Kurzreisen nach Herzogenrath, Kerkrade, Garzweiler 2015-2016

Herzogenrath (D) und Kerkrade (NL)

Herzogenrath (D) und Kerkrade (NL) liegen unweit Aachens und sind durch die deutsch-niederländische Grenze getrennt.

Um 1100 entstanden in dem Gebiet drei Siedlungskerne auf Rodungsflächen: der eine Siedlungskern war ein Ort mit Pfarrkirche (das heutige Kerkrade/Kirchrath), östlich daran schloß sich als jüngste Siedlung ein Kloster an (die spätere Abtei Klosterroda/Klosterrath/Rolduc), und unmittelbar nordöstlich in geringer Entfernung der Ort s'Hertogenrode/Herzogenrath, wo sich die Burg der Grafen von Saffenberg befand.

Die Siedlung im Bereich des heutigen Herzogenrath wurde bereits 1104 urkundlich erwähnt in den Annales Rodenses des Klosters Rolduc als Burgsiedlung der Grafen von Saffenberg „Castrensis Viculis“. Die Burg war Grenzfestung und Zollburg in einem. Die Zollstelle war so wichtig und einträglich, daß die Abtei Rolduc (die heute auf niederländischem Gebiet in Kerkrade liegt) Stammkirche der Herzöge von Limburg wurde.

1282 wurde der Name Herzogenrath unter der Bezeichnung „s’Hertogenrode“ („des Herzogs Rodung“) erstmals urkundlich belegt. Von 1544 bis zur französischen Besetzung 1794 gehörte der Ort für 250 Jahre zu den habsburgischen Niederlanden. Mit der Grenzziehung durch den Wiener Kongreß (1815) wurde das Land Rode aufgeteilt. Das heutige Herzogenrath und damit auch die Burg Rode fielen an Preußen, die andere Hälfte und auch das Kloster Rolduc gingen an die Vereinigten Niederlande und wurden zur Gemeinde Kerkrade.

>> Grenze (ext. Link)

Heute verläuft die Landesgrenze, die sich ursprünglich an den Außenbereichen von Herzogenrath befand, deshalb zwischen den Städten Kerkrade und Herzogenrath. Ein Unikum ist, daß die Grenze dabei auf der Aachener Straße genau in der Straßenmitte verläuft: westlich liegen die Niederlande, östlich Deutschland. Bis 1995 kennzeichnete die Grenze ein 25 cm hohes Mäuerchen mitten in der Straße.

1104 war das Gründungsjahr der Abtei Rolduc, die fortan die Geschicke Kerkrades beeinflußte. Mit der Abtei nahmen auch Kerkrade/Kirchrath sowie die umliegenden Höfe und Weiler einen regen Aufschwung. Um das Jahr 1300 herum verlief die wichtige mittelalterliche Handelsstraße von Maastricht nach Köln durch Kerkrade und Herzogenrath.
Heute wird der größte Teil des Klosterkomplexes als Hotel und Kongreßzentrum genutzt. Ein kleinerer Teil dient immer noch als Katholisches Priesterseminar des Bistums Roermond.

Tagebau Garzweiler

Auf dem Weg nach Hause passierten wir auf der Autobahn 61 den Großtagebau Garzweiler, heute Garzweiler I genannt. Die Lagerstätte ist Teil des rheinischen Braunkohlereviers. Hier entstanden bis vor 5 Millionen Jahren aus Wäldern und Mooren bis zu 100 m mächtige Braunkohleflöze.

>> Karte des Rheinischen Braunkohlereviers (ext. Link)

Die Braunkohle wurde in verschiedenen Gruben bereits ab dem 19. Jahrhundert abgebaut. Im Jahre 1983 wurden mehrere Abbaufelder zusammengeschlossen und es entstand der heutige Großtagebau auf einem 66 Quadratkilometer großen Areal. 1995 wurde das 48 Quadratkilometer große Abbaugebiet Garzweiler II genehmigt. Die abgebaute Braunkohle wird zumeist in Kraftwerken der Region verarbeitet. Dorthin gelangt es auf dem Schienenwege oder per Bandförderung.

Wir stoppten am Skywalk Garzweiler beim Ort Jackerath. Der Anblick dort verschlägt dem Besucher die Sprache. Es ist eben doch ein Unterschied, etwas in den Medien zu sehen oder real vor Ort. Vom Aussichtspunkt an der Südwestecke des Tagebaus überblick man ein etwa 8 Kilometer langes Riesenloch mit einer terrassenförmigen Geländekante. Auf dem Boden des Loches war die dunkle Braunkohle erkennbar. Einer von den 7 im Einsatz befindlichen, gigantischen Schaufelradbaggern war an der Westkante der Grube damit beschäftigt, die über der Kohle liegende, sehr mächtige, aus höchst fruchtbarem Löß bestehende Deckschicht abzubaggern. In Garzweiler I beträgt die Relation von abgebauter Kohle zu Abraum 1 : 2,9. Beim projektierten Garzweiler II wird sich die Ratio auf 1 : 5 erhöhen und damit fast verdoppeln.

Als nächstes fuhren wir zum Ort Immerath. Er liegt westlich der Autobahn 61 und verkörpert eindringlich das Problem des Kohleabbaus im Tagebau, denn er liegt genau im projektierten Abbaugebiet von Garzweiler II. Immerath ist - bis auf eine Familie, die der Räumung des Ortes erbitterten Widerstand leistete - verlassen. Eine Geisterstadt aus aufgegebenen Häusern mit vernagelten Fenstern und Türen. Inmitten dieser Unwirtlichkeit ragt die für den Ort völlig überdimensionierte Pfarrkirche St. Lambertus vom Ende des 19. Jahrhunderts hervor - auch ihre Fenster vernagelt. Am nördlichen Ortsrand haben Bagger bereits begonnen, die ersten Häuser abzureißen.

Immerath ist einer von zwölf Orten, die von der Zwangsumsiedlung durch Garzweiler II betroffen sind. Der juristische Widerstand ist ausgereizt, seitdem mit dem Urteil vom 17. Dezember 2013 das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe entschied, daß Umsiedlungen und Enteignungen zur Gewinnung von Braunkohle nicht gegen das „Grundrecht auf Heimat“ verstoßen. Die Energieversorgung und damit auch der Abbau von Braunkohle seien wichtig für das Gemeinwohl.

Eine Fahrt durch das Gebiet macht nachdenklich. Tausende Menschen haben bereits ihre Heimat verloren, andere werden folgen. Das Umsiedlungsprogramm samt Abriß und Neubau von Autobahnabschnitten kostet Millionen. Hinzu kommen die extremen ökologischen Auswirkungen des Tagebaus, der eine Mondlandschaft hinterläßt. Braunkohle erzeugt bei der Verbrennung Unmengen des schädlichen Kohlendioxids. Durch den Abbau wird u.a. flächendeckend das Grundwasser abgesenkt und die Feinstaubbelastung der Region ist extrem hoch. Darf für die Energiegewinnung wirklich jedes Mittel recht sein? Nach jetzigem Stand soll der Abbau erst 2045 enden...

>> Der Bagger frißt sich in Richtung Immerath vor.