichen Lehnwörter aus dem Deutschen auffällig.


Literaturempfehlung:


Eva Gerderding: Moskau. Ostfildern, 5. Aufl. 2018 (= DuMont Reise-Taschenbuch)