Die Etrich-Fliegerwerke und die Etrich-Taube in Liebau i. Schl.

Mein aus Jungbuch in Böhmen stammender Großvater Emil Ullrich absolvierte bei seinem Onkel Paul Schediwy in Liebau eine Ausbildung als Sattler, Polsterer und Tapezierer (d.i. Dekorateur). Am 1.4.1913 schloß er diese mit drei Meistertiteln ab. Sofort fand er eine Anstellung in den Etrich-Fliegerwerken in Liebau.


Diese Werke haben eine bemerkenswerte Geschichte. Ignaz „Igo“ Etrich stammte aus Ober Altstadt bei Trautenau und sein Geburtsort lag nur 6 Kilometer von dem meines Großvaters entfernt. Möglicherweise war mein Urgroßvater, der Vater von Emil, sogar der Familie Etrich bekannt, denn Paul Joseph Ullrich war Schuhmachermeister und wohnte u.a. auch in Altstadt. Sehr wahrscheinlich kam Igo Etrich die Bewerbung meine Großvaters aber sehr gelegen: jemand aus seiner Heimatregion mit allerbester Ausbildung, die für die damalige Flugzeugherstellung extrem nützlich war.

Etrich interessierte sich schon früh für das Fliegen und die Konstruktion von Flugzeugen. Bereits sein Vater hatte ein ähnliches Interesse. Der Textilfabrikant kaufte nach dem tödlichen Unfall von Otto Lilienthal 1896 aus dessen Nachlaß verschiedene Flugapparate. Diese dienten als Grundlage zur Entwicklung eigener Ideen wie der eines Gleiters 1900/01. Der bei den Etrichs angestellte Franz Xaver Wels lieferte 1903 den Hinweis zum Bau eines Gleiters in Form des flugfähigen Sames der Zanonie. In den darauffolgenden Jahren entstanden verschiedene Apparate, mit denen erste Gleitflüge gelangen. Nachdem Etrich mit der Flugzeugwerkstatt im Februar 1908 nach Wien übersiedelt war, gelang ihm schließlich am 29. November 1909 ein Flug über die gesamte Länge des Flugfeldes in Wiener Neustadt.

Das Fluggerät wurde weiter verbessert und die Tragflächenform 1909 zum österreichischen Patent angemeldet. Nur wenige Monate später flog der neue Mitarbeiter von Etrich, Karl Illner, am 17.5.1910 mit dem Etrich II oder auch Etrich-Taube genannten Flugzeug vom Flugplatz Wiener Neustadt nach Wien und zurück. Damit war der große Wurf gelungen und eine Firma in Wien übernahm die Serienproduktion des neuen Flugzeugs für Privatpersonen und das österreichische Heer.

In Deutschland wurde mit Edmund Rumpler (1872-1940) ein Lizenzvertrag geschlossen, demzufolge Rumpler das Recht eingeräumt wurde, das Flugzeug in Deutschland unter dem Namen Etrich-Rumpler-Taube nachzubauen. Als es jedoch nicht gelang, die Tragflächenform in Deutschland patentieren zu lassen, leistete Rumpler daraufhin keine Zahlungen mehr an Etrich und brachte dem Vertrag zuwider das gleiche Flugzeug unter dem Namen Rumpler-Taube heraus. Auch andere Fabriken bauten die "Taube" nach.

Trotz des Engagements im Flugzeugbau blieb die Textilindustrie jedoch weiterhin die Haupteinnahmequelle der Familie Etrichs. Sie bauten unweit ihres böhmisch-österreichischen Stammsitzes auf schlesisch-deutscher Seite im Liebauer Ortsteil grüssauisch Dittersbach am 28. Februar 1912 die Etrich-Fliegerwerke GmbH. Zum Werkleiter wurde August Jäger ernannt und das Konstruktionsbüro leitete Ernst Heinkel. Ab Herbst des gleichen Jahres wurde mit der Produktion der "Taube" begonnen, diese weiterentwickelt und es entstanden neue Modelle: die "Schwalbe" und die "Luftlimousine", bei der die Fluggäste erstmals in einer geschützten Kabine untergebracht waren.

Einen Höhepunkt der Tätigkeit Etrichs stellte ein Flug dar, der am 24. August 1913 stattfand. Auf dem Flugfeld der Liebauer Flugzeugwerft startete um 16 Uhr eine "Taube" mit Igo Etrich und dem Piloten Alfred Friedrich und überflog zum ersten Mal das Riesengebirge. Der Flug ging über die Grenze Richtung Bernsdorf und von dort über Ober Altstadt, Freiheit, Johannisbad, um den 1300 m hohen Schwarzen Berg und zurück nach Ober Altstadt, Etrichs Heimatort. Vor achttausend begeisterten Zuschauern landeten sie zwischen und setzten den Flug am gleichen Tag fort zurück Richtung Liebau.

Am Vorabend des ersten Weltkriegs setzte die Deutsche Wehrmacht aber zunehmend auf die schnelleren und wendigeren Doppeldecker. Die Taube galt als schwierig zu fliegen und hielt den Belastungsproben für Militärflugzeuge nicht stand. Um dem Rechnung zu tragen, entschloß sich Etrich zum Bau einer größeren Flugzeugfabrik, als der in Liebau. So schloß man nach nur zwei Jahren das Liebauer Werk und begann am 1. April 1914 mit dem Bau der "Brandenburgischen Flugzeugwerke GmbH" und einem Flugplatz in Briest an der Havel. Als Chefkonstrukteur und später Direktor wurde der schon in Liebau bewährte Ernst Heinkel gewonnen. Damit verlor mein Großvater seine Anstellung, mußte aber bald darauf in den Ersten Weltkrieg ziehen.

Nach anfänglichen Verlusten verkauften die Etrichs 1915 ihren Anteil an den Brandenburgischen Flugzeugwerken an Camillo Castiglioni, der über entsprechende Erfahrungen im Flugbereich verfügte. Nach Ende des Ersten Weltkriegs heiratete Etrich ein zweites Mal und wandte sich erneut dem Flugzeugbau in seiner Heimatstadt Ober Altstadt zu. Gleichzeitig arbeitete als Konstrukteur von Textilmaschinen. Ab 1918 war Etrich Geschäftsführer der "Flugzeugwerke GmbH Liebau" und in der familieneigenen Textilfabrik entstand 1929 die „Sport-Taube“, in 40 PS starkes Sportflugzeug. Nachdem ihm von den tschechischen Behörden Vorwürfe gemacht und das Flugzeug zerstört wurde, gab Etrich seine Luftfahrtambitionen auf. 1946 wurde er nach Enteignung seiner Fabriken inhaftiert und aus der Tschechoslowakei vertrieben. Er übersiedelte nach Bayern und verstarb 1967.

Literatur:

- Etrich, Igo: Die Taube. Memoiren d. Flugpioniers. Waldheim-Eberle, Wien ca. 1963, 86 S.
- Etrich, Igo: Die Etrich-Taube. (Entwicklungsgeschichte der Etrich-Taube, hrsg. von den) Etrich-Flieger-Werken G.m.b.H. Liebau-Preußisch Schlesien. 29 S., mit zahlreichen Abbildungen nach Photographien. 15 x 23,5 cm. O. O. und J. (Liebau 1913).


Etrich-Taube und -Fliegerwerke, Liebau i. Schl.

Etrich-Taube und -Fliegerwerke, Liebau i. Schl.



Liebau i. Schl. 1911 (sic!)

Flugzeuge und Hangar

Gruß aus Liebau i. Schl., Etrich-Taube mit dem Piloten Herrn Friedrich

Zwischenstop in Ober Altstadt während des Rundfluges von Igor Etrich und Alfred Friedrich ab Liebau am 24.8.1913

Dittersbach grüssauisch bei Liebau in Schlesien: Eingang ins Rabental. Die Etrich-Taube beim Überlandflug Liebau -Oberaltstadt i.B. am 24. Aug. 1913 mit Pilot Friedrich und Herrn Igo Etrich als Beobacher (ext. Link)

Igo Etrich. Liebau i. Schl. 1913





Liebau i. Schl. 1913

Anzeige aus dem Jahr 1913