Eine Reise nach Neapel, Dezember 2014 bis Januar 2015

Sehr spontan und extrem kurzfristig folgten wir einer Einladung nach Neapel. Für die sonst übliche Reisevorbereitung blieb in der Hektik vor Weihnachten keine Zeit und es ging ja auch "nur" 1300 Kilometer innerhalb Europas nach Süden. Entsprechend schnell erreichten wir den Flughafen Capodichino, von wo aus es mit dem Auto zum im Altstadtzentrum gelegenen Hotel ging. Die Fahrt dorthin war ein Schock. Wo waren wir denn hier gelandet? Die Straßen, oftmals noch aus Kopfsteinpflaster, so desolat, daß man nur ca. 20 Stundenkilometer fahren konnte. Die Häuser: bröckelnde Pracht flächendeckend mit Graffiti beschmiert. Davor überquellende Müllcontainer und schlafende Obdachlose auf Bürgersteigen. Hatte das Flugzeug ein falsches Ziel angeflogen? Waren wir womöglich in der Ostukraine oder Bangkok gelandet? Nein, wir hatten eine der chaotischsten (die chaotischste?) Stadt Italiens erreicht.

Unser gebuchtes Hotel, eine alte Villa, lag wir ein ruhender Pol inmitten des Chaos, durch diverse massive Außentore mehrfach gesichert. Kein Wunder, denn die Zimmertüren zeigten alle (!) Aufbruchsspuren. Mein erster Gedanke war: "An den 4-Sternen müssen die aber noch arbeiten". Bald wurden wir eines besseren belehrt...

Nichtsdestotrotz lag das Hotel extrem günstig inmitten der Altstadt, die wir bald erkundeten. Als nach Weihnachten die Geschäfte wieder öffneten, veränderte sich das Bild der Stadt. Die Ruhe wich einem basarartigen Gewusel von Menschen und Fahrzeugen. Wie in Asien reiht sich ein Klein(st)geschäft an das andere, auf den ohnehin schmalen Bürgersteigen werden aber trotzdem noch Warenständer aufgebaut. Zum Glück war ein Teil der Altstadt verkehrsberuhigt, für Anlieger und Taxis gibt es aber Ausnahmegenehmigungen und mit italienischer Nonchalance quetschen sich die Fahrzeuge durch die Gassen.

Neapel ist die drittgrößte Stadt Italiens mit ca. einer Million (offiziell gemeldeter) Einwohner. Die Stadt war anfangs eine griechische Siedlung und trug den Namen Neapolis („Neustadt“). Später geriet sie unter römische Herrschaft. Vom Spätmittelalter bis zum 18. Jahrhundert gehörte Neapel zu den größten Städten Europas. Aus dieser Zeit datieren viele Gebäude und nicht umsonst wurde 1995 die gesamte Altstadt ("centro storico") zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt. Neben den unzähligen Palazzi gibt es hunderte Kirchen und zahlreiche Klöster.

Der Zustand der allermeisten Gebäude ist allerdings als desolat zu bezeichnen. Aus Geldmangel werden oftmals nur unter die bröckelnden Fassaden Netze gespannt, auf daß herunterfallende Teile nicht die Fußgänger unten treffen.
Jede erreichbare Stelle ist mit Graffiti beschmiert.

Dies, gepaart mit den sehr engen Gassen, über denen Wäsche zum Trocknen aufgehängt wird, trägt (oftmals) zum Eindruck eines Notstandsgebietes bei.
Im Kontrast dazu stehen die adrett gekleideten Fußgänger.

Neapels Innenstadt steht im krassen Gegensatz zu anderen Millionenstädten europäischer Industrienationen. Deutlich zeigen sich hier die Auswirkungen von gut 30 % Arbeitslosigkeit und fehlenden oder fehlgeleiteten Steuereinnahmen der Kommune. Neapel ist notorisch bekannt für die Aktivitäten des kampanischen Ablegers der Mafia, der Camorra. Diese hat alle Bereiche des Lebens infiltriert: Verwaltung, Politik und Wirtschaft. Am bekanntesten sind wohl die Machenschaften dieser Herrschaften im Bereich der Müllentsorgung. Die Camorra hat über Jahrzehnte in der Region Neapel auf ihre Art Müll entsorgt, in dem sie ihn einfach in die Gegend gekippt oder irgendwo vergraben hat. Gerne wird er auch angezündet, weshalb man die Region in Italien nur noch "Terra dei Fuochi" - Feuerland - nennt. Nicht nur aus Neapel, aus ganz Italien und auch aus Deutschland wurde Gift- und Industriemüll herangekarrt und zu unschlagbar günstigen Preisen "entsorgt". Zudem gibt es in der Region Neapel zahlreiche Firmen, die "schwarz" produzieren (und natürlich auch keine Steuern bezahlen). Die hier generierten Abfälle müssen somit natürlich auch "schwarz" entsorgt werden. O-Ton eines Ermittlers: "Also: entweder vergrabe ich sie oder ich werfe sie irgendwohin und zünde sie an." Gerne werden illegale Mülldeponien mit einer dünnen Schicht Mutterboden abgedeckt auf der dann Gemüse angebaut wird, welches höchst verseucht ist, umetikettiert dann aber zu Dumpingpreisen auf den Markt geworfen wird. Ein exzellenter Artikel von 2014 faßt das ganze Grauen eindrucksvoll zusammen: Das Müllgeschäft der Mafia . Selbst Wikipedia widmet dem Problem einen eigenen Artikel Giftmüll bei Neapel.

Zur Zeit unseres Besuches fanden sich an zahlreichen Stellen in der Stadt Glascontainer. Auch sah ich teilweise verschiedene Mülltonnen zur Mülltrennung. Nichtsdestotrotz sieht man überall Batterien von großen Müllcontainern stehen, die frei zugänglich sind. Wie ich selbst sah, landeten dort Unmengen von unsortiertem Abfall.

Langsam adaptierten wir uns an das gewöhnungsbedürftige Leben in der Stadt. Überrascht stellten wir fest, daß zahlreiche (illegale?), meist schwarzafrikanische Einwanderer neben allerlei Kinkerlitzchen auch in aller Öffentlichkeit Markenplagiate verkaufen. Selbst in Bangkok war dieses Geschehen bei meinem letzten Besuch drastisch eingeschränkt worden. In Neapel hingegen wurden abends z.B. in der bekannten Galleria Umberto auf Bettlaken "garantiert echte" Pradataschen angeboten. Ein Schelm der Böses dabei denkt. Nicht umsonst wird Neapel als europäisches Leck für gefälschte chinesische Produkte bezeichnet bzw. flog im August 2014 in der Stadt ein Ring von Modefälschern auf, die hier produzierten, um die Qualität von Fälschungen aus China zu übertreffen

Leider mußten wir zur Zeit unseres Aufenthaltes für eine Nacht das Hotel wechseln, da "unser" Hotel komplett gebucht was. Das neue Hotel war sehr gewöhnungsbedürftig und nach unserer Rückkehr lernten wir unser Stammhotel richtig schätzen. Fazit: In Neapel sollte man ziemliche Abstriche beim Standard der Hotels machen und lieber eine Kategorie höher buchen, um Überraschungen zu vermeiden!

In der Stadt gibt es unglaublich viel zu sehen, wir hatten nur Gelegenheit für eine Auswahl an Besichtigungen.

Neapel

Das Archäologische Nationalmuseum Neapel (ital.: Museo Archeologico Nazionale) beherbergt eine der bedeutendsten archäologischen Sammlungen der Welt. Den Grundstock bildeten zunächst die Funde aus den beiden Großgrabungen in Herkulaneum und in Pompeji, so das berühmte Mosaik der Alexanderschlacht aus dem Haus des Fauns in Pompeji.
Der Piazza Bellini ist ein kleiner Platz, gesäumt mit Bars und Literatencafés. Auf dem Platz findet man das Denkmal des Opernkomponisten Vincenzo Bellini und zu seinen Füßen die Überreste der griechischen Stadtmauer des antiken Neapolis.
Die Via Costantinopoli.
Der Piazza Dante ist einer der wichtigsten Plätze Neapels und befindet sich am Anfang der Via Toledo. In der Mitte ist eine große Statue des Dichters Dante Alighieri, der in Italien als der Vater der italienische Sprache bezeichnet wird. And der östlichen Seite des Platzes ist die rosa Fassade des Convitto Nazionale zu sehen, einem Prachtbau von Luigi Vanvitelli zu Ehren des Borbonenkönigs Karls VII. aus der Mitte des 18. Jahrhunderts. Der Platz ist heute nicht nur eine sehr wichtige Sehenswürdigkeiten Neapels, sondern auch Ort für Ausstellungen und Volksfeste.
Die Spaccanapoli ist einer der bekanntesten Straßenzüge von Neapel. Die Straße teilt die Altstadt mit einer fast geometrischen Genauigkeit auf drei Kilometer in zwei Teile. Betrachtet man die Altstadt aus der Vogelperspektive, versteht man sofort, wie es zum Namen Spaccanapoli kam: „Spaccare" bedeutet „spalten“.