Eine Kurzreise nach Limburg a.d.L. und in den Westerwald im Oktober 2016

Zur Ergänzung meiner Familienforschung reiste ich Ende Oktober nach Limburg, um das dortige Diözesanarchiv zu besuchen.

Meine Großmutter mütterlicherseits Maria Ketzener wurde in Deutschland geboren, ihr Vater stammte aber aus den Niederlanden. Durch Recherchen im Diözesanarchiv Würzburg vor einigen Jahren fand ich heraus, daß seine Vorfahren ursprünglich aus Franken kamen. Der 1781 in Gemünden am Main geborene Johann Georg Kötzner war ca. 1807 nach Coevorden in der Provinz Drenthe ausgewandert und hatte seinen Namen in Ketz(e)ner geändert, resp. war sein Name von den niederländischen Behörden falsch übertragen worden. Sein Sohn Adam war im Gegensatz zu den jüngeren Geschwistern bereits in den Niederlanden geboren worden. Er heiratet 1842 eine Maria Anna, wobei deren Nachname in den niederländischen Unterlagen in diversen Variationen auftauchte: Mengers, Menges, Minges. Nach einiger Zeit fand ich den Hinweis für Anna Maria: "Geboren te Wildersburg in het Hertogdom Nassau". Es gab auch offenbar einen Bruder in den Niederlanden, der seine Herkunft sehr detailliert angab mit "geboren te Wettersburg In Het Kerspel Salz, Ambt Walmeroth In Het Hertogdom Nassau". Eine Onlinerecherche ergab, daß im Diözesanarchiv Limburg Akten aus dem Kirchspiel Salz verfilmt bis zurück ins 17. Jahrhundert vorhanden sind.

Der Besuch im Archiv brachte Licht in die Familiengeschichte.

Maria Anna Menges, wie die Familie in Deutschland hieß, war als Kind mit ihren Eltern und älteren Geschwistern zwischen 1822 und 1832 aus Weltersburg im Westerwald in die Niederlande ausgewandert. Ihre Eltern und Großeltern stammten ursprünglich aus den Nachbarorten Guckheim/Wörsdorf und Berod bei Wallmerod. Taufen fanden in den Kirchen in Berod bzw. in Salz statt.

Die Reise nach Limburg sollte laut Navigationssystem nur 2,5 Stunden dauern, de facto war ich aber wegen der zahlreichen Baustellen und des Dauerregens eine Stunde länger unterwegs. Bei Haiger/Burbach verließ ich die A 45 und folgte der B 54 nach Süden Richtung Limburg. Die ca. 50 Kilometer auf der Landstraße erlaubten einen ersten, wenn auch verregneten Eindruck vom Westerwald. In Limburg angekommen war der Dom schon von weitem nicht zu übersehen. Ich quartierte mich in meinem vorab gebuchten Ferienstudio ein, was sich als schön aber doch sehr "verkehrsgünstig gelegen" entpuppte.

Die nächsten drei Tage verbrachte ich im Diözesanarchiv (das Archiv hat nur drei Tage die Woche geöffnet), in dem ich einen Arbeitsplatz reserviert hatte. Leider lagen die Kirchenbücher nur auf Filmen vor, die die Mormonen angefertigt hatten. Die Lesegeräte standen zu hoch und die Stühle davor waren nicht höhenverstellbar - was unweigerlich zu einem völlig verspannten Nacken führte. Mir wurde aber versichert, daß in Kürze die Bücher digitalisiert am Rechner einsehbar seien.

Limburg a.d.L.

Sofort nach Schließung des Archivs machte ich mich wegen der drohenden Dunkelheit auf Besichtigungstour. Am ersten Spätnachmittag ging ich in die Altstadt des nahegelegenen Limburg. Die im 10. Jahrhundert gegründete Stadt hat eine nahezu komplett erhaltene mittelalterliche Altstadtbebauung, da es im 2. Weltkrieg fast keine Zerstörungen gab. Der ehemalige Stadtkern steht heute unter Denkmalschutz und besticht durch hübsche Fachwerkhäuser aus dem 13. bis 18. Jahrhundert, die oftmals mit aufwendigen Schnitzereien versehen sind. Das Fachwerk ist, im Gegensatz beispielsweise zum schwarzen Fachwerk in Westfalen, fast überwiegend in ochsenblutrot gehalten. Hoch über der Altstadt und oberhalb der Lahn thront der spätromanische St. Georgs Dom, direkt daneben das Limburger Schloß aus dem 13. Jahrhundert.

Die Reformation führte zu Konflikten in der Stadt. Aufgrund der Zugehörigkeit zu Kurtrier blieb die Stadt jedoch katholisch. 1806 fiel Limburg an das neu gegründete Herzogtum Nassau, 1827 wurde die Stadt auf Drängen des Herzogs Wilhelm von Nassau hin zum katholischen Bischofssitz erhoben, wodurch die Pfarrkirche auf dem Berg den Rang einer Kathedrale erhielt. Das Herzogtum und damit Limburg fielen 1866 als Folge des Deutschen Krieges an Preußen. Heute hat die Stadt knapp 34.000 Einwohner und erfüllt aufgrund ihrer Lage eine Zentrumsfunktion.

Berod bei Wallmerod, Salz, Guckheim-Wörsdorf, Weltersburg

Der Spätnachmittag des nächsten Tages war für eine Fahrt zu den Wohnorten meiner Vorfahren reserviert. Über die B8 ging es nach Norden in den Westerwald und von Hessen nach Rheinland-Pfalz. Erstes Ziel war Berod bei Wallmerod, einem Dörfchen, welches jetzt zur Verbandsgemeinde Wallmerod gehört. Zahlreiche meiner Menges-Vorfahren stammten aus Berod oder lebten dort im 18. Jahrhundert. Erstes Ziel im Ort war folglich die Kirche, von der einige Gebäudeteile aus der Gründungszeit Ende des 12. Jahrhunderts stammen. Ich hatte das Glück, daß eine Frau gerade in der Kirche beschäftigt war und mir bereitwillig Zugang gewährte sowie mir die Geschichte der Kirche erläuterte. Hier war also mein direkter Vorfahr Johannes Menges 1770 getauft worden, ebenso wie einige seiner Kinder. Die Kirche ist für den kleinen Ort mit nur gut 500 Einwohnern recht gut dimensioniert. Der Umbau zu einer großen Kirche datiert allerdings erst aus dem Jahr 1900. Zur Zeit meiner Vorfahren bestanden nur der Westturm und der heutige Seitenaltar, ein Bereich der bis 1730 barock umgebaut wurde.

Auf dem Weg zur Kirche hatte ich ein wunderschönes Fachwerkhaus passiert, dessen Fachwerk auch in ochsenblutrot gehalten war. Wie ich später herausfand datiert es von 1688. Leider war es, bis auf ein anderes Haus, das einzige im Ort im originalen Zustand. Zufällig kam ich mit dem freundlichen Besitzer des zweiten Hauses (erbaut um 1700) ins Gespräch. Auf Nachfrage berichtete er mir, daß das Gros der Häuser im Ort auch ursprünglich Fachwerkhäuser waren, die aber nach dem Krieg "modernisiert" wurden - oder was man darunter verstand: Verputz, flächendeckende pseudo-Schiefer-Fassadenplatten, Fliesen an der Außenwand, Wellplastik und alles andere, was der Baumarkt anbietet. Keine Frage, auch in Westfalen wurden ab den 1950er Jahren viele historische Häuser entweder gleich ganz abgerissen oder völlig vermurkst. Aber bei dem, was ich im Westerwald sah, wünschte ich mir so manches Mal die Niedersächsische Bauordnung zur Anwendung gebracht: „Bauliche Anlagen dürfen nicht verunstaltet wirken und dürfen auch das Gesamtbild ihrer Umgebung nicht verunstalten.“

Gedankenverloren verließ ich Berod in nördliche Richtung. Nächstes Ziel war der etwa 4 Kilometer entfernte Ort Salz. Schon weithin sichtbar war die imposante katholische Pfarrkirche St. Adelphus. Zwischen Bilkheim und Salz sah ich von der Straße rechterhand das barocke Wasserschlößchen Hof Neuroth, seit 1682 im Besitz der Grafen von Walderdorff, hatte aber keine Zeit für einen Zwischenstop. Bald darauf passierte ich direkt an der Straße einen Bildstock aus dem Jahre 1764. Schnell hatte ich den Mittelpunkt von Salz, die Kirche, erreicht. Größere Bekanntheit erreichte sie als Grablege des Großvaters von Ludwig van Beethoven. Von meinen Vorfahren lebte niemand direkt in Salz, die Kirche war aber Pfarrkirche der umliegenden Orte Weltersburg und Guckheim-Wörsdorf, aus der ein Teil der Menges-Familie und der angeheirateten Müllers stammten.

Die Kirche in Salz ist nicht nur aus der Ferne, sondern auch aus der Nähe eindrucksvoll. Weiß gestrichen ist sie romanisch wuchtig. Umgeben ist die Kirche von einem alten Kirchhof, auf dem noch einige historische Grabmäler stehen. Wie schon in Berod befinden sich auch in dieser Gemeinde nur einige wenige ursprüngliche Fachwerkhäuser, bzw. Häuser mit Fachwerkfragmenten.

Ich verließ Salz wieder in nördliche Richtung und stieß nach einem guten Kilometer am Abzweig der Hauptstraße nach Weltersburg auf die romantisch gelegene St.-Leonhards-Kapelle von 1863–65. Von der Kapelle aus führt ein Kreuzweg zum Ortsausgang von Salz.

Ich hingegen fuhr weiter geradeaus in Richtung des unweit gelegenen Ortes Guckheim, der heute aus den Ortsteilen Wörsdorf und Guckheim besteht. Noch 1823 werden Guckheim und Wörsdorf als zwei eigenständige Dörfer aufgezählt. 1827 heißt es dann, daß die beiden Dörfer eine Gemeinde bilden. Zahlreiche meiner Vorfahren stammen aus Guckheim oder Wörsdorf, so auch Friedrich Johannes Menges, der 1790 in Guckheim geboren wurde und zwischen 1822 und 1832 in die Niederlande auswanderte. Sein Vater stammte aus Berod, seine Mutter und Großmutter, die Müllers, alle aus Guckheim/Wörsdorf.

Über die Gründe, warum Menges in die Niederlande auswanderte, kann spekuliert werden. Im Westerwald (und nicht nur da) nahm die Bevölkerung nach 1800 relativ stark zu. Allerdings führte der schlechte Boden und das raue Klima dazu, daß kaum Ertragssteigerungen zu erwirtschaften waren. Als fatal erwiesen sich die Mißernten und die daraus resultierenden Preisexplosionen zwischen 1810 und 1820, wobei es vor allem 1817 zu einer regelrechten Hungersnot kam.

Die Region um Grenzhausen im Westerwaldes wird seit 1786 als "Kannebäckerland" bezeichnet, da sich hier zahlreiche tonverarbeitende Betriebe etabliert hatten. "Landgänger" sorgten als Hausierer für den Vertrieb der Ware als auch für ihre Beförderung von den Töpfereien nach Vallendar am Rhein. Von dort aus wurden die Tonwaren nach Holland transportiert und man sprach von "Hollandfahrern". Zudem arbeiteten viele Westerwälder saisonal über die Sommermonate in Holland, wobei mancher Hollandgänger dort eine Frau fand und in den Niederlanden seßhaft wurde. Es ist davon auszugehen, daß Friedrich Johannes Menges von dieses Wanderungsbewegungen wußte. Inweit er, der 1822 als Maurermeister arbeitete, selbst schon mal in Holland war, ist nicht zu belegen. Spannend ist die Tatsache, daß seine Berufsbezeichnung wenige Jahre nach der Auswanderung Hausierer bzw. Kaufmann in Leeuwarden/Friesland war.

Von Italien aus verbreitete sich die Keramikherstellung über Antwerpen nach Friesland, denn in den friesischen Marschen gab es keinen Mangel an Ton (Klei). In der niederländischen Provinz Friesland gab es zeitweise 50 Töpfereien, pottebakkerijen, so u.a. in Makkum und Harlingen unweit von Leeuwarden, wo seit 1594 resp. 1598 Fliesen und Töpferwaren hergestellt wurden. Es besteht durchaus die Möglichkeit, daß Menges im Handel von Töpferwaren involviert war.

Ich verließ Guckheim und fuhr nachWeltersburg. Direkt am Ortseingang steht das Brambacher oder auch Reifenberger Schlößchen, ein massives, weiß gehaltenes Gebäude mit vier Ecktürmen, entstanden wohl kurz nach 1552. Ein Kleinod und an und für sich die Attraktion der Gemeinde. Um so unverständlicher ist der Zustand des Schlößchens: ein Sammelsurium an Fenstern von Aluminium bis Kunststoff mit und ohne Sprossen, direkt vor dem Gebäude ein Gastank, an der Seite ein verzinktes pseudo-schmiedeeisernes Treppengeländer... schade.

Meine Familie hat eine direkte Beziehung zum Schlößchen. Dieses gelangte Anfang des 18. Jahrhunderts an den Leiningen-Westerburger Rat und späteren Kanzleidirektor Heinrich David Emanuel Schuler aus Wetzlar, der in den Adelsstand erhoben wurde und den Namen "von Schuler" führte. Die Familie war eng mit der von Johann Wolfgang von Goethe verwandt und 1779 besuchte der Vater des Dichters das Haus anläßlich der Taufe eines Neffen. Die Patin meines 1798 in Welterburg getauften Vorfahren Peter Nied war die "honobilis Helena Sophia Charlotte von Schuler ex Weltersburg" und entstammt mit Sicherheit der Familie aus dem Reifenberger Schlößchen. Für weitere Hinweise bin ich dankbar!

Ich fuhr weiter an den Fuß der 435 m hohen Basaltkuppe, auf welcher im 11. Jahrhundert eine Burg gegründet wurde. Diese war Mitte des 17. Jahrhunderts bereits verfallen. Wie ich sehen konnte, existieren heute noch einige Mauerfragmente und es gibt eine schöne Aussicht auf das Umland, u.a. kann man Salz samt Kirche hervorragend erblicken. Ob meine Menges, Nied und Stahl-Vorfahren aus Weltersburg auch schon hier gesessen haben?

Am Fuße der Basaltkuppe befindet sich ein kleines Kirchlein, welches rein äußerlich große Ähnlichkeit mit der St. Leonhards-Kapelle hat. Gegenüber liegt ein vielphotographiertes Haus mit einem interessanten Giebel. Einzig von einem offenbar viel kleineren Haus erhalten ist der Fachwerkgiebel, den man kurzerhand in die Hauserweiterung integriert hat. Außer einem anderen Fachwerkhaus in der Nähe zum Burgaufstieg besteht Weltersburg aus historisch nicht erwähnenswerten Häusern.
Mittlerweile war es - der fortgeschrittenen Jahreszeit geschuldet - dämmerig geworden und ich machte mich auf den Rückweg nach Limburg.

Diez

Nach einem weiteren Archivbesuch am nächsten Tag fuhr ich zur nahegelegenen Stadt Diez. Genau zwischen den beiden Städten verläuft heute die Landesgrenze zwischen Hessen und Rheinland-Pfalz. Diez blickt auf eine sehr lange Geschichte zurück, denn bereits in der Altsteinzeit war die Gegend besiedelt. Die Stadtsilhouette bestimmt das von weitem sichtbare, hochmittelalterliche Grafenschloß, dessen älteste Teile aus dem 11. Jahrhundert stammen. Die Burg und die ihr zu Füßen liegende Altstadt wurde nicht umsonst zur Denkmalzone ernannt. Entlang z.B. von Pfaffengasse, Altem Markt und Altstadtstraße finden sich zahlreiche liebevoll restaurierte Fachwerkgebäude. Eine weitere Denkmalzone ist der angrenzende Bereich der sogenannten Neustadt, die ab 1690 mit regelmäßigem Grundriß angelegt wurde. Wie schon in der Limburger Altstadt kann sich der Besucher schnell in vergangene Zeiten zurückversetzen. Da es bereits wieder dunkel wurde, beschloß ich am nächsten Tag, meinem Abreisetag, nochmals nach Diez zu fahren.

Am nächsten Morgen besuchte ich als erstes das Museum im Grafenschloß, welches man sicher als Stadtmuseum bezeichnen kann und was einen Besuch wert ist. Hochinteressant ist die Verbindung der Stadt Diez mit dem niederländischen Königshaus, denn Diez wurde später der Stammsitz der Grafen von Nassau-Diez, die im 17. und 18. Jahrhundert als Statthalter in den Niederlanden Dienst taten und auf die das heutige niederländische Königshaus zurückgeht. Diesem ist ein besonderer Teil der Museumsausstellung gewidmet. Ende des 18. Jahrhunderts gingen alle linksrheinischen Gebiete an Frankreich und das Fürstentum Oranien entstand. 1806 ging die Grafschaft Nassau-Diez im Herzogtum Nassau auf welches 1866 preußisch wurde.

Neben dem Grafenschloß ist sicherlich Schloß Oranienstein, direkt an der Lahn gelegen, die Hauptattraktion von Diez. Leider hat das einen Haken: das Barockschloß liegt innerhalb eines von der Bundeswehr genutzten Geländes und der Zutritt ist somit entsprechend reglementiert. Allerdings werden regelmäßige Führungen angeboten. Ich hatte das Pech, daß diese ausgerechnet zur Zeit meines Besuches ausgesetzt worden waren. Also verblieben mir nur ein Gespräch mit der Wache am Eingang und der Versuch, von der gegenüberliegenden Seite der Lahn einen Blick auf das Kleinod mit der besonderen Geschichte zu werfen.

Oranien, heute eigentlich Oranien-Nassau (niederländisch: Oranje-Nassau), ist der Name des regierenden Königshauses der Niederlande. Der heute in den Niederlanden regierende Teil des Hauses Nassau hält seit 1530 auch den Titel des Prinzen von Oranien. Schloß Oranienstein wurde 1672 bis 1681 als Witwensitz für die Diezer Gräfin Albertine Agnes von Oranien-Nassau auf den Ruinen des ehemaligen Benediktinerinnenklosters Dierstein erbaut. Der Umbau zum Barockschloß erfolgte 1704-9 und im wesentlichen entstand damals der auch heute noch vorhandene, fünfflügelige Baukörper. Das Schloß verlor 1743 die Bedeutung des Residenzschlosses zu Gunsten der Residenz in Dillenburg. Wilhelm IV. wurde 1747 Erbstatthalter aller niederländischen Provinzen, vereinigte somit alle reichsdeutschen und niederländischen Besitzungen des Hauses und führte als erster den Titel eines Fürsten von Oranien und Nassau. Erst ab 1801 nutzte mit dem von Napoleon entmachtete Wilhelm V. von Oranien wieder ein Mitglied des Hauses Nassau Oranienstein als Residenz. Sein Sohn Wilhelm VI. wurde nach der Niederlage Napoleons 1815 als Wilhelm I. König des neugeschaffenen Königshauses der Niederlande.
Später diente das Schloß als Jagd- und Sommerschloß, preußische Kadettenanstalt, NAPOLA und Unterkunft für die französischen Besatzer. Seit 1962 ist es im Besitz der Bundeswehr.

Weilburg

Leider schritt die Zeit weiter fort und ich mußte mich auf den Heimweg machen. Einer Empfehlung folgend fuhr ich nicht auf dem direkten Weg zur A 45, sondern nahm den Umweg über Weilburg. Entstammt aus Diez das niederländische Königshaus, so entstammt aus Weilburg das heutige großherzogliche Haus von Luxemburg. Luxemburg war bis 1890 (dem Tode des niederländischen Königs Wilhelm III.) in Personalunion mit dem Königreich der Niederlande vereinigt. Wegen des Aussterbens des niederländischen Königshauses (Oranien-Nassau) im Mannesstamme, gelangten aufgrund des privatrechtlichen Erbvertrags zwischen den Prinzen des Hauses Nassau (des Nassauischen Erbvereins) die nächsten männlichen Verwandten, die Herzöge von Nassau-Weilburg, an die Regierung. Damit erhielt Luxemburg seine eigene erbliche Dynastie, das Haus Nassau-Weilburg.

Der Blick auf das Schloß ist beeindruckend: es liegt auf einem Bergsporn in einer Lahnschleife und zählt zu den am besten erhaltenen Renaissanceschlössern in Hessen. Leider ist es nur im Zuge einer Führung zu besichtigen, die mich wenig begeisterte. Photographieren war aus nicht nachvollziehbaren Gründen nicht gestattet.

Eine Befestigungsanlage bestand in dieser exponierten Lage bereits um 900 und weitere Ausbauten erfolgten im Mittelalter. Um 1545 begannen Arbeiten am Hochschloß, im 18. Jahrhundert erweiterte man das Schloß in alle Richtungen. Da später kaum noch Erweiterungen folgten, findet man heute noch das barocke Schloß vor. Problematisch war, daß das Schloß fast ohne Einrichtung übergeben wurde, nachdem es 1935 an den Staat Preußen übergegangen war. So mußten aus anderen Schlössern Möbel nach Weilburg gebracht werden und zum Teil nach historischen Beschreibungen rekonstruiert werden.

In den zu besichtigenden Räumen ist besonders die 1709 gebaute schwarze Marmorbadewanne im Badekabinett erwähnenswert, die über fließend kaltes und warmes Wasser verfügt. Daneben sind das aufwendig ausgestattete Chinakabinett sowie das Kurfürstenzimmer, ein barockes Schlafzimmer für wichtige Gäste, zu besichtigen. Es verfügt über ein prunkvolles in rot gehaltenes Bett, sternförmigen Parkettfußboden und einen Kamin aus schwarzem Marmor. Interessant ist die Obere Orangerie mit großen Fenstertüren zum Schloßgarten. Da dem Schloßbauherren echte Delfter Kacheln zu teuer waren, ließ er 1.548 (!) Kachelimitate malen. Einzig im diesem Bereich gab es im Zweiten Weltkrieg einen kleinen Schaden durch eine Fliegerbombe. Der Rest des Schlosses blieb unzerstört.

Der Schloßgarten im französischen Stil ist terrassiert und für ein Schloß dieser Größe relativ klein. Dies ist vermutlich dem begrenzten Platz auf der Lahnschleife geschuldet.

Meinen Besuch in Weilburg beendete ich mit einem kurzen Spaziergang durch die direkt an das Schloß angrenzenden Straßenzüge, in der sich teilweise auch schöne Fachwerkhäuser finden.

Braunfels

Die Zeit drängte und ich mußte weiterfahren, nicht ohne allerdings noch einen Abstecher zum 13 Kilometer entfernten Schloß Braunfels zu unternehmen. Eine Broschüre hatte mich auf die Idee gebracht. Das im 13. Jahrhundert erstmals erwähnte Schloß befindet sich auf einer weithin sichtbaren Basaltkuppe. Die Burg befindet sich heute noch im Familienbesitz der Nachkommen der Grafen von Solms. Als ich von der Straße aus das Gebäude erblickte, hatte ich ein déja-vu: die Burg erschien wie eine Kopie von Hohkönigsburg / Haut-Koenigsbourg im Elsaß. Erfolgte die Restaurierung von Hohkönigsburg kurz nach 1900 allerdings relativ rücksichtsvoll, so ließ der amtierende Fürst das Schloß Braunfels ab 1840 radikal im damals populären neogotischen Stil quasi neu erstehen. Weitere Um- und Anbauten erfolgten ab 1880 im Stile des Historismus. Das Resultat ist die heute zu besichtigende "Märchenburg", die alle Klischees der Ritterzeit bedient. Ich verzichtete auf eine Innenbesichtigung und fuhr auf Nebenstraßen weiter durch den herbstlich bunt gefärbten Westerwald in Richtung Autobahn.

» Anmerkung: weitere Photos von der Reise finden sich hier.