An der westlichen Kremlmauer war das Grabmal des unbekannten Soldaten, bewacht von zwei blutjungen Soldaten, die hoffentlich nicht das nächste Kanonenfutter werden. Zum Denkmal gehören auch in die Mauer eingelassene Städtenamen, die es jedem Deutschen mit Geschichtsverständnis kalt den Rücken herunter laufen läßt: Smolensk, Stalingrad, Kiew… Rechts drängten sich die überwiegend chinesischen Touristenmassen die Treppe zum Kremlgelände hoch, ich erfuhr im Ticketoffice, daß man auch den Eingang im Süden nehmen könne - und war dort die einzige Besucherin. Da ich nur das Ticket für die Besichtigung des Geländes und nicht der Gebäude erworben hatte, mußte ich nur 700 Rubel (ca. 9 Euro) Eintritt bezahlen. Nach einer sehr laschen Sicherheitskontrolle durchschritt ich das Tor.

Der 1147 das erste Mal erwähnte Kreml am hohen Moskwa-Ufer ist der älteste Stadtteil. Seit dem 13. Jahrhundert ist er das politische und religiöse Zentrum Rußlands. Heute zählt der Kreml zu den größten Museen der Welt und gehört zusammen mit dem Roten Platz zum UNESCO-Weltkulturerbe. Im Laufe der Jahrhunderte wurde der Kreml mehrmals umgebaut. 1367 entstand die erste Steinmauer. Als Moskau im 15. Jahrhundert zu einem wichtigen religiösen und politischen Zentrum wurde, beauftragte Großfürst Iwan III. die besten russischen und italienischen Baumeister mit dem Ausbau seiner Residenz. Von 1485 bis 1495 zog man neue Mauern mit zwanzig Türmen hoch und machte den Kreml zu einer mächtigen Burg. Seine heutige Gestalt bekam der Kreml im Zuge des Wiederaufbaus nach dem Krieg 1812. Von oben gesehen ist der Kreml ein unregelmäßiges 28 Hektar großes Dreieck. Die Gesamtlänge der bis zu 6,5 Meter dicken und bis zu 19 Meter hohen Mauern beträgt 2235 Meter. Die in die Mauern integrierten 20 Türme sind unterschiedlich hoch. Hinter den Mauern liegen Kathedralen mit vergoldenden Zwiebeltürmen, Zarengemächer, Paläste, die Rüstkammer, das Senatsgebäude und andere Sehenswürdigkeiten.

Ich wanderte zwischen den zahlreichen Gebäuden, den Großen Kremlpalast hatte ich ja gestern schon vom Wasser aus gesehen. Nicht fehlen durfte auch die Zarenkanone von 1586, die größte Kanone der Welt, und die größte Glocke der Welt, die Zarenglocke von 1734, die aber nie im Leben geläutet hat. Kanone und Glocke stehen an einem Platz, der dem Senatsgebäude aus dem 18. Jahrhundert vorgelagert ist, 1918-1991 war hier das Hauptquartier der sowjetischen Regierung. Nach der Restauration 1992-1995 ist dies der Sitz des russischen Präsidenten und grenzt direkt an die Mauer gegenüber des Gum. Überhaupt nicht in das Architekturensemble paßt der Kongreßpalast von 1960, den Chruschtschow im typischen Sowjetstil errichten ließ.

Ich verließ den Kreml durch das Tor des Senatsturms und stand unvermittelt vor der weltberühmten Basilius Kathedrale, die Iwan der Schreckliche 1553 zum Dank über den Sieg über die Goldene Horde der Tataren hatte bauen lassen. Leider war die Straße zur Kathedrale wegen der Abbauarbeiten gesperrt, so daß ich einen großen Umweg gehen mußte, um dorthin zu gelangen. Der führte mich bis zum Park Saradje und von dort wieder hinauf zum Gum, welches ich mir, inklusive der bekannten Fontäne, heute ausführlich betrachtete. Der Gastronom No. 1 steht Jelissejew um nichts nach, ein Feinkostgeschäft allerersten Ranges. Hier konnte ich aber auch, wie ich es in jeden Urlaub mache, einen Kalender kaufen. Neben einem mit den obligatorischen Moskaumotiven gab es mindestens fünf über Putin: Putin auf dem Pferd, Putin schießend, wahlweise Putin neben Merkel oder Trump und Putin als Freizeitmensch. Wenn das kein Personenkult ist! Einen befremdlicher Umgang mit Geschichte zeigten auch die Stalin-Darsteller auf der Iljin Straße, die vornehmlich chinesische Touristen angraben. "You China?" "Moscow good?" Und dann wird - natürlich gegen eine Spende - das obligatorische Photo geschossen.

Zum Abschluß des Tages ging ich nochmals zur Lubjanka. Nach dem Ende der Sowjetunion wurde das davor befindliche Denkmal des Tscheka-Gründers (Vorläufer des KGB) Felix Dserschinski vom Sockel geholt und 1990 durch ein Denkmal für die Opfer des Stalinismus ersetzt. Dieses besteht aus einem Findling aus dem Weißmeergebiet, einer der Keimzellen des Gulag.

Der nächste Tag war mit sicher 29 Grad extrem warm und ich war nachmittags mit meinen Freunden verabredet. Die Zeit davor nutzte ich zu einer Fahrt zum Arbat. Dies Viertel existiert schon seit dem Ende des 15. Jahrhunderts, als in ihm vor allem orientalische Handwerker und Kaufleute wohnten. Der Name leitet sich vom arabischen rabat = Vorort ab. Um die Jahrhundertwende war das Viertel vor allem ein Wohnort der Literaten und Künstler, heute dominieren hier die Touristen. Die Fußgängerzone des alten Arbat verbindet Garten- und Boulevardring. Ich startete am Arbatskaja Platz, die Metrostation hat dort die Form eine fünfzackigen Sterns. Auf der Straße reiht sich Souvenirgeschäft an Souvenirgeschäft und Restaurant an Restaurant. Schlepper liefen in der Straße hin und her und versuchten Gäste in die Lokale zu locken. In der Straßenmitte boten Künstler ihre Bilder an und es gab einige Buchstände für gebrauchte Bücher. Schön anzusehen waren die vielen alten Stadtpalais und großzügigen Wohnhäuser aus dem 19. Jahrhundert, alles bestens renoviert. Anfang oder Ende der Straße wird durch das riesige, im Zuckerbäckerstil erbaute Außenministerium am Smolensker Platz markiert. Nördlich parallel verläuft die 70 m breite Straße Nowyi Arbat, die Chruschtschow in den 1960er Jahren durch den Stadtteil schlagen ließ. Viele alte Bauten wurden abgerissen und durch weit über 20 Stockwerke hohe Bauten ersetzt. Einzig ein Kirchlein aus dem 17. Jahrhundert überlebte diesen Architekturfrevel.

Mit der Metro Linie Nr. 2 fuhr ich dann nach Süden zum Freilichtmuseum Kolomenskoje. Im wunderschönen weitläufigen Park liegt die ehemalige Sommerresidenz der Zaren. Peter der Große wurde in Kolomenskoje geboren und verbrachte einen Teil seiner Kindheit hier. Zar Alexej ließ auf dem Gelände einen riesigen Holzpalast erbauen, den Katharine die Große abreißen ließ, um einen Steinpalast zu erbauen. Dazu kam es aber nicht. In den letzten Jahren wurde eben dieser alte Holzpalast in voller Größe rekonstruiert und ist mit seinen bunten Holzschindeln eine wahre Pracht. Zum UNESCO Weltkulturerbe gehört die Christi-Himmelfahrts-Kirche, die erste russische Zeltdachkirche der Welt, erbaut 1533 zur Ehren der Geburt von Iwan dem Schrecklichen. Die Kirche liegt auf dem Hochufer über der Moskwa und bietet eine phantastischen Blick über den mäandrierenden Fluß und natürlich auch den Hochhausgürtel am Stadtrand. Nach der russischen Revolution wurde auf dem Gelände der Zarenresidenz ein Freilichtmuseum für Holzarchitektur errichtet. U.a. schaffte man das Holzhaus Peters des Großen heran, in dem er in Archangelsk den Bau seiner Flotte überwacht hatte.

Für den nächsten Tag hatte ich mir den Besuch der alten Tretjakow-Galerie vorgenommen. An der gleichnamigen Metrostation traute ich meinen Augen nicht: vis-à-vis standen einigen ältere Herren und machten Musik - gekleidet in Uniform. Das vor ihnen aufgebaute Schild gab Aufschluß über den Zweck der Veranstaltung: es handelte sich um "Afganzy", also Afghanistan-Veteranen, die um eine Spende für die Musik baten. Die Lieder, die sie spielten, handelten - so weit ich es verstehen konnte - vom Krieg im Kaukasus. Dieser sowjetisch-afghanische Krieg dauerte von Dezember 1979 bis Februar 1989. Es kämpften sowjetische Streitkräfte gegen Mudschaheddin-Guerillakräfte, die von den USA und anderen westlichen Mächten unterstützt wurden. Am 15. Februar 1989 verließen nach zehn Jahren Krieg die letzten sowjetischen Soldaten das Land. Rund 15.000 sowjetische Soldaten verloren in Afghanistan ihr Leben und fühlten sich nach der Rückkehr in die Heimat sowohl von der Regierung Gorbatschow als auch der Gesellschaft verraten, von der sie sich nicht mehr verstanden fühlten. Sehr nachdenklich machte ich mich auf den kurzen Fußweg zur Galerie. Wie mochte es den musizierenden Herren in den vergangenen 30, 35 Jahren wohl ergangen sein?

Bald erreichte ich das Gebäude der Tretjakow-Galerie, die vom gleichnamigen Kaufmann 1856 gegründet wurde zum Zwecke der Ausstellung von Werken ausschließlich russischer Künstler. Die Sammlung umfaßt Kunst vom 11. bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts (Bilder aus der Epoche danach hängen in der Neuen Galerie an anderem Standort). Die Galerie umfaßt "nur" zwei Etagen und ist somit in keinster Weise mit den großen Museen wie Eremitage, National Museum, Louvre usw. vergleichbar. Spannend ist aber der Vergleich der Malerei in Rußland mit der internationalen der Epoche - und die russische steht letzterer in keiner Weise nach. Ärgerlicherweise fehlten sämtliche Bilder des auch im Westen bekannten Malers Repin. Vermutlich waren sie ausgeliehen und ersetzt durch Skulpturen einer Künstlerin. Genauso ärgerlich für mich war der Fakt, daß die gesamte Abteilung für antike Kunst geschlossen war. Erstaunt nahm ich zur Kenntnis, daß das berühmte Gemälde "Peter I. verhört den Zarewitsch Alexei Petrowitsch in Peterhof" von Nikolai Gay in der Tretjakow Galerie hängt.

Ich schlenderte dann durch die Fußgängerzone Klimentovskiy Pereulok, bestaunte die große St. Clemens Kirche und fuhr mit der nächsten Metro nach Westen. Ich mußte mehrfach umsteigen und gelangte so durch Zufall an einige sehr aufwendig gestaltete Metrostationen, die "Kathedralen des Volkes" laut Stalin.

Nach 30minütiger Fahrt erreichte ich Partisanskaya (mit entsprechender Deko). Von hier aus sollte es zum ehemaligen Zarensitz Ismailowo gehen. Und was empfing mich vor der Metrostation? Wieder eine musizierende Gruppe von Afghanistan-Veteranen und das Schild besagte, daß sie auch eine CD verkaufen würden. Wie ich später erfuhr, sind diese Afghanistanlieder in Rußland weit bekannt und seit einiger Zeit bemüht man sich auch um eine politische Umdeutung des mehr oder weniger verlorenen Krieges. Rund um die Metrostation standen riesige Hotelhochhäuser im "sozialistischen Stil". Sie und das gesamte Ensemble samt Konzertsaal wurden zur Moskau-Olympiade 1980 errichtet und waren auch optisch sehr in die Jahre gekommen.

Nun suchte ich den Zugang zur Zarenresidenz, der von der Metro gar nicht ausgeschildert war. Ich verlief mich einige Male bis ich endlich den Zugang zum Park fand. Nach einem längeren Fußmarsch sah ich dann die ersten Gebäude. Der Ismailowoer Park, auch einfach Ismailowo genannt, ist ein parkähnliches Waldgebiet. Es gehört zu den größten seiner Art in der russischen Hauptstadt und besteht aus zwei Teilen, die durch eine zentrale Allee voneinander getrennt sind: dem Ismailowoer Kultur- und Erholungspark und dem Ismailowoer Stadtwald. Im 16. Jahrhundert befand sich hier ein größeres Dorf, das dem Bojarengeschlecht der Ismailows gehörte - daher auch der Name dieser Gegend. 1640 ging das Dorf in den Besitz des Bojaren Nikita Iwanowitsch Romanow über, von dem es 1654 der Zar Alexej Michailowitsch erbte; seitdem war es eine der Zarenresidenzen. Nunmehr wurden ein Weingarten und Teiche angelegt, Bienenstöcke wurden aufgestellt, sogar eine Menagerie wurde eingerichtet. Hier verlebte der künftige Zar Peter I. seine Kindheit. Erhalten geblieben im Park sind einige Architekturdenkmäler aus dem 17. Jahrhundert - eine fünfkuppelige Kathedrale und ein Brückenturm von 1671 sowie zwei 1682 errichtete Einfahrten zum Gelände der Zarenresidenz.

Nun ging es wieder zurück durch den Park. An einem Baum hing ein Vogelhäuschen à la russisch: einer der überall verkauften 5-Liter-Wasserkanister, hinten und vorne mit einem Loch versehen und innendrin mit einigen Sonnenblumensamen. Ich traute meinen Augen nicht, Meisen und Sperber flogen dort ein und aus.

Da ich nun mal in der Gegend war, wollte ich den vielgepriesenen Ismailowo Kreml und Markt besuchen. 1998 begannen die Arbeiten an der hölzernen Festung mit ihren bunten Türmen und Mauern, es entstand eine pseudohistorische Kulisse. Angeblich ist der "Vernissage"-Markt das Mekka für Souvenirjäger in Rußland - aber nicht mehr um 16 Uhr, der Zeit meines Eintreffens. Es waren nur noch ein Bruchteil der Stände geöffnet und scheinbar mehr Touristen als Verkäufer vor Ort. Hier sah ich auch, wie bis aufs Blut handelnde Chinesen auf völlig entnervte russische Verkäufer trafen. Irgendwie versuchten sie sich auf Englisch zu verständigen. Die Chinesen ließen einfach nicht locker. Ansonsten hörte ich viel französisch, etwas britisch und auch mal deutsch. Die wenigen Stände, die noch geöffnet hatten, boten Matrioschkas in allen Variationen, echte Pelze und Tschapkas mit Hammer und Sichel Symbol und Stalinfiguren an. Für mich kaum verständlich ist diese völlig undifferenzierte Sowjetnostalgie in Rußland. Angesichts des seit Jahren stagnierenden russischen Alltags birgt die Sowjetära mit ihren utopischen Zielsetzungen für (einige?) Menschen neues Sehnsuchtspotential. Gerne verkauft werden auch alle möglichen Putin-Devotionalien: Putin T-Shirts mit Putin samt Sonnenbrille, Putin mit nacktem Oberkörper auf Pferden, und Putin einen Bären reitend - der letzte Schrei. Es soll noch darauf hingewiesen werden, daß sich hinter dem Kitsch-Kreml ein Stadion befindet und darunter der Bunker Stalins. Laut Webseite ist dieser allerdings leider nur in Gruppen zu besichtigen.

An nächsten Tag mit leichtem Nieselregen machte ich mich auf zum Puschkin Museum gegenüber de Christ-Erlöser-Kathedrale. Bedauerlicherweise hatte sich schon eine sehr lange Schlange gebildet und es war vor diesem Hintergrund nicht nachvollziehbar, daß nur eine Kasse geöffnet war. Im Erdgeschoß befindet sich eine umfangreiche Sammlung für antike Kunst und völlig ungehemmt wird dort Beutekunst aus Berlin gezeigt: Schliemanns Schatz des Priamos. Ansonsten werden - auch im Obergeschoß - Gemälde von Weltklasse gezeigt.